An der Börse geht es munter heute rauf und morgen runter

9. Oktober 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

von Bankhaus Rott

Wohin bewegen sich die Aktienmärkte. Wie schnell geht es wohin und warum? Das sind Fragen, die sich in den Vereinigten Staaten nicht nur private Investoren stellen. Wie lange haben eigentlich die vergangenen Bullenmärkte durchgehalten?

Viele Europäer haben derzeit andere Sorgen als die Aktienkurse zu beobachten. Manch einer hat nicht mal mehr die Mark fürs Essen und andere haben von bunten Folien mit Mittelwertanalysen die Nase voll. Angesichts katastrophaler Indexentwicklungen in den Südändern kann das nicht verwundern. Wer glaubt nach einem Indexverlust von bis zu 90% noch an die albernen Versprechungen von 8% pro Jahr, die so mancher Finanzclown ignorant oder aus schierer Dummheit seinen Kunden versprach. In den Staaten sieht die Lage ein wenig anders aus, denn dort sitzt bekanntermaßen auch der Zentralbankchef selbst am Aktien-Tisch und hat die Entwicklung der Assetpreise vor einiger Zeit zum neuen heiligen Gral des Volkswohles auserkoren. Da neben Versicherern und Rentensparern auch die taumelnden Pensionskassen mit Aktienquoten von 40-50% unterwegs sind, dürften auch die Geldverwalter in gewohnter Manier auf den kostenlosen Beistand aus Politik und Währungsbüro hoffen.

Der Asset Management-Zweig von JP Morgan (JP AM) hat in einer kürzlich erschienen Veröffentlichung kräftig für die Aktien getrommelt, wenn auch zwischen den Zeilen. Die Reports von JP sind in der Regel vor allem wegen einiger interessanter Datenreihen durchaus beachtenswert, aber auch diesen Berichten haftet oft ein hartnäckiger Long-Bias an. Das zeigt sich auch bei einer Auswertung der vergangenen Bullenmärkte seit 1945.

Auf der oben stehenden Grafik ist der Ausreißer des Bullenmarktes von 1987 bis 2000 gut zu erkennen. Zu beachten ist die unterbrochene Skala, die das Ausmaß der Abweichung verschleiert und zu einer entsprechend unschönen Darstellung führt.

Die folgende Grafik zeigt die Bullenmärkte mit getauschten aber ungekürzten Achsen. Die Dauer des Bullenmarktes in Monaten ist auf der Y-Achse abgetragen. Die X-Achse zeigt die Performance der jeweiligen Anstiege. Ein Bild mag nicht den hehren Ansprüchen der Wissenschaft entsprechen, bei dem geringen Stichprobenumfang sollte man aber ohnehin keine Haare spalten. Wie stark der Ausreißer der Hausse der Jahre 1987 bis 2000 war, verdeutlicht das Diagramm allemal.

Zwischen 1987 und dem Jahr 2000 haben die Indizes um 582% zugelegt. Ein Blick in die Details führt zu noch erstaunlicheren Ergebnisssen. Wie außergewöhnlich die Gesamtentwicklung der Indizes seit dem Beginn der 80er Jahre war, wird klarer, wenn man sich den Crash des Jahres 1987 und den vorangegangenen Anstieg anschaut.

Das Jahr 1987 mit seinem Crash und einem dreimonatigen Kursrückgang als „Bärenmarkt“ zu zählen erscheint seltsam und folgt vermutlich dem Branchenmotto, jeder Rückgang um 20% falle in diese Kategorie. Man mag halt griffige Formeln. Aber man soll sich nicht um Worte balgen, in der Gesamtentwicklung war das Jahr 1987 zwar nicht besonders toll, aber alles andere als katastrophal. Der Dow schloss das Jahr sogar mit einem Kursplus ab, eine vergleichsweise wenig bekannte Tatsache.

Stuft man dieses Jahr demnach anders als JP Morgan dies tut nicht als Bärenmarkt ein, so zeigt sich das plausiblere Bild eines fast zwei Dekaden andauernden Bullenmarktes, der sich von 1982 bis zum Ende des vorigen Jahrtausends erstreckt. Grafisch sieht dies wie folgt aus. Deutlich zu erkennen ist die Ballung der anderen Haussen im Bereich von Anstiegen zwischen 50% und 150%. Für die Entwicklung von 2009 bis heute dürfen Aktionäre durchaus schon sehr dankbar sein. Wie auch immer man die aktuelle Lage beurteilt, Anhaltspunkte dafür, die 80er und 90er Jahre zum Normalfall zu verklären, gibt das Diagramm nicht her, aber hoffen ist wie immer erlaubt.

Einen Bullenmarkt, wie er in den Jahren 1982 bis 2000 seinen Lauf nahm, ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Anstatt diesen offensichtlichen Ausreißer als eben solchen hinzunehmen, basiert leider der Großteil der in den letzten Jahren stattfindenden Beratungen von Bankangestellten, Fondsverkäufern und „Finanzdienstleistern“ ausschließlich auf dieser Marktphase. Heraus kommen dabei absurde Renditeerwartungen und träumerische Hoffnungen auf die finanzielle Erlösung durch eine „kapitalgedeckte Altersversorgung“. Das ist überaus schade, denn die sich in der Folge einstellenden Enttäuschungen sind nicht nur unangenehm, sondern führen für viele Menschen in den finanziellen Ruin. Schade, dass Vermittlungsprovisionen im Voraus zu entrichten sind.

Nun sind Aktien, wie andere Anlagen auch, keine generell verwerfliche Assetklasse. Aber ausgerüstet mit falschen Hoffnungen und Gier – nicht selten auf beiden Seiten – führt die Geldanlage oft schnurstracks in die Katastrophe. Selten wird bei der Bewertung von Aktienrisiken über den Tellerrand der „großen Hausse“ von den 80igern bis zur Jahrtausendwende geschaut. Selbst aus teils vollkommen anderen Voraussetzungen damals und heute, wie etwa dem Zinsumfeld, werden noch fadenscheinige Argumentationsketten für eine Wiederholung des herbeigesehnten Szenarios gestrickt.

Auch die Mär von der Seitenlinie, an denen viele Anleger angeblich lauern, ist ebenso beliebt wie unsinnig. Der eine verkauft Papiere an den anderen, die Zahl der Aktien ist die gleiche, niemand kann seine Wertpapiere in eine imaginäre Cloud einlagern, es gibt immer eine Gegenseite.

Der Kauf von Aktien oder anderen Wertpapieren „weil einem nichts Besseres einfällt“ ist keine besonders elaborierte Strategie. Man schlägt sich ja auch nicht mit dem Holzbalken auf den Schädel, nur weil es mit der Eisenstange noch schmerzhafter wäre. Menschen, die an den Märkten aktiv sind, sollten wissen was sie tun und sich nicht durch das Geschrei von Zentralbanken oder Politikern in die Irre führen lassen. Wie in der Vergangenheit bleibt es dabei, die Märkte sind nicht nur riskant, sie sind und bleiben sehr, sehr riskant.

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9 Kommentare auf "An der Börse geht es munter heute rauf und morgen runter"

  1. Andre P. sagt:

    Da die Börsenkurse meiner Ansicht nach komplett manipuliert sind und absolut nichts mehr mit Angebot und Nachfrage zu tun haben, teile ich die Ansicht des Autors, das Aktiengeschäfte sehr riskant sind.

    Das geplante Bargeldverbot (www.solide-geld-anlagen.de/bargeldverbot-bald-auch-in-deutschland.html) wird meiner Meinung nach zu starken Börsenturbulenzen führen. Abgesehen davon sind Aktien heutzutage komplett digitalisiert, was bei mir unbehagen auslöst, da mein Depot per Knopfdruck gelöscht werden könnte, wenn ich unartig bin.

  2. pat sagt:

    Ich vermute, dass die Aktien an Wert verlieren, wenn die Zinsen ansteigen, da beide Anlageformen miteinander konkurrieren. Wann dies geschieht ist schwer abzuschätzen, nicht zuletzt weil dabei erst einmal einige Staatsbankrotte zu erwarten sind.

    Deshalb finde ich die Antwortmöglichkeit der Frage auch nicht sonderlich sinnvoll, weil weder der Zeitrahmen noch das Hintergrundwissen berücksichtigt wird.

    Jemand der für das Alter spart und sich in den Märkten nicht auskennt und sonst auch nicht viel Zeit investieren möchte, für den ist Market Timing keine Option.

    Wenn langfristig 5 Jahre sind, dann sind Aktien möglicherweise eine schlechte Option. Die Frage ist aber auch was die Alternative wäre. Statt eines Sparkontos, Staatsanleihen, Lebensversicherung und sonstigem Papier sind die Aktien wohl vorzuziehen. Kreditfinanzierte Assets wie Immobilien werden dann wohl ähnlich an Wert verlieren wie Aktien. Anonym gehaltene Edelmetalle im physischen Zugriff wären sicherlich eine interessante Option um Kaufkraft durch die Wirren zu bringen, die ein Zinsanstieg mit sich bringen wird, denn der insolvente Staat wird sicherlich alle ihm bekannten und greifbaren Vermögen mit zunehmenden Abgaben belegen.

    • Bankhaus Rott sagt:

      @Pat

      Hallo,

      >
      Deshalb finde ich die Antwortmöglichkeit der Frage auch nicht sonderlich sinnvoll, weil weder der Zeitrahmen noch das Hintergrundwissen berücksichtigt wird.
      >

      Eine Frage sollte wie üblich jeder seinem persönlichen Hintergrundwissen entsprechend beantworten. Generell kann man die Frage darauf reduzieren, ob man Market Timing für sinnvoll hält oder nicht.

      Die Frage zielt auf längere Zeiträume ab, was sich aus der Alternative buy and hold ergibt. Ein Ansatz, der sich eben nicht auf taktische Umschichtungen setzt und daher nicht kurzfristig zu sehen ist. Timing kann man auch intraday umsetzten, „intraday-buy and hold“ hingegen ist Unsinn.

      >
      Jemand der für das Alter spart und sich in den Märkten nicht auskennt und sonst auch nicht viel Zeit investieren möchte, für den ist Market Timing keine Option.
      >

      Für jemanden, der sich an den Märkten nicht auskennt, sollte buy-and-hold ebenfalls keine besonders gute Option sein, auch wenn Berater das gerne suggerieren.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

      • pat sagt:

        „Eine Frage sollte wie üblich jeder seinem persönlichen Hintergrundwissen entsprechend beantworten. Generell kann man die Frage darauf reduzieren, ob man Market Timing für sinnvoll hält oder nicht.“

        Dazu fällt mir nur ein Pokerspruch aus den USA ein: „Look around the poker table; If you can’t see the Sucker, you’re it.“

        Beim Timing sind inzwischen Kräfte am Werk die alle, die weniger Resourcen haben aufs Kreuz legen. So hat Otto Normal Anleger m.E. beim Timing keine Chance gegen die ganzen HFT Programme. Diese Programme sind keineswegs so dumm wie immer wieder behauptet wird, sondern sehr hoch entwickelte Systeme die ihre Geschwindigkeit und Informationsvorteil systematisch durch Anwendung von Modellen aus der Wahrscheinlichkeitesrechnung in Gewinne umwandeln. Deshalb wird die Funktionsweise dieser Programme bei den großen Banken auch gehütet wie Staatsgeheimnisse. Denn wer die Funktionsweise kennt, kann auch dieses Wissen ausnutzen um das Programm aufs Kreuz zu legen.

        Kurzfristig sind die Märkte wirklich zu Casinos geworden, in denen mit gezinkten Karten gespielt wird. Wer da nicht weiß wie die manipulativen Systeme funktionieren, der steht ganz schnell auf der Verliererseite.

        • Lickneeson sagt:

          Zuerst einmal stimme ich dem Autor zu, das auch Buy&Hold ohne mittlere Marktkenntnis eher kontraproduktiv ist.Die letzten 12 Jahre brachten nichts.Auch früher gab es Seitwärtsphasen die über 10 Jahre anhielten, nur nicht so volatil.

          Timing heisst auch nicht HFT-Handel, sondern Ein/Ausstieg mit sinnvollem CRV sowie Kurszielen.
          Wenn man sich die Indizes seit 2009 anssieht, gab es auf Tagesbasis einige gute mittelfristige Trades, mit denen man ordentlich verdienen konnte.

          Von den grossen Verschwörungstheorien(Totale Marktmanipulation etc.)halte ich nicht viel.Q1-3 und unsere „Dicke Berta“ sind natürlich Manipulationen,aber folgt man dem Chart verdient man halt mit,auch wenn das alles keines der Probleme löst. Zuschauen und jammern bringt auch kein Geld.

          Ich versuche seit Jahren mir aus der Torte der „Big Boys“ einige Happen rauszuschneiden. Dazu habe ich ein defensives Fondsdepot als Basis, welches durch Futures auf Indizes/FX und Rohstoffe „gesalzen“ wird(Daytrades bis zu mehreren Wochen)

          Die meisten schauen immer nur auf den DAX, dabei waren(sind) Erdgas,O-Saft,Weizen,Gold & Co. auch nicht gerade langweilig.Die Mischung machts – und viel Übung.

          PS:Das Luftschloss-Geschwafel von Analysten,Beratern und Experten sollte man abschalten.

          • pat sagt:

            „Timing heisst auch nicht HFT-Handel, sondern Ein/Ausstieg mit sinnvollem CRV sowie Kurszielen.“

            Timing heißt aber, dass man gegen genau solche Systeme spielen muss. Auf der Internetseite von Chris Martenson (peakprosperity) gibt es ein gutes Interview mit Eric Hunsader von Nanex in dem die Probleme in der Regulierung der HFT Programme besprochen werden und wie dadurch alle Handelnden ohne diese Programme und langsameren Zugang zu Handelssystemen geschädigt werden. Ich hatte dies bereits verlinkt, aber der Kommentar ist noch nicht freigeschaltet.

      • pat sagt:

        Es gibt ein schönes Interview von Chris Martenson üer HFT in dem er auch erklärt, dass er seit Mitte 2007, dem Anfang der HFT Programme, nicht mehr erfolgreich tradete und deshalb den Markt verlassen hat.

        http://www.peakprosperity.com/podcast/79804/nanex-investors-realize-machines-taken-over

        • Lickneeson sagt:

          Hey,Pat.

          Ich maße mir gar nicht an gegen Captain Blankfein und seine Spiessgesellen gewinnen zu können(wollen).Aber trotz HFT läuft mein Handel gut.Verluste gehören ja bekanntlich dazu, es reicht wenn die Gewinne deutlich grösser sind.

          Klassisches Investieren läuft sicher nicht mehr wie in den 80-ern.
          Die besten Trades entstehen nach Divergenzen in den Indikatoren bei ausgebombten Werten(z.B Gas, IBEX, EUR/

          Zu Chris M: Da hat er ja schöne Short/Longs liegenlassen…

  3. John Doe sagt:

    Hi pat,

    „Timing heißt aber, dass man gegen genau solche Systeme spielen muss.“

    Warum?

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