amnesia börsiensis! Oder: Auf geht’s, Hausse?

1. Dezember 2010 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Schnell rein in den Markt, bevor es zu spät ist? Weil doch heute alles überraschend nach oben drehte und damit belegt, dass die Jahresend-Rallye begonnen hat? Moooment…!

Was wir heute sehen, könnte der Beginn einer Jahresend-Rallye sein. Muss aber nicht. Denn die heutigen Kurssteigerungen in allen Bereichen außer Anleihen rühren nicht von überzeugtem Glauben an die ewige Hausse bei den Investoren her, sondern vom immer wieder beobachteten, allgemeinen Verbraten von „Frischgeld“ durch institutionelle Investoren. Nur, dass die Anleger das aufgrund eines altbekannten Leidens immer und immer wieder vergessen: der amnesia börsiensis.

Man neigt dazu, sich über die gemeine Stubenfliege lustig zu machen, die immer wieder gegen die Fensterscheibe fliegt, weil sie bereits eine Sekunde nach dem letzten vergeblichen Versuch wieder vergessen hat, dass es da nicht weitergeht. Und zugleich bricht in drei Wochen wieder Panik aus, weil ja keiner ahnen konnte, dass Heiligabend auf den 24.12. fällt. Und heute stehen Leute bei n-tv vor der Kamera, die sich allesamt nicht erinnern können, dass es am 1. Dezember schon mal so viel Schnee gab. Ich schon. Aber ich bin offenbar auch nicht normal. Die scheußliche Börsianer-Krankheit der fehlenden Erinnerung streckt ihre Tentakeln also auch auf die normalen Aspekte des täglichen Lebens aus … aber in der Regel kommen die nicht so teuer wie an der Börse … es sei denn, man fährt nichtsahnend mitten im Winter bei Glatteis mit seinen abgefahrenen Sommerreifen auf einen Maybach auf. Dann schon.

An der Börse scheint mir das „schnelle Vergessen“ schon fast eine Kulthandlung zu sein. Ob da manch einer seinen Kollegen stolz erzählt: „Ich hab gestern 5.000 Euro in den Sand gesetzt und weiß jetzt schon nicht mehr warum. Toll, was?“ Ich für meinen Teil finde, man muss sich schon sehr anstrengen, um heute angesichts der plötzlich steigenden Kurse überrascht zu sein. Denn das letzte Mal, dass wir dieses Phänomen in dieser Ausprägung erlebten, war am 1. September. Das sind drei Monate. Und davor am ersten Handelstag des August. Das kann man eigentlich noch wissen. Ich weiß nicht, wie es den Anlegern ergeht, aber die Kommentatoren der Börsensender, die Kolumnisten und Berichterstatter im Internet … sie alle wissen es offenbar nicht mehr. Klar, man muss sich heutzutage so viel merken … die Handynummern werden auch immer länger … und Facebook erfordert so viel Zeit … da kann man sich nicht auch noch darum kümmern, warum irgendwas passiert.

Es ist mir dann immer ein wenig unangenehm, mit Logik und Argumenten an die Börse heranzugehen, wenn ich so höre und lese, was andernorts über das Geschehen berichtet wird. Und dann auch noch Handelssysteme auf Tages- und Wochenbasis zu betreiben, die einfach doof und nüchtern ihre Parameter abfragen, statt wie alle anderen schön emotional (gerade jetzt, schließlich naht Weihnachten) und ohne alberne, belastende Fakten an die Börse heranzugehen. Was also fällt mir ein, die Jahresend-/Weihnachtsrallye mit einem „könnte“ zu verunzieren!? Nun:

Ich habe bestimmt einen miesen Charakter. Das muss es sein, was mich bewegt Sie alle daran zu erinnern, dass gestern noch angeblich die allgemeine Angst vor neuen EU-Leichen unter wasserdurchlässigen Schutzschirmen den Euro und die Aktien drückte. Doch da ich mich über das mentale Vermögen einer Stubefliege erhaben weiß, behaupte ich: An dieser Lage hat sich seit gestern nichts geändert. Auch nicht an der unverändert kritischen Situation der US-Konjunktur. Geändert hat sich gegenüber gestern Abend nur eines: Wir haben Dezember. Und das ist der Punkt!

Die Zeit- und Zielhorizonte der Anleger werden (unklugerweise) immer kürzer. Bei den Privatanlegern auch, aber besonders bei den institutionellen Investoren, den sogenannten „Großen Adressen“. Immer mehr haben immer öfter vorzuzeigen, was sie für ihre Kunden oder ihren Arbeitgeber verdient haben. Und das Monatsende ist einer dieser Termine. Das ist die eine Hälfte der Ursache der heutigen Kurssteigerungen … eine Art „Mini-Window-Dressing“. Die kurzfristigen Trends im Euro und bei vielen Aktienindizes wurden verlängert. Und weil sie nach unten wiesen, fielen die Kurse genau bis gestern abend so weit, wie sie diejenigen, die gerade um Bonus und/oder Arbeitsplatz kämpfen, zu drücken vermochten. Einzelne Assets wie Rohöl oder auch der Dax, die im November nicht unter die Räder kamen und somit auf der Shortseite keine Monatsend-Performance bringen konnten, fielen eben nicht. Heute ist das Thema „Erfolge vorweisen“ durch … das Spielchen geht mit neu gemischten Karten von vorne los. Und…:

Das bedeutet, dass man so manche Shortposition, die nur der Performance-Verbesserung diente, heute flugs eindeckt und damit die Kurse treibt. Und hinzu kommt die o.g. Angewohnheit, das per Dauerauftrag der Sparer zufließende, neue Kapital bei Fonds, Hedge Funds, Pensionskassen, Versicherungen etc. immer gleich zu verbraten (pardon … zu investieren), sobald man es in die Finger bekommt. Also heute. Sicher, wäre die Lage kritischer, würde man auch noch damit warten. Aber da die Kurse heute früh bereits stiegen, hieß es, schnell auf den Zug aufzuspringen. Und warum stiegen sie heute früh? Weil diejenigen, die noch gestern abend immer weiter Short gingen, heute früh durch ihre Eindeckungen für steigende Kurse gesorgt hatten. Wer sich da fragt (tut das jemand außer mir?) wo da fundamentale Argumente für den heutigen Kursanstieg bleiben, stellt fest: es gibt keine. Sollte man da also willenlos bullish den gestiegenen Kursen hinterherlaufen? Denn wenn die „Großen“ das neue Geld gleich heute verbraten… was kommt dann morgen nach?

Das sind zwei Argumente, die dafür sprechen, dem heutigen Anstieg zu misstrauen. Viel freies Kapital kann schon heute in den Markt geflossen sein … zumal heute offensichtlich auch aus Anleihen frisches Geld in Aktien und Rohstoffe umgeschichtet wird. Und die Gemengelage hat durchaus noch ein paar „bad news“ für die kommenden Tage und Wochen im Köcher. Aber ich warne hier nur, nicht zu vertrauensselig zu sein. Ich behaute nicht, dass die Kurse wirklich wieder nach unten abdrehen müssen. Das passierte auch im September nicht. Gut, da gärte die EU-Krise noch, von allen Stubenfliegen längst vergessen, unter dem Teppich. Und man dachte, dass die USA jetzt so richtig wachsen würden, während der US-Dollar auf akzeptabel niedrigem Niveau notierte. Das alles ist heute anders. Überall brennt noch der Baum … und der Dollar steht heute für die US-Börsen unerfreulich höher als damals. Aber trotzdem kann die Jahresendrallye kommen, denn:

Am 17.12. ist der dreifache Hexensabbat, der Verfalltermin für Future und Optionen. Und nur zwei Wochen später kommt das ganz dicke Window-Dressing zum Jahresultimo. Also liegen aktuell – bis auf die Rahmenbedingungen – vergleichbare Vorgaben wie im September vor. Eines ist dabei sicher: Wenn sich die Gemengelage außerhalb der Börsen nicht nennenswert verschlechtert … sprich die US-Konjunktur nicht deutlicher einbricht und/oder kein weiteres EU-Land den Offenbarungseid leisten muss … werden die Akteure, die hier um ihren Jahresbonus zocken (schon wieder pardon … ich meine natürlich auch hier „investieren“) weder nach links noch nach rechts schauen und zusehen, dass sie den dann vorherrschenden kurzfristigen Trend verlängern, bis die Konten knacken. Vor allem, weil per heute die meisten Aktienindizes und Rohstoffe gegenüber Jahrsbeginn nun ein Plus aufweisen, das gibt die Richtung zusätzlich vor. Dieser Kursschub heute ist somit zwar nicht der Beginn der Jahresendrallye. Aber er könnte dafür sorgen, dass es eine geben wird … wenn sich das heute erreichte Niveau bis zum Ende dieser Woche hält. Ich meine, man sollte wenigstens abwarten, ob die Kurse nicht gleich morgen wieder abrutschen, bevor man sich hier auf der bullishen Seite aufs Eis begibt!

Mit den besten Grüßen
Ihr Ronald Gehrt

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