Analystenbingo bei Gold & Silber

6. April 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

Glosse von Frank Meyer

Dieser Krach! Aufhören! Bitte! Ja, liebe Leser, das passiert, wenn ein „Hype“ wie der in den Edelmetallen seinen Höhepunkt erreicht. In den Zeitungen steht, dass Gold und Silber in einer solchen Phase wären. Dann wird es Zeit, Fenster, Türen und Ohren zu verschließen – wegen dieser Kreischerei. Wie bitte? Sie hören nichts?

Was ist das, was solch einen Krach macht? Ist es das Geschnatter von Kookaburras? Das Gegrunze von südafrikanischen Springböcken? Ein Brummen von chinesischen Pandas oder das Fideln von Philharmonikern?

Experten in den Analyseabteilungen von Banken und anderen Kapitalsammelstellen haben auch diesen Hype bei Gold und Silber entdeckt. Sie haben das vermutlich aus der Zeitung, von ihren Kollegen oder aus ihren (hyper-)modernen Lehrbüchern. Das mit dem „Hype“ stand gestern sogar in der Bild-Zeitung – verbunden mit der Warnung anderso, dass der Glanz von Gold verblassen wird. Das Handelsblatt schrieb, dass es sich um eine riskante Rally handelt. Das war gestern. Kein Wunder, dass es in der Nachbarschaft so laut ist.

Übrigens ist der Kookaburra, also die australische Form des heimischen Eisvogels, dabei der schlimmste Krachmacher…

Da der Autor dieser Zeilen keine Ahnung hat, warum dieses „Blech“ immer teurer wird, hat er sich in den Agenturen umgeschaut, was diese zum Thema Edelmetalle aufbieten. Agenturen sind sehr schnell. Sie bieten eine reiche Auswahl an erlesenen Meinungen, die am Tag später dann in den Zeitungen stehen und Anlageentscheidungen beeinflussen.

Silber ist so teuer wie seit 31-Jahren nicht mehr, heißt es dort. Es rannte gestern Abend irgendwo bei 39 US-Dollar entlang. Gold in US-Dollar ist so teuer wie noch nie. Allerdings gab es keine Schlagzeilen dazu, keine roten Balken und keine Aufregung an der Börse. Ich sah auch keine Schlangen von Leuten, die vor dem Münzkabinett in Frankfurt stundenlang ausharten, um ein paar Krümel zu kaufen.

Man sagte mir dort, dass aber die Leute trotzdem auch weiter Papiergeld in Gold und Silber tauschen. Ja, lesen die denn keine Zeitungen?

Unterdessen kreischt schon der nächste Kookaburra in der Nachbarschaft auf. Vielleicht hat er ja gerade erfahren, dass er jetzt 1.000 Euro wert wäre. Ich bin sauer. Warum hatte man mir das nicht vor einem Jahr gesagt? Was machen diese vielen lohnabhängigen Analysten den lieben langen Tag? Nachdenken. Aber worüber?

In Frankfurt kursieren derweil böse Gerüchte um eine speziell im Edelmetallsektor erprobte Forschungsmethode: Analystenbingo soll sie heißen. Ich erkläre Ihnen das, was mir da zugetragen wurde…

Also: Man benötigt nicht viel. Etwas Papier, einen Stift und ein Gefäß, welches einem Würfelbecher aus einer indischen Würfelbude ähnelt. Dieser wird mit acht Papierkügelchen befüllt, auf die zuvor folgendes geschrieben wurde..

  1. Gold kann man nicht essen
  2. Gold bringt keine Zinsen
  3. Steigende Zinsen sind doof
  4. Gold ist doof.
  5. Preise können steigen
  6. Preise können fallen
  7. Gold ist spekulativ
  8. Edelmetalle sind nicht edel, sondern zu teuer

Der Becher wird noch mit „könnte“, „sollte“ und „hätte“ befüllt. Alles gut durchschütteln. Auskippen und fertig!

Und jetzt kommt auch noch die supergroße Mega-Zinswende der EZB… Das wird dem „Hype“ in den Edelmetallen den Garaus machen. Garantiert. Soweit in Erfahrung zu bringen war, steigt der Preis der Metalle aber seit rund zehn Jahren. Er stieg, als die Zinsen angehoben wurden. Er stieg, als die Zinsen gesenkt worden sind. Und er stürzte ab, als man die Leitzinsen 2008 panikartig auf Null presste. Da scheint es einen Fehler im Würfelbecher zu geben. 2. Wahl? Import aus China? Muss man etwa bei den Händlern Ausschau halten…

Händler begründen die Entwicklung mit anhaltenden Inflationssorgen sowie der weiterhin angespannten Situation im Nahen Osten und in Libyen.

Wow! Warum in drei Teufeln Namen ist Silber schon vor den Ereignissen in Libyen und dem Nahen Osten so stark gestiegen? Hat dieses Zeug etwa wieder mehr gewusst als alle Händler der Welt zusammen? Ist es nicht erschütternd genug, dass sich die Silberpreise in dieser ach so bösen Deflation von zehn auf 20 Dollar verdoppelt haben? Und jetzt nochmal?

Damit ist Silber, das wegen seiner weitgehend gleichen Investment-Charakteristika auch das „Gold des kleinen Mannes“ genannt wird, im Verhältnis zum Gold so wertvoll wie lange nicht.

Da hat sich vielleicht schon wieder eine falsche Kugel in den Würfelbecher geschlichen. Sah die etwas bläulich aus? Wie dem auch sei, beide Metalle unterscheiden sich nach Wikipedia hauptsächlich in ihrer Verwendung. Das eine ist zu nichts zu gebrauchen, das andere in der Industrie unentbehrlich. Schwamm drüber…

„Sollten die Anleger ihre Spekulation auf steigende Preise fortsetzen, dürfte Silber damit zusätzliche Unterstützung finden.“

Warum habe ich das nicht studiert? Prognosen scheinen ganz einfach zu sein. Sollte die Nacht noch länger andauern, wird es bald Morgen. Wenn es regnet, wird man nass. Actio und reactio…

Die psychologisch wichtige Marke von 40 USD je Feinunze scheint in greifbare Nähe zu rücken.“

kommentieren die Analysten der Commerzbank. Psychologie? Gibt’s da keine Medizin? In greifbare Nähe zu rücken?

Die Bank mit den „Ideen nach vorn“ meint, dass nach 39 die 40 in greifbarer Nähe rückt. Unkommentiert lassen wir nun die Analystin Edel Tully zu Wort kommen…

„Es besteht zwar die Gefahr, dass der Silberpreis zu schnell nach oben gelaufen ist, aber die Anleger zeigen offenbar keine große Neigung zu verkaufen. Viele peilen sogar 50 USD an, bevor sie darüber nachdenken wollen.“

Noch am 4. April stand in der Bild-Zeitung, der Gold-Hype wäre vorbei. Die Schlagzeilen bei Reuters zum Gold lasen sich so:

*** Experten sehen Korrekturpotenzial

*** Goldpreis aktuell auf Niveau von Ende 2010

*** Anleger schichten von Gold in Silber um

Weiter im Text steht, dass die erwarteten Zinswende in Europa und den USA (!!!) den Glanz von Gold verblassen lässt. Schwupps, einen Tag später steigt der Preis auf ein Allzeithoch. Dieses fiese Zeug!

„Die Notenbanken zeigen mit einer Zinserhöhung, dass sie wieder Vertrauen in die Wirtschaft haben“ … „Warum sollte man dann noch eine Anlageklasse wie Gold halten, die als Krisenabsicherung gilt.“

wird Gerd-Henning Beck zitiert, Fondsmanager beim Vermögensverwalter Lupus alpha. Ich habe keine Ahnung. Hier seine weiteren Überlegungen…

„Solange die große Unsicherheit an den Märkten noch anhält, dürften wir eine Seitwärtsbewegung in der Spanne von 1350 bis 1450 Dollar sehen. Sobald es zu einer allgemeinen Entspannung kommt, kann der Goldpreis auch in Richtung 1000 Dollar zurückfallen.“

Also hat die Unsicherheit am Dienstag dramatisch zugenommen, um 16.30 Uhr, als der Goldpreis über 1.450 US-Dollar kletterte. Die Vögel in der Nachbarschaft schlagen schon wieder Alarm. Dieses Mal ist es offenbar ein „American Eagle“, der aus irgend einer Kiste krächzt. Hier rollt gerade ein anderes Papierkügelchen aus dem Würfelbecher über den Tisch… Ach, das war ein roter in Plastik eingewickelter Käse…

„Mit Gold bekomme ich keine Rendite, sondern habe nur die Chance auf eine Wertsteigerung“.

Gold bietet gar nicht die Sicherheit, die die Leute erwarten. Der Goldpreis war immer starken Schwankungen unterworfen“, sagt Markus Stahl, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Steinhart & Stahl aus Stuttgart (Handelsblatt)

…lassen wir unkommentiert stehen.

Gerade trudelt noch die Meldung über den Grund des neuen Allzeithochs beim Gold ein: Die Nachrichtenagentur schreibt, dass unter anderem die gestiegene Unsicherheit nach der Herabstufung der Kreditwürdigkeit von Portugal den Goldpreis stützt.

Kam diese nicht schon am Dienstag vor Börseneröffnung? Gold reagierte also mit 9-stündiger Verspätung darauf. Zwischendurch fiel es sogar – wahrscheinlich wegen der Unsicherheit in Sachen Portugal. Lahme Ente!

Apropos…! Ich suche mir jetzt eine Flinte. Dieses Gekreische aus den Schränken, Truhen, Kopfkissen, Betten und Kellern der komplett überinvestierten Leute in meiner Nachbarschaft geht mir schrecklich auf die Nerven…

©Frank Meyer

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