All About Politics! Das Erbe von Richard Cantillon: Wohin der Honig fließt…

22. Dezember 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Stöferle und Mark Valek

Während im Jahr 2015 die relevanten Überraschungen für die meisten Marktbeobachter in erster Linie geldpolitischer Natur waren, ist das Jahr 2016 eindeutig ein Jahr der weltpolitischen Umbrüche gewesen. Zur Jahresmitte schockierte das Referendum im Vereinigten Königreich zugunsten des BREXIT die internationalen Märkte – wenngleich nur für kurze Dauer. Auch andernorts in Europa bereitet das Erstarken von Populisten Sorge über die Zukunft Europas und des Euros.

Doch für die wohl gravierendste Zäsur an den Märkten sorgte die Wahl des Immobilien-Tycoons Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten. Der 8. November 2016 macht eine grundlegende Neubewertung der Marktumstände erforderlich. Nach einem populistisch geführten Wahlkampf müssen die Marktteilnehmer nun die weitreichenden Konsequenzen dieser Neuwahl evaluieren. Dies ist umso schwieriger, da vom künftigen Präsidenten ein radikaler Kurswechsel auf allen politischen Ebenen (außen-, innen-, und wirtschaftspolitisch) versprochen wurde. Problematischer Weise hat Trump jedoch seine Pläne im Wahlkampf nur mit äußerst unkonkreten Aussagen beschrieben – wahrscheinlich, da er sich selbst damals über sein Vorgehen im Falle eines Wahlgewinnes noch nicht im Klaren war.

Abgesehen von der Schicksalswahl in den USA – deren Konsequenzen wir uns später noch widmen werden – ist davon auszugehen, dass sich das Stakkato der politischen Umbrüche auch im folgenden Jahr fortsetzen wird. Nach dem jüngst gescheiterten Reformreferendum in Italien und den damit verbundenen Neuwahlen droht auch die Eurokrise wieder auf die Agenda zurückzukehren. Ferner gibt es unappetitliche Aussichten für die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich und auch bei der deutschen Bundestagswahl 2017 bahnen sich Umbrüche hinsichtlich der politischen Kräfteverhältnisse an.

Die Begründungen für diese politischen Entwicklungen sind vielschichtig und multidimensional. Trotzdem sind wir der Meinung, dass es eine wesentliche, systemisch bedingte Kernursache dieser für die meisten Marktbeobachter überraschenden politischen Umbrüche gibt. Die „verblüffenden“ Wahlergebnisse in der westlichen Welt sind unserer Meinung nach keineswegs nur Erzeugnisse populistischer Demagogen, sondern vielmehr kausal auf eine ökonomisch massiv auseinanderdriftende Gesellschaft und einen damit verbundenen Vertrauensverlust in etablierte Institutionen zurückzuführen.

Es gibt vereinfacht gesagt einen Teil der Bevölkerung, welcher sich aktuell als recht wohlhabend erachtet und trotz – oder gerade wegen! – der aufkommenden Zweifel hinsichtlich der Nachhaltigkeit unseres derzeitigen Wirtschaftens am Status quo festklammert. Jene Gruppe, bei der aber das Gefühl der Unsicherheit und Ungerechtigkeit in Verzweiflung und Wut umgeschlagen hat, ist offen für die sogenannten Populisten – sowohl in der linken als auch in der rechten Ecke des politischen Spektrums.

Als eine Kernursache dieser gesellschaftlichen Polarisierung ist nicht zuletzt unsere derzeitige, nicht nachhaltige Geldordnung zu identifizieren. Als unser ungedecktes Geldsystem 2008 unter einer nicht mehr zu bewältigenden Schuldenlast erdrückt zu werden drohte, wurde das System durch eine „All-in-Reflationspolitik“ der Notenbanken in die nächste Runde gerettet. Die geldpolitischen Maßnahmen gelten gemeinhin als Erfolg, selbst wenn Null- und Negativzinsen weiterhin vorwalten und nach wie vor Unmengen an Zentralbankgeld ex nihilo geschaffen werden.

Vertraut man auf den gesunden Menschenverstand, so signalisieren diese Umstände doch deutlich, dass die Krise nicht bewältigt ist, sondern noch einiges im Argen liegt. Dass die fragwürdige Behandlung des verwundeten Systems nicht ohne Nebenwirkungen bleiben würde, war abzusehen. Eine dieser Nebenwirkungen ist genau jene, die dazu führt, dass sich mehr und mehr eine ökonomische Demarkationslinie innerhalb der Bevölkerungen der westlichen Staaten abzeichnet.

Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie werden nicht müde, auf den sogenannten Cantillon-Effekt hinzuweisen. Für jeden, der diesen Wirkmechanismus einmal verstanden hat, sind die gesellschaftlichen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, leichter nachvollziehbar. Doch was verbirgt sich hinter dem Cantillon-Effekt?

Hierzu wollen wir gerne auf folgende Textpassage aus unserem Buch „Österreichische Schule für Anleger“ verweisen:

„Neu geschaffenes Geld wird weder gleichmäßig noch gleichzeitig auf die Bevölkerung verteilt. Das bedeutet, dass manche Geldnutzer von der Teuerung profitieren, andere darunter leiden. Die Geldausweitung ist ein Vermögenstransfer: Jene Marktteilnehmer, welche die neue geschaffene Kaufkraft früher erhalten, profitieren im Vergleich zu denen, die das neu geschaffene Geld erst später erhalten. Erstere können Konsum- bzw. Kapitalgüter noch zu relativ günstigen Preisen beziehen, Letztere erst nach erfolgter Teuerung. Steigt die Geldmenge in einer Phase geringer Wirtschaftsaktivität, so kann die Ausweitung der Geldmenge auch ohne Preisanstieg ablaufen. Allerdings erfolgt auch hier eine Umverteilung, wenngleich sie nicht unmittelbar ersichtlich ist: Die höhere Geldmenge verhindert, dass die Preise auf das Niveau absinken, das ohne Geldmengenvermehrung erreicht worden wäre. […] Inflation wirkt wie eine regressive Steuer, welche durch den sogenannten Cantillon-Effekt die weniger vermögenden Bevölkerungsschichten tendenziell am härtesten trifft.

Friedrich August von Hayek verglich den Cantillon-Effekt mit dem Gießen von Honig in eine Untertasse. Der Honig verteilt sich nur langsam von der Mitte hin nach außen. Übertragen auf die unterschiedliche Auswirkung von Inflation bedeutet dies, dass beispielsweise Städte oder Unternehmen, welche ‚nahe an der Geldschöpfung‘ liegen, von ihr profitieren. Sie erhalten das geschaffene Geld vor einem Preisanstieg in der übrigen Wirtschaft.“

Sowohl in den USA als auch im Vereinigten Königreich kann man am regionalen Ausgang der Wahlergebnisse bzw. des Referendums abschätzen, wohin der Honig, der seit 2008 massenhaft ins System gepumpt wird, als erstes floss: Urbane Gebiete (insbesondere Finanzmetropolen) haben tendenziell deutlich von der Reflationierung der Geldmengen profitiert. Aber auch subventionierte Regionen erhalten durch die fiskalische Umleitung von Mitteln Zugang zum Honigtrog. Steigende Zinsen könnten den Nachschub verlangsamen und der „Trickle-down“-Blasenökonomie der vergangenen Jahre – mit schwerwiegenden konjunkturellen Konsequenzen – ein jähes Ende setzen.

Trump: From Zero to Hero?

Vergangenes Jahr sind wir an dieser Stelle von einer deutlichen Abwertung des US-Dollars ausgegangen, da wir nicht damit rechneten, dass die damals angekündigten vier Zinserhöhungen im Jahr 2016 in den USA tatsächlich umsetzbar gewesen wären. Diese zum Marktkonsensus konträre Einschätzung erwies sich zunächst als goldrichtig. Der US-Dollar machte die Kehrtwende und der Goldpreis markierte ein prächtiges erstes Halbjahr. Diese Bewegung wurde mit dem BREXIT jedoch gestoppt und spätestens mit der Trump-Wahl umgekehrt.

US-Dollar-Index seit 2014

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Bereits im Juni 2016 widmeten wir uns im Rahmen unseres zehnten „In Gold we Trust“-Reports ausführlich dem Phänomen Trump und hielten es für durchaus wahrscheinlich, dass dieser entgegen aller medialen Erwartungen das Rennen machen könnte. So haben wir dies auch als eine unserer zehn Thesen für das nächste Jahr an der Edelmetallmesse in München Anfang November 2016, also noch vor der Wahl, publiziert. Von der Wahl wurden wir also weniger überrascht als viele andere; die Reaktion der Märkte auf dieses Ereignis überraschte uns dann aber doch. Warum hat der von den Märkten im Vorfeld der Wahl gescholtene Donald Trump nach seinem Sieg urplötzlich zu einer regelrechten Euphorie an den US-Aktien- und Devisenmärkten geführt?

Wir führen dies in erster Linie auf die deutlichen politischen Mehrheitsverhältnisse der republikanischen Partei zurück, welche die US-Wahl mit sich brachte. Die Republikaner stellen in naher Zukunft nicht nur den Präsidenten, sondern verfügen zudem auch über die Mehrheit in beiden Kammern. Es gibt somit Hoffnung darauf, dass eine handlungsfähige, unternehmerfreundliche US-Regierung durch Steuererleichterungen und Deregulierung nach Jahren des unterdurchschnittlichen Wachstums nun in Kürze den Karren aus dem Dreck ziehen könnte und tatsächlich einen selbsttragenden Aufschwung generieren wird.

In diesem Zusammenhang wird häufig der Vergleich der Ära Reagan mit der anbrechenden Ära Trump bemüht. Aus unserer Sicht hinkt dieser Vergleich nicht nur, was die Persönlichkeiten der beiden Kandidaten angeht. Viel entscheidender ist: Die ökonomischen Rahmenbedingungen, welche Reagan zu seinem Amtsantritt vorfand, waren geradezu konträr zu denen, die Trump nun vorfindet!

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Trump hat sich im Wahlkampf als Erlöser präsentiert, der die angeschlagene US-Wirtschaft bzw. das angeschlagene Land zu alter Größe führen will. Doch die Gründe für die gegenwärtige Stagnation liegen tiefer und eine Krankheit ist nicht allein dadurch gut behandelt, indem der Doktor gewechselt wird.

„Lassen Sie mich durch, ich bin Präsident!“ – das ist die Aura des vermeintlichen Heilsbringers Trump. Und sein Rezept? Das alte Lied von schuldenbasierten, fiskalischen Stimuli. Der Plan sieht nach derzeitigem Ermessen eine steuerliche Entlastung von 500 Mrd. US-Dollar über die nächsten zehn Jahre vor. Doch Reagans Steuersenkungen zu Beginn der 1980er Jahre waren im Verhältnis zur damaligen Wirtschaftsleistung weitaus einschneidender. Und da die Verschuldung zu jener Zeit noch deutlich geringer war, dürfte das kommende „deficit spending“-Programm zu einer spürbar geringeren Steigerung der Wirtschaftsaktivität führen.

Wie wir in unseren „In Gold we Trust“-Reportsimmer wieder aufgezeigt haben, wird durch die höhere Schuldenlast der Grenznutzen von fiskalischen Stimulierungsprogrammen sukzessive niedriger. Die zentrale Frage lautet, wie Trumps Konjunkturprogramm in Zeiten, in denen das Staatsdefizit Ausmaße erreicht hat, die jegliche Erwartungen gesprengt haben, finanziert werden soll? Wir halten es für sehr wahrscheinlich, dass sich das vor einigen Monaten heftig diskutierte Helikoptergeld seinen Weg in die geld- und fiskalpolitische Praxis bahnen wird. Doch nachdem eine zentralplanerische Geldpolitik die US-Ökonomie (wie andernorts auch) erst in die Misere geführt hat, wird eine zentralplanerische Fiskalpolitik, die an diese Misere anknüpft, unserer Meinung nach maximal eine künstliche Verlängerung dieses Konjunkturzyklus bewirken können. Eine Rezession wird in Trumps erster Amtsperiode unweigerlich eintreten!

Ein möglicher Auslöser dafür könnte der starke US-Dollar sein, der derzeit nahe seinem 14-Jahres-Hoch gehandelt wird – bei einem chinesischen Yuan, der auf ein 7-Jahres-Tief gefallen ist. Bei Fortsetzung dieses Trends sind disinflationäre, wenn nicht gar deflationäre Entwicklungen zu erwarten.

 

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Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Vergleich der angehenden Trump-Ära mit der unter Präsident Reagan aufgrund der vorherrschenden Prämissen nicht angebracht ist. Der Wirtschaftsaufschwung unter Reagan von 1982 bis 1989 war der stärkste Aufschwung in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Doch dieser vollzog sich in einem Umfeld fallender Zinsen und Inflationsraten. Direkt vor dem Aufschwung fanden zwei der stärksten Rezessionen überhaupt statt, welche für das System eine reinigende Wirkung hatten.

Heute befinden sich die USA in der zweitlängsten ökonomischen Expansionsphase seit dem Zweiten Weltkrieg. Zinsen und Inflation befinden sich nahe ihrer Tiefststände, doch am langen Ende deutet sich gerade eine Zinswende an: Sollte dieser Trend anhalten, könnte dies in den Emerging Markets oder in der Eurozone Staaten oder Unternehmen, die von niedrigen Zinsen oder einem billigen US-Dollar abhängig sind, schwer zusetzen. Eine in Übersee ausgelöste Krise an den Finanzmärkten hat jedenfalls das Potenzial, sich direkt auf die US-Wirtschaft auszuwirken. Unsere Zuversicht, dass Trump das Ruder nachhaltig herumreißen wird, ohne dass zuvor eine bereinigende Rezession stattfindet, hält sich in Grenzen. Wir befinden uns in der Nullzinsfalle! (SEITE 2)

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