Altlasten griechischen Ausmaßes – Nicht bilanzierte Lasten

4. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Nachdem der Markt vielen Anlegern schlicht und ergreifend davon gelaufen ist, scheint die Suche nach den Branchen mit „Aufholpotential“ mehr als aktuell. Immer wieder werden hier auch die Energieversorger ins Spiel gebracht. Ein Schnäppchen, das ein Schnäppchen bleibt, ist kein Schnäppchen…

Nicht ohne Grund, denn Aktionäre von E.ON und RWE haben von der globalen Rally an den Aktienmärkten seit dem Jahr 2009 praktisch nichts mitbekommen. Denn die Welt hat sich für Versorger dramatisch verändert: Die Energiewende und der damit einher gehende komplette Umbruch des Geschäftsmodells sorgt seit Jahren für enttäuschende Zahlen der Strom-Multis. Grund genug für Contrarian-Investoren nun die große Trendwende bei den Versorger-Aktien auszurufen.
Denn selbst Star-Investoren wie Warren Buffett stehen der Branche durchaus positiv gegenüber.

Mit seinem Tochterunternehmen Berkshire Hathaway Energy gibt das „Orakel aus Omaha“ seiner Energieversorgungstochter (früheren MidAmerican Energy) nun sogar den Namen der berühmten Holdinggesellschaft. Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied zwischen Buffetts Energieinvestments und deren deutschen Pendants:

Die Atomkraftwerke und deren Jahrhundertlasten. Neben dem „finanziellen Fallout“ aus der Vergangenheit kommen auf E.ON und RWE nämlich zusätzlich auch noch die Kosten für alternative Kraftwerke und neue Infrastruktur zu. Und allein der Rückbau eines einzigen Meilers wird die Konzerne bis zu 5 Mrd. EUR kosten. Kann diese Mammutaufgabe von den heutigen Versorgern überhaupt alleine geschultert werden?

Im aktuellen Smart Investor gehen wir in der Titelstory exakt dieser Frage nach. Denn letztendlich sind die Chancen für einen Turnaround der Versorger durch die bilanzierten, vor allem aber durch die nicht bilanzierten Verbindlichkeiten bestimmt. Am Ende des Tages kommen in der Regel jedoch auch die stillen Lasten ans Tageslicht – genau wie in den letzten Jahren in Griechenland zu beobachten.

Und täglich grüßt das Murmeltier …

Was einst als griechische Tragödie bezeichnet wurde, ist inzwischen zum x-ten Aufguss einer Daily Soap geworden – keiner mag das mehr sehen. Dennoch bleiben Griechenlands Schulden auf dem Spielplan des Euro-Theaters: Drohender Bankrott, nächtliche Verhandlungen, Sanierungsversprechen, Krisengipfel, Geld gefunden, Termin vertagt, „Rettung“ in letzter Minute, gebrochene Versprechungen, Theaterdonner, neue Drohungen, Auflagen, drohender Bankrott, usw. ….

Die Etappenziele dieses Prozesses bestehen aus einer nicht enden wollenden Litanei an Terminen, Zahlungsterminen und Krisentreffen.

Am 6. Juni ist es wieder soweit, dann erwartet der IWF eine Überweisung von 1,55 Mrd. EUR aus Athen. Dies ist nur deshalb zum Problem geworden, weil eine „Hilfszahlung“ von 7,2 Mrd. EUR an Athen blockiert wurde. Auf gut Deutsch: Aus der linken Tasche kann nicht bezahlt werden, weil die rechte Tasche zuvor nicht aufgefüllt wurde. Und sie wurde nicht gefüllt, weil es – wieder einmal – mit der Umsetzung der Reformversprechen haperte.

Nun soll eine Einigung für die drängendste Frage der IWF-Zahlung gefunden worden sein: „Ich denke, dass wir eine Einigung auf einen gemeinsamen Entwurf erzielt haben“, hieß das diese Woche merkwürdig unbestimmt aus Verhandlungskreisen. Ja, haben wir, oder haben wir nicht?

Das ermüdende Hin und Her hat vielleicht auch einen anderen Zweck. Das Publikum ist größtenteils aus der Diskussion ausgestiegen. Was vor Jahren noch zu Entrüstungsstürmen geführt hätte, wird nun schulterzuckend zur Kenntnis genommenen – falls überhaupt. „Die da oben“ machen eh was sie wollen. Dabei betrifft das Thema die Steuerzahler heute nicht weniger als damals. Im Gegenteil: Bundeskanzlerin Merkel machte deutlich, dass sie Griechenland auf jeden Fall retten wolle. Die Bild-Zeitung wählte die Überschrift „Koste es, was es wolle“ mit Bedacht. Unnötig zu erwähnen, dass es bei dieser großzügigen Kalkulation natürlich nicht um das Geld der Kanzlerin geht, sondern um das der Bürger.



Nach dem Trendbruch

Die Überschrift klingt dramatischer als sie ist. Ja, der DAX hat auch den etwas schwächeren Aufwärtstrend (Abb. 1, untere rote Linie) inzwischen unterboten.

2015-06-03_DAX

Auch führte die heutige Aufwärtsbewegung bislang noch nicht zurück in das sichere Terrain oberhalb dieser Linie. Andererseits folgte dem Bruch bislang auch kein Abverkauf.

Obwohl das Bild nicht eindeutig ist, deutet das Kursverhalten nicht so sehr auf einen Trendwechsel als auf ein vorübergehendes Auffächern des Aufwärtstrends im Rahmen der laufenden Korrekturbewegung hin. Dabei können durchaus auch noch einmal neue Bewegungstiefs erreicht werden.

Am wahrscheinlichsten ist aber, dass der Aufwärtstrend wieder zurückerobert wird. Möglicherweise ist der Auslöser hierfür eine Einigung im Griechenland-Poker. Diese würde zwar wiederum nur eine zeitlich begrenzte Atempause bedeuten, aber zunächst für Erleichterung an den Märkten sorgen. Langfristig sind die Probleme durch die praktizierte „Rettungspolitik“ nicht zu lösen. Es wird also weiter Zeit gekauft und diese wird vermutlich auch weiter nur unzureichend genutzt werden. Ebenfalls ein „Positivfaktor“ ist die EZB, die Gewehr bei Fuß steht, um mögliche Schwierigkeiten an den Finanzmärkten durch frisches Geld in Schach zu halten. Wir sehen nicht, warum sich an dieser Linie etwas ändern sollte. Größere Gefahrenmomente erwarten wir dann besonders im Herbst, wobei wir die Prognose von Martin Armstrong durchaus im Hinterkopf behalten.

Dramatisch ging es in den letzten drei Tagen erneut beim Bund-Future bergab (Vgl. Abb. 2). Nachdem der Mai über weite Teile eine Erholung des vorangegangenen Abwärtsimpulses brachte, zeigt die Kursentwicklung bei den Bundesanleihen seit Anfang Juni wieder deutlich nach unten. In nur drei Handelstagen gingen nicht nur die gesamten Kurszuwächse der Erholungsbewegung verloren, es wurden auch neue Bewegungstiefs markiert.

2015-06-03_BUND

Hinsichtlich der Entwicklung des Silber-Preises dürfen wir noch einmal auf den SIW 22/2015 von letzter Woche verweisen. Bis auf wenige Cents hat sich der Kurs nun wieder dem Ausbruchsniveau angenähert und verläuft nun knapp über dem dort gezeigten, steilen Abwärtstrend aus dem Jahr 2013. Bleibt der Ausbruch gültig, wäre das auch kurzfristig positiv. Ein Rückfall müsste allerdings erst wieder verdaut werden, der Bodenbildungsprozess wäre dadurch aber nicht in Frage gestellt.

Fazit

Alles kommt irgendwann wieder ans Tageslicht, was lange genug unter den Teppich gekehrt wird. Es kostet schlichtweg zu viel „Energie“, die Dinge auf Dauer zu verschleiern. Wie in Griechenland so bei den Energieversorgern – es ist lediglich eine Frage der Zeit.

Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

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2 Kommentare auf "Altlasten griechischen Ausmaßes – Nicht bilanzierte Lasten"

  1. Libertador sagt:

    Die Angelsächsische Achse führt einen Finanz- und Währungskrieg gegen die EU, aber die Eurokraten stellen sich stummt.

    Allein an der Tatsache wie mit zweierlei Maß Finanzinstitutionen für Wirtschaftskriminelle Vergehen auf internationaler Ebene berstraft werden, kristallisiert sich diese ungerechte Behandlung und Sonder- Privilegien zugunsten der angelsächsischen Finanzindustrie. heraus .

    Zum Vergleich: Wenn eine französische Bank gegen US Gesetze verstößt, dann werden hohe Milliardenstrafen verhängt. Wie im Falle der BNP Paribas, die zu 9 Mrd Strafzahlung verdonnert wurde von den arroganten US Funktionären:
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/bnp-paribas-zahlt-im-streit-mit-usa-strafe-von-neun-milliarden-dollar-a-978227.html
    http://www.welt.de/wirtschaft/article128559369/Franzoesischer-Grossbank-droht-Rekordstrafe-in-USA.html

    Die britische Bank Barclays war an der Goldpreismanipulation beteiligt, aber muss nur eine lächerliche niedrige Strafe zahlen von 32 Millionen Euro. Ungeheuerlich!
    http://www.focus.de/finanzen/boerse/schon-wieder-manipulationen-barclays-zahlt-millionen-strafe-fuer-goldpreis-schummel_id_3867531.html

    Im LIBOR Skandal wurde den Briten ebenfalls eine lächerlich niedrige Strafe aufgebrummt, obwohl die Briten am gravierendsten an dem Referenzzinssatz manipulativ herumgedoktort hatten!
    Erinnert irgendwie an den Wachovia-Bank-Skandal 2011 an der Wall Street, welcher mit Drogengeldern (ca. 300 Mrd. Dollar) halb Wall Street über Wasser gehalten hatte während der Finanzkrise .
    Als die Sache aufgeflogen ist,
    musste diese Bank daraufhin auch nur eine lächerliche niedrige Strafe von paar Hundert Millionen Dollar zahlen..
    Massenverhaftungen oder Verurteilungen? Fehlanzeige!

    Hier erleben wir das neue Geschäftmodell der US-Administration zur Sanierung des US Staatshaushalt:
    Erst werden irgendwelche Sanktionen oder Gesetze beschlossen, natürlich ohne andere Staaten zu fragen (USA sind schließlich “god’s own Country”). Danach wird dieses “US-Recht” international für jeden weltweit gültig erklärt (z.B. FATCA Gesetz) und dann wird bei Ausländern weltweit abkassiert, weil diese im Ausland US-Recht gebrochen haben wie im Falle BNP Paribas!

  2. JayJay sagt:

    Die Kosten für die Atommeiler von RWE und E.ON werden dem Steuerzahler früher oder später auf’s Auge gedrückt, die Strommultis werden das nicht zahlen brauchen.
    Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

    Gold & Silber Ahoi 🙂

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