Am Aschermittwoch ist (war) alles vorbei?!

7. März 2014 | Kategorie: Gäste

vom Smart Investor

Aus anderen als den gedachten Gründen schien der „Chart of Doom“, dem wir uns in der letzten Ausgabe ausführlich gewidmet hatten, am Wochenanfang nun doch (teilweise) Realität zu werden…

Ursächlich für den Kurssturz vom Montag war natürlich nicht der ominöse Chart selbst, sondern etwas Überraschendes – die Eskalation der Situation in der Ukraine, namentlich auf der Krim. Was da vor unserer Haustür geschieht kann weder uns noch die Märkte kalt lassen.

Gerade an letzteren gab es diese Woche gleich zwei „tolle Tage“. Dem scharfen Einbruch folgte eine ebenso scharfe Erholung. Ist damit nun – am Aschermittwoch – alles vorbei?! Kaum. Beim Kräftemessen um die Ukraine erinnert viel an die alten Muster des Kalten Krieges.

Besonders erschreckend ist, wie brüchig die Strukturen der internationalen Zusammenarbeit tatsächlich sind, wenn wirtschaftliche und vor allem geopolitische Interessen hart aufeinander treffen. Auch vieles, was seit dem letzten großen Krieg über Strategien der Deeskalation geforscht und geschrieben wurde, scheint den Praxistest nicht zu bestehen.

Das sicherste Zeichen für den Ernst der Lage ist die fast völlige Gleichschaltung unserer Medien in der Berichterstattung. Undifferenziert und einseitig ergriff man beispielsweise beim heimischen Staatsfunk von Anfang an Partei. Zwar futtern die Staatsfunker unser Brot – die orwellsche „Demokratieabgabe“ –, singen aber jenes Lied, das die Politik ihnen vorgibt. Schon die Darstellung der Ereignisse auf dem Maidan-Platz zeigte eine erschreckende Blindheit für alles, was nicht zum Bild der friedlichen Demonstranten auf der einen Seite und den Brutalo-Sicherheitskräften auf der anderen Seite passte. Dabei kursieren im Internet zahlreiche Videos, die das Bild bewaffneter und keineswegs friedlicher Demonstranten zeichnen.

Im Zwielicht

Auch die Weste des Sympathieträgers Vitali Klitschko, der vor Ort die besonnene Seite der Opposition verkörperte, scheint nicht ganz fleckenlos zu sein. Jetzt hat die Gruppe „Anonymus Ukraine“ Emails veröffentlicht, die sowohl seine Rolle als auch seine Beziehungen zur Konrad-Adenauer-Stiftung, der Parteistiftung der CDU, in ein fragwürdiges Licht tauchen. Ob diese Mails authentisch sind, ist derzeit unklar.

Aber auch ohne solche Veröffentlichungen dürfte bei vernünftiger Abwägung wenig Zweifel daran bestehen, dass diverse sogenannte Nicht-Regierungs-Organisationen in der Praxis wie die verlängerten, aber verdeckten Arme ausländischer Regierungen wirken. Die Skepsis und letztlich harte Haltung des russischen Präsidenten Putin gegenüber dem Wirken solcher Organisationen in seinem Land erscheint dann gar nicht mehr ganz so unverständlich und empörend, wie uns das noch vor einiger Zeit dargestellt wurde.

Russische Paranoia?

Auch zeigt ein Blick auf die Veränderungen der Landkarte während der letzten 25 Jahre, wie auf der einen Seite der ehemalige Warschauer Pakt bzw. die Sowjetunion auf das heutige Russland zusammengeschrumpft sind, während sich die Anzahl und das Territorium der NATO-Staaten kontinuierlich ausgeweitet hat.

Man muss als russischer Staatschef nicht ausgesprochen paranoid sein, um in solchen Verschiebungen aggressive Tendenzen oder eine planvoll betriebene Einkreisung des eigenen Landes zu erkennen. Mit dem nun anstehenden Herauslösen der Ukraine aus dem Einflussbereich Moskaus würde sich jedenfalls ein uralter Traum westlicher Geostrategen und zugleich Alptraum Russlands erfüllen.

Dennoch hat das Thema viele Facetten, die hier natürlich nicht annähernd beleuchtet werden können – etwa die wundersame Genesung der Janukowitsch-Vorgängerin Julia Timoschenko. Während hierzulande das Bild einer schwerstkranken politischen Gefangenen überstrapaziert wurde, traut sich die frisch aus der Haft Entlassene schon wieder das Präsidentenamt zu.

An diesem Futtertrog hatte sich offenbar auch ihr Nachfolger reichlich gütlich getan, weshalb Herrn Janukowitsch in der Ukraine selbst von der russisch-stämmigen Bevölkerung nicht allzu viele Tränen nachgeweint werden dürften. Auch die faktische Zweiteilung des Landes ist ein Thema, das vermutlich weiter für Zündstoff sorgen wird.

Derzeit herrscht zwischen den Kontrahenten im Hintergrund zumindest aber in einer Frage Einigkeit: Geteilt wird das Land nicht und bleibt nach dem „Winner take all“-Prinzip als Ganzes auf dem Spieltisch zwischen USA/EU auf der einen und Russland auf der anderen Seite. Noch sind die Verstärkung von Truppen und die Verlegung von US-Flugzeugträgern ins Schwarze Meer nur Drohkulisse beim gegenseitigen Abtasten der eigentlichen Kontrahenten.

Wenn die Wahrheit stirbt

In jedem Fall hat die „Berichterstattung“ der letzten Wochen wieder einmal demonstriert, dass im Krieg – selbst im kalten – die Wahrheit zuerst stirbt. Die schon erwähnte, einseitige Berichterstattung der deutschen Staatsfunker wird da eigentlich nur noch von einem großen Boulevard-Blatt mit vier Buchstaben in den Schatten gestellt… (Seite 2)


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