Am Ende gewinnen die Furchtlosen

14. Februar 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Seit meiner letzten Kolumne sind vier Wochen vergangen. Man ist keine 20 mehr, keine … na ja, eben nicht mehr der Jüngste und es war viel zu tun. Sehr viel.

Seit der Kolumne „Winter der Entscheider“ vom 17.1. gab es an manch einem Börsenplatz noch gut auf die Mütze, Gold senste mit seiner Rallye durch die Reihen der unvorsichtigen Bären und bei Rohöl regieren weiterhin die Bekloppten…

Ich weiß nicht, in welchem Rhythmus ich ab nun schreiben kann, werde mich aber bemühen. Andererseits: Die Zeit der Aussaat naht. Und das will getan sein, am Wochenende. Denn eines weiß ich nun wirklich aus mittlerweile 27 Jahren als Börsianer:

Wenn man nicht ab und an rigoros eine mentale Auszeit nimmt, geht man nervlich auf dem Zahnfleisch und ist weit vor dem Zeitpunkt nicht mehr zu gebrauchen, zu dem die Börsen zur Ruhe kommen. Was passieren wird. Das mit der Ruhe. Nur … auf welchem Niveau und wann, ich mag da nicht einmal eine grobe Schätzung wagen.

Denn was wir momentan erleben, ist eine offene Feldschlacht auf allen Ebenen. Und noch ohne Sieger.

Das Rennen der Notenbanken um die schwächste Währung, bei dem die EZB zuletzt ordentlich ins Hintertreffen geraten ist, nachdem der Euro trotz der alles andere als dezenten Andeutungen im März anstehender, erneuter Klimmzüge aus seiner Handelsspanne zum Greenback nach oben ausbrach. Die Versuche der großen Industrienationen, sich irgendwie mehr Krumen vom schwindenden Kuchen des Exports zu sichern, während die Schiffsfrachtraten beim Baltic Dry Index oder dem Harpex immer weiter fallen und deutlich machen, dass hinsichtlich Wachstum vorerst nichts zu hoffen ist.

Überall heiteres Hauen und Stechen. Jeder legt sich, ob offen oder verdeckt, mit jedem an. Tja, Kumpanei unter Nationen hält eben nur so lange vor, bis Ebbe in der Schatztruhe droht …

Diese allgemeine Unruhe, dieser hinter den rosa Vorhängen der Medien schief hängende Haussegen, kommt nun seit Monaten auch an der Börse an. Und da es dort um Geld geht, sind Formulierungen wie „nach und nach“ oder „allmählich“ natürlich Fremdworte. Ebenso irre, wie man im Vorfeld, blind gegen alle Warnsignale, kaufte, bis das Geld alle war, geht es jetzt abwärts. Und je mehr die Unruhe auch die passiven Investoren erfasst (also die, die ihr Geld anderen überlassen, um es zu mehren und gerade merken, dass die Börse gar keine Einbahnstraße ist), desto gefährlicher wird die Geschichte.

Dabei ist der Gedanke, dass gerade die Aktienmärkte nach unten übertreiben, dünnes Eis. Zum einen, weil dort erlittene Vermögensverluste einen wirtschaftlichen Abstieg via Konsumbremse verunsicherter Sparer anschiebt und so Übertreibungen der Kurse nachträglich „heilen“ können, indem die Wirtschaft dem DAX hinterher purzelt. Zum anderen, weil die Kurse an sich ohnehin nie einen „fairen Wert“ im Verhältnis zur den Rahmenbedingungen wiederspiegeln. Eine Aktie kostet das, was Marktteilnehmer gerade dafür haben wollen und bekommen bzw. zu zahlen bereit sind. Und wenn die Angst durch die Börsensäle wabert, ist das gerne mal deutlich weniger.

Im Börsensaal geht es einfach nur um Angebot und Nachfrage, was wiederum mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun haben kann, aber nicht muss. Je kurzfristiger der betrachtete Zeitrahmen, desto weniger. Momentan treten hier einfach zwei große Gruppen gegeneinander an, bei denen irgendwelche aktuellen Konjunkturdaten kaum eine Rolle spielen: In der linken Ecke die Fonds, in der rechten Ecke die Hedgefonds. Die Privatanleger spielen dabei angesichts der Summen, mit denen hier ins Feld gezogen wird, schlichtweg keine Rolle.

Die Hedgefonds traden mit Derivaten in die Richtung, in der es sich am leichtesten Gewinne erzielen lässt. Die Hebel sind hoch, der Einfluss auf die Kurse ebenso. Zudem agiert man dort oft mit computergesteuerten Handelsprogrammen, die weder ermüden noch zaudern und erreichte Gewinne umgehend zusätzlich in Trendrichtung ins Rennen werfen. Kurz: Gegen diesen Gegner zu bestehen, ist ein hartes Brot.

Die Fonds aber müssen alles versuchen, um genau das zu schaffen. Denn erste, wichtige Unterstützungen sind bereits gefallen. Fallen weitere, würde die Zahl der passiven Anleger, die ihre Fondanteile zurückgeben und Bares sehen wollen, weiter steigen. Und damit würde eine Kettenreaktion entstehen. Denn um die Sparer auszahlen zu können, müsste man ob der naturgemäß geringen Barbestände weiter am Markt Positionen abbauen. Was aber die Kurse erst recht drücken und noch mehr Sparer zum Ausstieg verleiten würde. Das würde so schnell nicht aufhören. Es wäre ein sich verselbständigender Prozess, durch die dann das Abstiegstempo noch antreibenden Hedgefonds noch deutlich intensiviert.

Was tun?

Die Stellungen irgendwie halten. Denn gelingt das, könnt es ja sein, dass man damit die Hedgefonds dazu bringt, die Richtung zu wechseln. Und man stelle sich vor: Die Fonds werfen ihre letzten Barreserven ins Feuer, wichtige Supportlinien halten … und die Hedgefonds und andere bearishe Trader decken ihre Shortpositionen nicht nur ein, was alleine den Kaufdruck verstärken würde, sondern gehen gleich noch netto Long. Das hieße: Eine Super-Rallye binnen kürzester Zeit. Dazu nun der Blick auf den Chart des DAX auf Wochenbasis:

rg2016-02-14

Die Zone knapp über 9.300 ist gefallen. Nicht gut, keine Frage. Aber mit der heftigen Gegenwehr in der zweiten Wochenhälfte war es gelungen, immerhin die Zwischentiefs aus der Zeit Dezember 2013 bis August 2014, grob zwischen 8.900 und 9.000 gelegen, zu halten. Aber nicht nur das. Der DAX war vorher der unteren Begrenzung des vom Allzeithoch ausgehenden Abwärtstrendkanals nahe gekommen. Die hat ebenso erst einmal gehalten wie das 50 Prozent Fibonacci Retracement-Level des großen Aufwärtsimpulses ab Herbst 2011. Das wäre eine gute Basis. Die Frage ist nur:

Wird sie auch so angenommen?

Denn diejenigen, die hier nun alles unternommen haben, um einen charttechnischen Deichbruch zu verhindern und im Gegenteil das potenzielle Fundament einer größeren Gegenbewegung zu erschaffen, haben dafür eine Menge Kapital aufgewendet, sprich Munition verschossen. Wenn die Hedgefonds, sprich die Seite, die zuletzt stur und effektiv Short agierte, da nun nicht anspringt, dann gute Nacht.

Denn dann müssten auch diejenigen flugs wieder raus, die am Donnerstag und Freitag gekauft haben. Was bedeutet: Die erste Hälfte dieser neuen Woche wird eine „Sekt-oder-Selters“-Phase. Entweder Deichbruch auf breiter Front oder die Abteilung Attacke der Bullen wird wieder aus der Mottenkiste geholt. Zumal am Freitag auch noch ein Verfalltermin am Terminmarkt ansteht. Da dürfen die am Montag wieder mitspielenden Börsen in China, ebenso wie die Montagfrüh einlaufenden Konjunkturdaten aus China und Japan eine wichtige Rolle spielen.

Die ich am Sonntagabend noch nicht kennen kann. Am Ende wird sich die Seite durchsetzen, die am kompromisslosesten agiert. Ob man das furchtlos nennen kann oder schlicht verrückt, sei dahingestellt. Was ich aber zu prognostizieren wage:

Langweilig wird es in den kommenden Tagen weiterhin nicht. Egal, wie es ausgeht, die Akteure werden weiterhin haarscharf am Rand des Nervenzusammenbruchs entlangschleichen. Ein Grund mehr, besonders defensiv und behutsam zu agieren!
Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – www.baden-boerse.de

 

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