Alltäglichkeiten beim Zahnarzt…

21. Dezember 2008 | Kategorie: Kommentare

Das Jahr 2008 wird in die Geschichte eingehen. Notenbanken sind zur Müllhalde für Banken geworden, Aktien haben fast die Hälfte an Wert verloren. Geld ist billig wie noch nie und aus einem Aufschwung wurde binnen Wochen eine Rezession. 2009 warten weitere Schläge auf die Anlegerschaft und auch auf Sparer…

Mein Zahnarzt wird in drei Jahren in Rente gehen. „Was soll ich tun?“, fragte er mich, als er die Instrumente zurechtlegte. Seine Rücklagen fürs Alter sind in diesem Jahr weniger geworden, im Jahr der weltweiten Finanzkrise. Seine Berater waren wieder mal viel langsamer als der Markt. Als es schepperte, gab es viel zu tun, nur wussten sie nicht, was zu tun war. Und dann war es zu spät. Das einzige Sichere war ihre Provision. Diese nahmen sie aus dem Topf der Ersparnisse des Zahnarztes. Ein nettes Geschäft, dachte ich, völlig frei von Risiken. In guten und in schlechten Zeiten. Ich würde mich scheiden lassen, meinte ich…

…und kaufen Sie etwas Gold, sagte ich, zumindest etwas. Er warf ein, dass Gold schon so teuer geworden ist. Doch was ist teuer, fragte ich ihn. Woher weiß er das? Es steht in den Zeitungen. Er kennt die Argumente gegen Gold auswendig und glaubt sie: Gold bringt keine Erträge, es verursacht Lagerkosten, man kann es nicht essen. Wenn es Experten schreiben, muss es doch stimmen. Schnell zog er irgendein Gerät aus meinem Mund, denn ich musste laut lachen.

„Gold agiert nicht, es reagiert“, quälte ich über meine halb betäubte Zunge hervor. Und es hatte gute Gründe zum Reagieren. Die Qualität unseres Geldes ist eben schlechter geworden, denn es gibt immer mehr davon. Und dabei kostet es gar nicht viel, diese Bits und Bytes in den Computern zu erzeugen. Das Herstellen von einer Tonne Papierscheine kostet auch nicht viel, ein paar Dollar. Oft werden die Scheine in Billiglohnländern produziert. Das senkt die Kosten erhöht die Effektivität. Wird die Welt durch mehr Signale im PC reicher und glücklicher? Ich weiß es nicht, die Mehrzahl jedenfalls glaubt es und stellt immer größere Forderungen, auch wenn es und immer abhängiger macht, wie einen Trinker von der Flasche. Wenn dann noch Zinsen gezahlt werden müssen, rückt der Tag der Abrechnung näher. Deshalb ist eine Unze Gold im Preis gestiegen. Zur gleichen Zeit ist Papier um diese Summe wertloser geworden.

„Meine Berater haben jetzt alles in die Rentenmärkte gesteckt, und ich habe eine Lebensversicherung und noch so ein Ding, das ich in drei Jahren ausgezahlt bekomme“, sagt der Zahnarzt, als er sich erneut am Zahn von mir zu schaffen macht. Ich bin ja betäubt, das merke ich nicht. Er auch nicht.

Inzwischen sind die Erträge auf Anleihen recht mickrig, Lebensversicherungen haben bei diesem Zinsniveau längst Probleme, die früheren Renditen zu erwirtschaften und ihre Versprechen zu halten. Wer weiß, ob diese so sicheren Anlagen nicht auch subprimeverseucht sind? 10-jährige Staatsanleihen bringen zur Zeit nicht mal drei Prozent Ertrag vor Steuern und Inflation. Und irgendwie müssten die Zinsen doch irgendwie steigen bei sinkenden Bonitäten der Schuldner, der Unternehmen und Staaten. Das könnte im kommenden Jahr passieren, sagen die Rentenhändler an der Frankfurter Börse. Sie meinen, dass der weltweite Anleihemarkt in der Größenordnung von 85 Billionen Dollar die größte Blase auf dem Planeten sei. Und auch diese wird ihre Nadel finden. Im kommenden Jahr? Das wissen sie nicht. Sie werden im kommenden Jahr auf sinkende Kurse spekulieren. Und vielleicht werden sie reich dabei, wenn heute alles von Deflation spricht, sie aber mit Inflation rechnen.

Mein Zahnarzt hofft, dass er diese drei Jahre bis zur Rente gut durchkommt. Er hat die Früchte seiner Arbeit wie viele nicht komplett verkonsumiert wie befohlen, sondern gespart – in Papier, in Bits und Bytes. „Gebohrt wird immer, und notfalls arbeite ich eben bis 75“. Und dabei hat er gut Lachen, denn seine Arbeit wird immer gefragt sein. Doch was wird dann aus seinen Beratern und den ganzen Papierverkäufern?

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