An der Börse spielen macht süchtig

2. März 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Manfred Gburek) Die Zitterpartie um die Ausgabenkürzungen im US-Haushalt gilt zwar offiziell als beendet, aber die möglichen Konsequenzen werfen Fragen auf… Wo wird gekürzt, wie wirkt sich das auf die Konjunktur aus und ruft Präsident Barack Obama sogar eine Art Notstand aus? Keine Frage, den Börsen – nicht nur in den USA – stehen deshalb besonders unruhige Zeiten bevor. Grund genug, sich dem Thema mal ganz anders zu nähern, nämlich von der menschlichen Seite.

Wie hypernervös Anleger weltweit auch auf andere Informationen reagieren, belegt die folgende Episode vom Freitag: Der chinesische Einkaufsmanager-Index für das verarbeitende Gewerbe – den gibt es tatsächlich – fiel im Februar auf 50,1 Prozent nach 50,4 Prozent im Januar. Werte über 50 Prozent bestätigen das chinesische Wirtschaftswachstum, das 2012 zwar „nur“ bei 7,8 Prozent lag, dem niedrigsten Wert seit 1999, aber ein Vielfaches des europäischen und amerikanischen Wachstums ausmachte. Prompt schickten Börsianer die deutschen Aktienkurse in den Keller, weil Deutschland und China wirtschaftlich eng verbandelt sind; erst am Freitagnachmittag kamen sie zur Besinnung und ließen die Kurse wieder ein wenig steigen.

Alles in allem handelte es sich um Wasser auf die Mühlen der Banken, die ihre Wertpapierkunden am liebsten zum Trading verführen, also zum häufigen Umschichten von Aktien und noch mehr von Derivaten. Daraus wird im Lauf der Zeit ein Spiel, das süchtig macht. Dann kommt es nicht mehr auf fundamentale Daten an, sondern auf irgendwelche Kursziele oder -barrieren, die sich die Financial Engineering-Abteilungen der Banken ausgedacht haben.

Eine weitere Episode bahnt sich gerade erst an, und zwar in Japan. Dort wird spätestens am 10. März Haruhiko Kuroda zusammen mit zwei Stellvertretern zum Chef der Notenbank bestellt, der Bank of Japan. Von Kuroda weiß man schon heute, dass er sich für den Kauf von Unternehmensanleihen und Aktienfonds durch die Notenbank einsetzen wird. Zumindest einer seiner Stellvertreter, Kikuo Iwata, plädiert dagegen für den Kauf von Staatsanleihen. Beide wollen den Teufel Deflation mit dem Beelzebub Geldschwemme austreiben, aber jeder mit anderen Methoden – ein Fest für die Banken, die ihre Kunden zum Trading mal in die eine, mal in die andere Richtung verführen.

Da braucht es uns nicht zu wundern, dass auch die zuletzt rauf und runter springenden Edelmetallpreise für Spielernaturen genug Anlass bieten, heute ein- und morgen wieder auszusteigen. Wenn Sie viel Zeit haben, sollten Sie dazu die Kommentare einschlägiger amerikanischer Medien verfolgen. Die finden zu jeder Preisbewegung eine Erklärung, mag sie noch so sehr an den Haaren herbeigezogen sein.

In letzter Zeit sind bei der Ursachenforschung zum Hin und Her der Edelmetallpreise geradezu penetrant verbreitet: „short covering“ und „safe haven“, wenn die Preise steigen, „weak sentiment“ und „futures trading“, wenn sie fallen. Das Ganze garniert mit den üblichen Floskeln, wonach Anleger angeblich wieder zuversichtlicher im Hinblick auf die US-Konjunktur sind, Fed-Chef Ben Bernanke mithilfe von „quantitative easing“ vielleicht doch nicht mehr so wie erwartet mit dem Geld um sich wirft und die Edelmetallpreise aus diesen beiden Gründen fallen – bis die Argumentation am nächsten Tag konterkariert wird… (Seite 2)

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2 Kommentare auf "An der Börse spielen macht süchtig"

  1. wolfswurt sagt:

    Spielsucht ist nicht so bedenklich wie des Volkes Seele meint.
    Die Sucht endet wenn das Geld verspielt ist.

    Die Gewinnabsichten der Banken und Broker ist doch ok, hat der Teilnehmer auf der anderen Seit ebenfalls Gewinnabsichten und zwar immer zu Lasten eines Dritten.

    Das die Spielsüchtigen das Spiel, welches sie spielen wollen, nicht verstehen kann man nicht den Banken oder Brokern anlasten.

    Das Fundament der Finanzmärkte ist der leistungslose schnelle Erwerb von noch mehr Geld zu Lasten eines Anderen der eben dieses Geld verloren hat.

    Banken und Broker sind nur die Casino-Betreiber im Auftrag der Geldschöpfungseliten, so wie der Staat die Spielcasinos betreibt.

  2. samy sagt:

    „… Alles in allem handelte es sich um Wasser auf die Mühlen der Banken, die ihre Wertpapierkunden am liebsten zum Trading verführen, also zum häufigen Umschichten von Aktien und noch mehr von Derivaten. Daraus wird im Lauf der Zeit ein Spiel, das süchtig macht. Dann kommt es nicht mehr auf fundamentale Daten an, sondern auf irgendwelche Kursziele oder -barrieren, die sich die Financial Engineering-Abteilungen der Banken ausgedacht haben.“

    Hm, na ja, und was ist mit den Banken selbst? Laufen die nicht mit denkbar knapper EK-Quote fröhlich gehebelt durch die Weltgeschichte? Müssen gerettet werden, weil die sich verzockt haben? Stehen kurz vor der Pleite? Oder Städte, Kommunen und sogar Kirchengemeinden, die Ihren Bankberatern vertraut haben und mit riskanten Finanzkonstrukten ganz erhebliche Summen verloren haben. Das ganze System „zockt“ nur noch. Die Banken sind „verführte Verführer“, mitnichten kontrollieren sie das Spiel noch.

    “ … Was die angeschlagene Gesundheit meiner verführten Bekannten betrifft, macht mir eines besonders große Sorgen: Je spielsüchtiger sie werden, desto mehr verlieren sie ihr Ziel aus den Augen, das ursprünglich darin bestand, eine höhere Rendite zu erzielen, als Tages- oder Festgeld ihnen bieten kann. Und je mehr die Spielsucht zu Verlusten führt, desto mehr sind sie erst psychisch und auf dem Umweg darüber auch physisch angeschlagen.“

    Sicher, Süchte sind gefährlich, aber jeder ist zunächst einmal für sich selbst verantwortlich. Ich habe einmal einen Bericht gesehen, in dem über Menschen berichtet wurde, die solariumsüchtig geworden sind. Und nun? Sind Solariumbesitzer Verführer?

    Ich selbst habe viel über mich gelernt. Über meine Ängste und meine Gier bei Verlust und Gewinn. Über die Unberechenbarkeit der Märkte und eigene Selbstüberschätzung. Ich meide jetzt jede nervöse Reaktion oder supergehebelte Zertifikate. Ich baue langsam aber scher etwas cash und EM auf. Und ein kleiner Teil wandert an die Börse. Und niemals, wirklich niemals zockt man mit Schulden !!!

    Wer meint er müsse sich auf Day-Trading und Co. einlassen, der muss wirklich wissen was er tut. Wie halt mit Lottospielerei, Nikotin- und Alkoholgenuß oder halt Solariumbesuchen auch.

    Und abschließend, es geht nicht nur um das Geld machen, sondern auch um die Freude am „richtig liegen“. Die Welt, Politik und Gesellschaft verstehen versuchen , anhand von Goldpreisen, Anleihezins und Ölpreisen usw.. Die Politiker durchschauen lernen.

    Sapere aude – Das macht Spaß!

    VG

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