Alle bekloppt? Wenn Gutes auf einmal schlecht sein soll

5. April 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Ich habe in den letzten Monaten in fast jeder Kolumne unterstrichen, dass diese Rallye, basierend auf billigem Geld und einer blinden Hoffnung auf eine Stabilisierung der Lage in den USA, China und Europa, jederzeit in sich zusammenbrechen könnte, denn da die Realität außerhalb der Börsensäle weiterhin kritisch bleibt, bedarf es am Ende nur eines Tropfens, der das Fass, angefüllt mit ignorierten Warnsignalen, zum überlaufen bringt. Aber sollte das ausgerechnet jetzt passieren?

„Ausgerechnet jetzt“ ist in einer solchen Situation natürlich eine Standardfrage, wenn die Börsen nach unten drehen. Logisch, denn wie gesagt, am Ende ist es eine Kleinigkeit, die eine Lawine lostreten kann. Und trotzdem muss man sich diese Frage stellen, wenn man womöglich sogar darauf hofft, dass insbesondere die europäischen Aktienmärkte endlich eine Trendwende nach unten vollziehen. Ausgerechnet jetzt?

Denn die Argumentation für die plötzliche Schwäche insbesondere europäischer Aktien ist so abstrus, dass man sich schon wundern muss. Zum einen wird die Angst vor einem erneuten Aufflammen der Schuldenkrise in Europa genannt. Aber wo sind denn die Argumente dafür, dass man ausgerechnet jetzt davor Angst bekommt, nachdem man vorher angeblich wochenlang der festen Überzeugung war, alles käme wieder ins Lot? Es ist nichts von Bedeutung passiert! Dass plötzlich wieder Druck auf spanische, italienische und portugiesische Anleihen ausgeübt wird, ist nicht das Ergebnis unerwarteter Änderungen in den Rahmenbedingungen, sondern einfach ganz gezielter Verkaufsdruck.

Kann die vorher propagierte Erwartung, dass die bisherigen Maßnahmen nunmehr ausreichen, um die Krise unter einem Teppich aus billigem Geld zu verstecken, nennenswert ins Wanken geraten, weil einige großen Adressen gezielt auf die schwächsten Stellen der EU feuern? In meinen Augen nur dann, wenn diese Hoffnung in Wahrheit so gar nicht existierte, sondern nur durch die steigenden, nach oben getriebenen Kurse selbst hervorgerufen wurde.

Und dann kam am Dienstagabend das Argument, die US-Notenbank wolle keine weiteren monetären Unterstützungen für die Wirtschaft mehr leisten. Was für ein Unsinn! Erstens war das am Dienstagabend veröffentlichte Protokoll der letzten US-Notenbanksitzung nur eine etwas ausführlichere Darstellung dessen, was man in der Presseerklärung unmittelbar nach dieser Sitzung vor drei Wochen bereits zu lesen bekam. Da gab es einfach keine echten Überraschungen.

Diejenigen, die am Dienstagabend und dann auch am Mittwochmorgen in Europa auf die Kurse eindroschen, beriefen sich auf die zwischen den Zeilen herausgelesene „Erkenntnis“, dass die Protokoll-Formulierung, nur „einige“ Mitglieder des Federal Open Market Committee (FOMC) seien der Ansicht gewesen, dass man die gezielten Käufe am Anleihemarkt ausweiten müsse, bedeuten würde, dass die Notenbanken Geldhahn wieder zudrehen werde. Richtig ist, dass die Notenbank der Ansicht ist, dass die momentane leichte Erholung der amerikanischen Wirtschaft stabil genug ist, um einer weiteren Ausweitung monetärer Unterstützung nicht zu bedürfen. Dies sei erst dann zu diskutieren, wenn sich die momentane Erholung nicht verstetigen sollte. Was übrigens, da sie hauptsächlich auf einer massiven Zunahme privater Kredite basiert, durchaus wahrscheinlich ist, aber das sei nur nebenbei angemerkt. Der Hammer ist:

In den letzten Wochen wurde jede positive US-Konjunkturzahl mit Kurssteigerungen beantwortet. Denn das war es, worauf alle gehofft haben. Nun geht die Notenbank hin und bestätigt diese Entwicklung, deutet an, dass eine Ausweitung der Unterstützung dementsprechend nicht mehr zwingend sei – und alles verfällt in Panik und steigt aus? Die Fed hat doch nichts anderes getan als sich auf Daten zu berufen, die die Anleger allesamt seit Wochen kennen! Gut, wenn man auf die abstruse Idee kommt, dass damit das Versprechen dauerhaft niedriger Leitzinsen nicht mehr gelten würde, mag ja verständlich sein, wenn man die hohen Kurse am US-Anleihemarkt zum Ausstieg nutzt. Aber eine verbesserte Wirtschaft bedeutet bessere Gewinne der Unternehmen. Warum also verkauft man dann plötzlich massiv am Aktienmarkt? Wieso muss der deutsche Anleihemarkt gleich mitverkauft werden, obwohl die US-Verhältnisse hier überhaupt nicht gelten? Weshalb wird gleichzeitig, wo doch gerade jetzt der Alternative eines „sicheren Hafens“ herhalten müsste, wenn die Anleihen unter Druck geraten, Gold massiv verkauft? Von der Logik her müssten entweder die Aktien steigen und Gold fallen oder umgekehrt. Wenn aber alles querbeet verkauft wird, darf man eher daran zweifeln, dass diese Aktivitäten wirklich unmittelbar mit diesen Notenbank-Protokoll zu tun hatten.

Nicht zuletzt auch wegen eines anderen Aspektes: Der Verkaufsdruck begann am Dienstagabend auf die Sekunde genau um 20:00 Uhr. Wie konnte irgendjemand binnen einer Sekunde ein Protokoll genau auf Aussagen zwischen den Zeilen geprüft haben, für dessen Lektüre ich einige Minuten gebraucht habe? Wieso fällt Gold mit? Warum entsteht plötzlich Druck auf den europäischen Aktienmarkt, ohne dass sich hinsichtlich der EU-Krise etwas verändert hätte? Weshalb kommt Europa bei Aussagen über eine stabilisierte US-Wirtschaft deutlich mehr unter Druck als die US-Börsen selbst? Warum profitieren europäische Exporttitel nicht davon, dass im Zuge eines nach oben gezogenen US-Dollar der Euro fällt und damit den europäischen Export in den Rest der Welt erleichtert?

Da passt nichts zusammen. Aber scheinbar merkt niemand etwas davon. Nun ist es natürlich so, dass sich sehr viele Marktteilnehmer – und manchmal scheint es, das trifft vor allem auf die zu, die Geld anderer Leute (GaL) verwalten – nicht allzu sehr mit Nachdenken aufhalten. Und da auch die Medien entweder nicht hinter den Vorhang schauen wollen oder es mangels Qualifikation nicht können, wird einfach die auf den ersten Blick logische Begründung, die bereits Sekunden nach dem Eintreten eines Ereignisses geliefert wird, übernommen und weiter geplappert. Die Anleger hätten Angst vor einer erneuten Zuspitzung der Krise in Europa und sind enttäuscht über den Liebesentzug der US-Notenbank gegenüber den Kapitalmärkten. Basta. So ist das halt.

Nun, so ist es eben nicht, weil es nicht stimmen kann. Nur, weil die meisten Marktteilnehmer ein kurzes Gedächtnis haben und aus Energiespar-Gründen gerne Begründungen aus der Dose übernehmen, sind sie doch nicht vollkommen bekloppt. Nehmen wir doch einfach mal an, diese Begründungen sind nichts anderes als ein Vorwand (was sie in meinen Augen auch definitiv sind) und bringen diese Kursbewegungen mal mit der Realität in Verbindung…

Der Aufschwung in den USA steht auf tönernen Füßen, weil er auf Kredit finanziert ist. So etwas geht nie lange gut. In der EU sind zwar die größten Probleme aus den Schlagzeilen verschwunden, durch das billige Geld aber nicht gelöst worden. Zudem gibt es momentan wenig Argumente dafür, dass es in Europa bei der allgemein propagierten „leichten Rezession“ bleiben wird. Und die großen Adressen verfügen zwar nun über genug billiges Geld, um auch die Börsen nach Belieben beeinflussen zu können, tun es aber nicht. Dabei ist am wahrscheinlichsten, dass man die Kurse seitens der Banken im Eigenhandel momentan nicht weiter hoch treibt, weil die Masse der Privatanleger nicht mitgezogen hat und man sich nicht sicher sein kann, ob diese bei weiter steigenden Kursen doch noch einsteigen und damit den großen Adressen die Realisierung ihrer Gewinne auf höchstmöglichem Niveau ermöglichen.

Auch sind unmittelbare Argumente für steigende Kurse wie ein großer Verfalltermin, das Quartalsende und der Start des neuen Quartals erst einmal vorbei – jetzt stehen ab der kommenden Woche die ersten Quartalsberichte aus den USA an, die womöglich ebenfalls kein Argument dafür sind, dass die Anleger den institutionellen Investoren neues Geld vor die Tür karren.

Wenn man sich diese Aspekte überlegt, kommt man leicht zu dem Schluss, dass es einfach große Adressen sind, die hier versuchen, bereits Positionen nennenswerter Größenordnung abzubauen, weil sie zusehends nervös werden. Da insbesondere der Eigenhandel der Banken bei vielen der großen Spieler über computergesteuerte Handelsprogramme läuft und es selbst bei „kleineren“ Verkäufen dieser „Großen“ um heftige Größenordnungen geht, ist erklärbar, warum es erstens im plötzlichen und massiven Schüben abwärts geht (zumal solche Verkäufe dann natürlich auch reihenweise Gefolgschaft bei den Daytradern finden) und zweitens, weshalb in solchen Augenblicken dann einfach alles gleichzeitig fällt, was normalerweise nicht gleichzeitig fallen dürfte. So beispielsweise Gold, Euro, Anleihen und Aktienmärkte gemeinsam. Aber Vorsicht, das ist nur eine Möglichkeit.

Die andere Möglichkeit wäre, dass man nervöse Bullen durch solche Impulse ganz gezielt aus dem Markt treiben will und die Bären glauben machen will, dass ihr Stündlein nun geschlagen hat. Insbesondere in Europa, wo die Aktienmärkte ja schon Anfang März einmal durch alle kurzfristig wichtigen Unterstützungen rauschten, um sofort danach wieder nach oben zu schießen. Auf diese Art und Weise bringt man die Kurse im Endeffekt höher, weil all die ausgestoppten, ausgestiegenen und zum Teil Short gegangenen Marktteilnehmer in Panik ob der plötzlich wieder nach oben gezogenen Kurse dann wieder einsteigen müssen. Gerade in Phasen, in denen die großen Spieler am Markt unbedingt steigende Kurse brauchen und die riesige Schar der kleineren Marktteilnehmer nicht mitziehen will, ist so etwas ein probates Mittel. Und es funktioniert eben gerade dann besonders gut, wenn nicht viel überlegt wird, bevor gehandelt wird … und sich die Akteure ihre Meinung von den Kursbewegungen und nicht den Fakten diktieren lassen, ohne es überhaupt zu merken.

Fazit: Beide Möglichkeiten sind denkbar, wobei erstere das Risiko birgt, dass andere große Adressen nun ebenfalls unruhig werden und dadurch eine Lawine nach unten losgetreten würde. Im zweiten Fall indes wäre die Wahrscheinlichkeit nennenswert weiter fallender Kurse nicht besonders hoch – und diese zweite Variante scheint mir angesichts dieser aktuellen, oben genannten „Seltsamkeiten“ wahrscheinlicher. Auch gerade vorhin rasselte der Dax gleich mal 30 Punkte nach unten, als EZB-Präsident Draghi mit seiner Rede begann. Aber wieder war der Dax schon unten, bevor Draghi auch nur „piep“ sagen konnte. Das sieht nach ganz gezielten Attacken aus, um den nervösen Bullen Angst aufzuzwingen und sie dadurch aus dem Markt zu drücken. Und kaum ist der letzte kurzfristige Stop-Loss überrannt, dreht alles wieder nach oben … wenn diese Erklärung die richtige ist.

Das gilt es nun zu beobachten, insbesondere nach den Feiertagen. Was man aber auf keinen Fall tun sollte, ist den allgemein herumgereichten, nur auf den ersten Blick tauglichen Begründungen auf den Leim zu gehen und sich somit in den Strudel der momentanen Berichterstattung hineinreißen zu lassen, die jedes Mal sofort mega-bullish wird, wenn die Kurse anziehen und auf der anderen Seite umgehend in die Jammerharfe greift, wenn es abwärts geht. Nichts kann fataler sein, als sich seine eigene Meinung durch die momentanen Bewegungen der Kurse diktieren zu lassen! In diesem Sinne: frohe Ostern!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt


Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , , , ,

3 Kommentare auf "Alle bekloppt? Wenn Gutes auf einmal schlecht sein soll"

  1. wolfswurt sagt:

    Alle bekloppt? – Auf jeden Fall!

    Anders ist die Realität, nicht nur an den Märkten, nicht mehr zu erklären.

    Frohe Ostern

  2. Eddy sagt:

    Herr Gehrt, danke Ihnen für die Antworten auf Fragen, die ich mir auch schon sehr lange stelle. Ich bin sehr „großer“ Fan von Ihnen. Frohe Ostern.

  3. Wollen sagt:

    Fand es skurril, wie schnell alles am Dienstag ins Rote gelaufen ist,ohne Vorwarnung, ja die Warnungen gibt es ja schon länger..,medial unangekündigt außer beim Handelsblatt da wurde schnell noch ein Artikel platziert „Platzt die Goldblase“.
    Dachte mir bloß bei den hohen Öllagerbeständen in Amerika die Gallone wie viel, kostet mittlerweile?,es werden wieder Kredite aufgenommen,um Neuwagen zu kaufen in Amerika,wird von Wachstum gesprochen;)
    das rezessive Europa,deutsche Autokonzernspitzen,DIW ,deutsche Bank immer noch von Traumwirtschaftswachstum,niemals endendes Wachstum träumen…
    Zeit das Ostern wird;)

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.