Angst kauft. Panik verkauft!

5. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Man kommt nicht umhin, beeindruckt zu sein. Am Ende einer Woche, die eine Fahrt mit der Achterbahn als gemütliche Kaffeefahrt erscheinen lässt, steht an der Wall Street ein Plus. Im Vergleich zum Vortag ebenso wie zur Vorwoche. Und nachdem man zu Wochenbeginn beim marktbreiten S&P 500 nur knapp oberhalb der Panik-Tiefs des 24. August wieder nach oben gedreht hatte, drängen sich vordergründig zwei Erkenntnisse auf:

Die bullishe Seite sitzt wieder fest im Sattel und man freut sich über schwache Konjunkturdaten, weil diese die Zinswende der US-Notenbank verhindern wird. Nur …

… schaut man genauer hin erkennt man: Das ist Quatsch. Im Gegenteil erkennt man dann: Diejenigen, über denen das Wasser zusammenschlagen würde, wenn eben diese August-Tiefs, ob bei DAX oder S&P und anderen Indizes, fallen würden, hoffen und beten, dass die Mehrheit der Akteure genau das denkt und ihren Käufen folgt … die reine Verzweiflungskäufe waren.

Da man an der Börse gut daran tut, nie etwas kategorisch auszuschließen, muss man einräumen: Theoretisch könnte aus diesen Käufen vor dem Wochenende eine vergleichbare Rallye wie im Oktober 2014 entstehen. Aber nüchtern betrachtet sind die Chancen dafür bescheiden. Sehr bescheiden. Sehen wir uns die Gemengelage doch mal an:

Was ist eigentlich schlimmer, als immer im Wechselbad zwischen schwindendem Wachstum und Zinserhöhungen zu stehen? Ganz einfach: Damit rechnen zu müssen, dass einem beides zugleich wiederfährt! Und genau in dieser ganz speziellen Hölle braten die US-Anleger.

Die Konjunkturdaten der vergangenen Woche waren bis auf das Verbrauchervertrauen ein einziges Elend. Einkaufsmanagerindizes mies, Aufträge für die US-Industrie mies, Arbeitsmarktdaten mies. Und das Verbrauchervertrauen? Wer sich mal genauer ansieht, wie das ermittelt wird, lacht sich schief. Diese „Indikation“ ist einfach nur Blödsinn (u.a. hier nachzulesen https://de.wikipedia.org/wiki/Consumer_Confidence_Index). Gleichzeitig wiederholt die US-Notenbank gebetsmühlenartig ihren Willen, die erste Leitzinserhöhung noch in diesem Kalenderjahr durchzuführen.

So betrachtet ist diese Rallye der US-Börsen, die den S&P 500 am Freitag plötzlich gegen 16 Uhr erfasste und ihn vom Tagestief aus drei Prozent (für den S&P 500 ungewöhnlich viel) höher trug, einen genaueren Blick wert.

Ist es glaubhaft, dass es zwar um 14:30 Uhr als Reaktion auf die klar unter den Erwartungen ausgefallenen Arbeitsmarktdaten zu einem wirklich heftigen Kurseinbruch kam und zugleich der US-Dollar wegen der dadurch unterstellten, sinkenden Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung durchsackte, dies alles aber um 16 Uhr auf den Kopf gestellt wurde? Dass Dollar und Aktienindizes zugleich fielen, zeigte ja: Man realisierte die sinkende Zinswende-Wahrscheinlichkeit, reagierte darauf aber negativ, weil man den Abstieg der US-Konjunktur fürchtete. Und da sollte anderthalb Stunden später plötzlich ein kollektiver Meinungsumschwung stattgefunden haben? Da lachen ja die Hühner.

Nein, hier wurde gekauft, um zu verhindern, dass die schon wieder näher rückenden August-Tiefs brechen. Denn das muss um jeden Preis verhindert werden. Sprich: Es war Angst, die hier kaufte, nicht Überzeugung. Und Angst ist kein guter Treibstoff für einen echten Aufwärtstrend. Im Gegenteil. Von Angst zu Panik ist es nicht weit. Und Angst kauft … Panik indes verkauft!

Aber was soll denn daran so dramatisch sein, wenn diese August-Tiefs brächen? Dafür gibt es gleich vier Gründe:

1. Ein Problem ist die gekippte Stimmung. Das ist anders als im Herbst 2014, als man mehrheitlich noch sicher war, dass man auch diesmal nur eine Korrektur sähe und wieder mal belohnt würde, wenn man in ein fallendes Messer greifen würde. Nach dem monatelangen Seitwärtstrend an der Wall Street und der „abgeschossenen“ EZB-Hoffnungsrallye in Europa ist der über viele Jahre antrainierte, blinde Optimismus, der feste Glaube an die Allmacht des billigen Geldes, deutlich gesunken. Diesmal kann man sich daher nicht einfach darauf verlassen, dass die Anleger gehorsam wieder einsteigen, nur, weil alles und jeder seitens der sogenannten Experten von lächerlichen Übertreibungen nach unten faselt.

2. Auch im Oktober 2014 war es schon knapp hinsichtlich einer echten Trendwende nach unten. Hätte EZB-Chef Draghi da nicht – keineswegs zufällig – im rechten Moment, kurz vor einem Verfalltermin an der Terminbörse, laut darüber nachzudenken begonnen, die Anleihe-Stützungen der EZB auch auf Staatsanleihen auszudehnen, es hätte böse ins Beinkleid gehen können. Womit ließe sich aber hier und heute aufwarten? Die Wall Street eiert zwischen Skylla und Charybdis hin und her: Man hat nur die Wahl, ob man sich vor einer verwirrten US-Notenbank oder dem Verpuffen jeglichen Wachstums fürchten soll. Und in Europa deutet sich nicht an, dass die Marktteilnehmer auf eine erneute Ausweitung der Anleihekäufe positiv reagieren würden, nachdem all die vorherigen, brandgefährlichen Aktionen nichts gebracht haben. Und dann wäre da immer noch die berechtigte Angst vor China. Und wenn die Stimmung erst einmal im Eimer ist, wirkt das hysterische Gekreisch derer, die China auf einmal als völlig nebensächlich sehen, nur umso beängstigender. Anleger können Angst riechen. Und die Finanzindustrie fängt nicht nur an, langsam ein wenig zu müffeln. Sie stinkt vor Angst.

reservchart1

Warum? Können die nicht einfach mit ihren Milliarden mit der Brechstange kaufen, damit einen Aufwärtstrend lostreten, auf den die Anleger dann wie sonst auch aufspringen? Immerhin sind es vor allem die Kurse selbst, die die Stimmung ausmachen. Steigen die Kurse, verschwindet die Angst! Ja, schon. Aber der vorstehende Chart zeigt ein entscheidendes Problem:

3. Das Geld ist knapp. Die Grafik zeigt die Barreserven der US-Aktienfonds in Prozent über die letzten zehn Jahre. Knapp sind sie immer. Aber sie waren noch nie so knapp wie jetzt. Während die Barreserven 2008 schon gestiegen waren, bevor die Aktienmärkte kippten, weil man in der zweiten Jahreshälfte 2007 durch die damalige „alles-ist-gut“-Propaganda imstande war, den Anlegern die eigenen Bestände zu Höchstkursen anzudrehen, gelang das diesmal nicht. Die Kurse fallen – und die Fonds sind immer noch voll dabei, im Gegenteil, seit Jahresbeginn sind die Reserven sogar gesunken. Was bedeutet: Entweder man hält die ganze Zeit dagegen und es funktioniert nicht. Oder die Anleger ziehen bereits massiv Kapital ab. Oder … beides! Was bedeutet:

Die institutionellen Investoren haben weitaus schlechtere Karten wenn sie versuchen, die Kurse mit der Brechstange wieder in die „Wohlfühl-Zone“ zu treiben als früher. Was sie aber müssten, denn wie gesagt: Gute Argumente für einen Aufwärtstrend geben die Rahmenbedingungen eben nicht her. Sie haben nur einen Schuss … der dementsprechend sitzen muss. Und man hat den Eindruck, den feuert man gerade ab. Was passiert, wenn er nicht sitzt? Dazu ein Blick auf den Chart des DAX:

daxchart2

4. Der DAX hat in der abgelaufenen Woche erneut eine Schlüsselzone angelaufen. Das August-Tief ist nämlich auch langfristig, wie dieser Chart auf Wochenbasis zeigt, eine immens wichtige Kreuzunterstützung. Hier findet sich nicht nur die längerfristige Aufwärtstrendlinie aus dem Sommer 2011, sondern auch das 76,4 Prozent Fibonacci-Retracement der EZB-Hoffnungsrallye von Oktober bis April. Sollte diese Zone um 9.300 brechen, kann es sehr leicht dazu kommen, dass die komplette EZB-Rallye zu Staub zerfällt, sprich man wieder an den Ausgangspunkt vom Oktober zurücksackt. Die Charttechnik ist somit der vierte Aspekt, der klarmacht, dass die Risiken nach unten momentan nicht unterschätzt werden sollten.

Stimmung hinüber, Motivation Fehlanzeige, Geld knapp und Charttechnik kritisch: Kein Wunder, dass die großen Adressen, die außerstande waren, ihre Bestände nennenswert zu reduzieren, jetzt alles tun, um irgendwie den Finger im Loch zu behalten, um zu verhindern, dass der Riss im Deich größer wird und das ganze Ding dann plötzlich bricht. Denn sie wissen: Sie stehen direkt dahinter … bricht der Deich, ersäuft sie die Welle. Denn natürlich stellt sich die Frage:

Wenn jetzt alle nahe über diesen aktuellen, wichtigen Supportlinien kaufen … DAX 9.300, S&P 500 1.870, Dow Jones 16.000 … wer kauft denn bitte sehr direkt unter diesen entscheidenden Unterstützungen? Niemand. Und:

Je länger diese Zonen im Feuer stehen, je öfter sie aktiv verteidigt werden müssen, desto mehr Geld ist ja direkt an diesen Linien ins Rennen gegangen und rutscht ins Minus, wenn diese Linien doch brechen sollten. Was andeutet: Darunter liegen immense Stop Loss-Orders. Werden die ausgelöst, hätten wir auf einmal gigantisches Angebot … und keiner würde auf der Käuferseite stehen. Basis für eine fatale Kettenreaktion:

Neue Tiefs würden, nachdem man nun seit Ende August eben diese Tiefs als „Schnäppchenniveau“ tituliert hat, die Stimmung der Anleger nur noch weiter eintrüben. Aber noch mehr Menschen, die ihr Geld aus Fonds abziehen hieße noch mehr Geld, das diese auszahlen müssten. Und das hieße wegen der zu knappen Barbestände: Immer noch mehr verkaufen zu müssen – und damit eine Abwärtsspirale im Stil des Spätsommers 2008 in Gang zu setzen.

Das ist der Grund, warum es momentan die Angst ist, die diese wilden, auf den ersten Blick nicht verständlichen, aber doch so bullish wirkenden Rallyes auslöst. Hier kaufen ja sogar die, die innerlich gar nicht bullish sind, aber es sein müssen, weil sie einen Fonds, eine Pensionskasse oder ähnliches mit übervollem Portfolio managen müssen!

Und diese Gemengelage macht zugleich klar, wie klein der Schritt ist von Angst zu Panik, wenn eben diese Käufe nicht wirken. Wenn diese Tiefs brechen, müssten so viele gleichzeitig aussteigen, um irgendwie noch größeren Schaden zu begrenzen, während zugleich die Käuferseite völlig verwaist wäre, dass es für einen erneuten Mini-Crash reichen könnte. Nicht, weil nun Oktober ist. Sondern weil die Gesamtlage dieses Risiko einfach hergibt.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – www.baden-boerse.de

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2 Kommentare auf "Angst kauft. Panik verkauft!"

  1. Argonautiker sagt:

    Was muß das für ein Gefühl sein, wenn man Entscheidungen fällen kann, die zum billigen Geld drucken führen, und man damit, durch erneute Investitionen in die Börsen, das eigene Geld, was dort schon angelegt ist, noch zum wachsen zu bringen.

    Ist das nicht das Perpetuum Mobile?

    Wieso darf ich das nicht auch?

  2. waltomax sagt:

    Asche zu Asche, Papier zu Papier. Und dann wieder Asche zu Asche….

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