Alles kaputt, nichts gewusst und viel vergessen

13. Oktober 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Erinnern Sie sich noch an die Hypo Real Estate, kurz HRE? Falls nicht ist das nicht schlimm, denn selbst manche Führungskraft in manchem Unternehmen hadert bekanntlich mit dem Gedächtnis. Geht es dann mal schief, weiß niemand mehr so recht warum, wieso und weshalb. Und deshalb zahlen dann alle und keiner ist dafür verantwortlich.

Hypo Real EstateProzess gegen Ex-HRE-Chef Funke eingestellt

Das Ende der HRE-Gruppe war der spektakulärste Schadensfall der Finanzkrise in Deutschland. Das Verfahren gegen den ehemaligen Chef wird mit einer Auflage beendet.
 
Das Landgericht München hat den Prozess gegen den früheren Vorstandschef der Immobilienbank Hypo Real Estate, Georg Funke, eingestellt. Als Auflage verhängte die Wirtschaftsstrafkammer die Zahlung von 18.000 Euro an gemeinnützige Vereine, wie das Gericht am Freitag mitteilte.
 
(Quelle: Die ZEIT, 29.09.2017)
 

Es geht doch nichts über eine fachkundige Einschätzung der Lage, an die man sich auch im Nachhinein gerne erinnert.

(wikipedia) Nach ersten Auswirkungen der Subprime-Krise 2007 versicherte der Vorstandsvorsitzende Georg Funke noch am 7. November 2007 im Handelsblatt nach guten Quartalszahlen, die HRE sei „aus der Marktkrise der vergangenen Monate gestärkt hervorgegangen“. Am 15. Januar 2008 gab die HRE überraschenderweise eine außerordentliche Abschreibung über 390 Mio. € auf amerikanische CDOs bekannt[19] und erfuhr mit 35 % den bis dahin größten Tagesverlust eines DAX Titels. Die Aktie fiel von Schlusskurs 14. Januar 2008 von 33,52 € im Laufe der nächsten 9 Handelstage auf 13,96 € (Stand 28. Januar 2008).

Am Ende konnte die HRE offenbar vor lauter Stärke nicht mehr laufen. Das muss freilich belohnt werden.

(wikipedia) Der im Dezember ebenfalls entlassene frühere Vorstandsvorsitzende Georg Funke verklagte die HRE zunächst auf die Nachzahlung seines Gehaltes für Dezember 2008 und Januar 2009 und machte Ansprüche auf eine Nachzahlung von 151.172,03 Euro geltend. Anfang März 2009 klagte Georg Funke dann jedoch noch weit umfangreichere Forderungen ein. Der Manager („Auch ich bin betroffen durch den Kursverfall der HRE-Aktie.“) verlangte nun die Weitergeltung seines Vorstandsvertrages bis zum regulären Ablauf im September 2013 sowie Aufrechterhaltung seiner Pensionsansprüche.

Die Formulierung man sei durch den Aktienkursverfall eines Unternehmens betroffen, dessen Führung man selbst innehat ist schon ein Schmankerl. Man fragt sich was die zahlreichen vermeintlichen Weiterentwicklungen im Personalwesen und der Psychologie gebracht haben, wenn man auf manche Besetzung von Führungspositionen schaut. Und nein, eine geistige oder moralische Deformation – die wir an dieser Stelle natürlich niemandem nachsagen wollen – ist mit Sicherheit keine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Führung. So furchtbar erfolgreich waren viele derart mental deformierte bei der Ausführung ihrer Führungstätigkeit bekanntlich nicht. Beim Optimieren der eigenen finanziellen Situation mag das anders sein, es ist halt alles eine Frage der Priorisierung.-

(wikipedia) Funkes im Vertrag vereinbartes Festgehalt betrug 800.000 Euro pro Jahr, was die Ansprüche (bis 2013) auf rund 3,5 Mio. Euro summierte. Hinzu kamen vertraglich zugesicherte Pensionsansprüche von 560.000 Euro pro Jahr. Allein diese Ansprüche würden sich bei einer (angenommenen) 15-jährigen Laufzeit der Pension auf weitere 8,4 Millionen Euro belaufen. 

Nach einer so gründlich verrichten Arbeit soll der Mensch natürlich entspannt und fernab prekärer Verhältnisse seinen Lebensabend genießen. Man stelle sich vor, was ein schlechter bezahlter Manager alles hätte anrichten können. Die Aktie wäre vermutlich weit unter Null gefallen, wie die Zinsen.

Der Mensch ist ein komplexes Wesen, aber manche Zusammenhänge sind doch frappierend eindeutig. Wie oft kommt doch ein ganz großes Ego mit einem ganz kleinen Gedächtnis daher. Wäre es nicht schön, wenn der so genannte Rechtsstaat damit umzugehen die Zeit und Muße hätte?

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6 Kommentare auf "Alles kaputt, nichts gewusst und viel vergessen"

  1. beko sagt:

    Der Fall HRE hat mich seinerzeit ziemlich in Rage gebracht, zumal er zeitlich kontrastierte mit der fristlosen Kündigung einer Supermarktkassiererin wegen Unterschlagung eines Pfandbons. Um die Affekte abzubauen, habe ich mir folgenden Reim gemacht:

    Glückspilz

    Schorschens Ziel auf dieser Erden
    War, ein bedeutender Mann zu werden.
    Er hat’s geschafft!
    Als Zeus im Bankolymp, auch Vorstand genannt,
    Galt als honorig er und wohlbekannt.
    Lebte entrückt dem schlichten Volke
    Verdiente fürstlich, nicht zu bestreiten,
    In fetten und in Dürrezeiten.

    Als Schorschens Bank jüngst der Teufel ritt,
    Schrottpapiere die Bilanzen verlitt
    Und turmhoch Schulden standen ins Haus,
    So dass dem Geldhaus drohte das Aus –
    Kein Grund zu sinken in Scham und Schand,
    denn hurtig war Vater Staat zur Hand.
    Mit prallem Beutel macht’ er sofort
    Die leidende Bank flugs wieder flott.

    Und Schorschi denkt, „was kümmert das mich!
    Mein Geld ist es Gott sei Dank nicht!
    Es wird geschnitten aus Volkes Bauch
    Das ist seit jeher eherner Brauch.“

    Doch Schorsch hat den Bogen überspannt
    Ward aus dem Bankvorstand deshalb verbannt.
    Doch gibt’s keinen Grund für Depression
    Dralles Salär winkt dem Ex-Vorstand schon
    „Denn eines“, meint dieser, „ist doch wohl klar
    Mein Vertrag gilt weiter und läuft noch 4 Jahr
    Mit jährlich 800 Mille Gehalt fürwahr.
    Auch mein Pensionsanspruch besteht zurecht
    Denn Vertrag ist Vertrag und Recht ist Recht.
    Und zahlt mir die Bank die Gelder nicht
    Werd’ ich Klage erheben vor Gericht!“
    _____

    Ihr fragt nach Mäßigung, fordert Verzicht?
    Verständlich, doch helfen wird das wohl nicht.
    Ein Vorzug des Rechtsstaats scheint es zu sein
    Raffkes zu schützen vor Gewissenspein!

  2. JayJay sagt:

    Schöner Artikel und den Steuerzahler hat die HRE, Milliarden gekostet die irgendwo in einem Schattenhaushalt verbucht sind.
    Naja ist halt so, Verluste sozialisieren, Gewinne privatisieren. Hoch lebe der neue Sozialismus, der natürlich nicht für den gemeinen Steuermichel gilt.

    Gold & Silber Ahoi 🙂

  3. bluestar sagt:

    Erst einmal vielen Dank für das lustige, tiefsinnige Foto neben der Überschrift !!!
    Tja, Recht und Moral sind zwei unterschiedliche Stiefel und wenn der gewissenresistente Funke einen guten Dienstvertrag hat, dann steht ihm eine ganze Menge Kohle zu. Nun ja, gelogen hat er wohl auch heftig, aber könnte das vielleicht ein Einstellungskriterium für den Job samt Dienstvertrag gewesen sein ? Werden gewissenhafte, sensible, moralbelastete Leute Bankvorstand, Bundes-oder EU-Politiker ? Und da soll es doch Leute geben, die EU-Recht verletzen oder sogar das Grundgesetz, aber trotzdem lächelnd das Vertrauen der Wähler unerschütterlich genießen. Irgendwelche Konsequenzen des Verhaltens ?Fehlanzeige. Okay, 13% der Deutschen sind wohl damit nicht einverstanden und fordern den propagierten, angeblichen Rechtsstaat. Aber der hat zu tun und kümmert sich um wichtigere Dinge wie z.B. die Nichtzahler von Rundfunkbeiträgen, denen Beugehaft droht.

  4. RealTerm sagt:

    Beim Lesen dieser Zusammenfassung vergeht mir Humor und Zynismus, mir wurde einfach schlecht. Aber man sollte sich dies in Erinnerung rufen.
    Der DAX steigt heute über 13.000 Punkte. Alles ist gut …

  5. bluestar sagt:

    @beko
    Klasse Reim, vielen Dank.
    Wer wie Sie so schön Dichten kann hat Vorteile , denn es ist kreativ und frustbewältigend zugleich…
    Beste Grüße

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