ALARM!

21. Oktober 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Eines ist mal sicher: Meine im August geäußerte Erwartung, dass die Aktienmärkte bis spätestens Ende September den Schirm zuklappen würden, war falsch. Nicht von der Argumentation her, aber man klappte den Schirm eben einfach nicht zu. Wenn jemand, der sich in dieser Hinsicht geirrt hat, nun daherkommt und erneut warnt, kann es ihm gehen wie manchem Propheten. Die Leute hören einfach nicht mehr hin. Nichtsdestotrotz blase ich hier und jetzt erneut in Rolands Olifant und gebe Alarm..

Und ich rate dazu, das Folgende zumindest mal zu lesen. Ob Ihnen das dann die Bullenhörner kürzt oder nicht, wird sich weisen.

Sehen Sie sich mal den folgenden Chart an. Was würden Sie dazu sagen? Ist das nicht eine wunderbare, ja perfekte Bodenbildung? Muss man da jetzt nicht Gewehr bei Fuß stehen, um sofort massiv einzusteigen, wenn diese jetzt erreichte Nackenlinie als letzter Widerstand fällt? Zumal sie gerade nach einem kurzen Ausreißer nach unten, der sofort wieder abgefangen werden konnte, erneut angelaufen wurde, was doch klar zeigt, dass die Bären momentan einfach keine Chance zu haben scheinen … davon mal abgesehen, dass jedes der letzten Tiefs höher lag als das vorherige? Ja, das nenne ich mal ein wirklich bullishes Chartbild.

 

Die Sache hat nur einen winzigen Haken: Dieser Chart ist ein Fake. Es gibt ihn so nicht … bzw. es gibt ihn schon, nur ist er auf den Kopf gestellt, was man daran erkennen konnte, dass die roten Kerzen in die falsche Richtung zeigen. Die Realität ist somit das genaue Gegenteil, wie Sie auf der folgenden Seite sehen können. Es ist die Realität des marktbreiten US-Index Standard & Poor’s 500 per Freitagabend. Und dieses Chartbild ist somit natürlich potenziell massiv bearish – es fehlt nur noch ein schwacher Tag, um eine Toppbildung zu vollenden.

Und dass es am Freitag plötzlich zu kräftigen Verkäufen kam, ist in mehrfacher Hinsicht ein massives Alarmsignal. Davon abgesehen, dass der MACD dadurch unmittelbar vor einem Kaufsignal wieder nach unten abgewiesen wurde und jetzt nur noch ein einziger schwacher Tag fehlen würde, um eine markante Trendwendeformation zu vollenden und dadurch aus charttechnischer Sicht kräftiges Abwärtspotenzial freizusetzen, springt einem folgender Aspekt förmlich mitten ins Gesicht:

Dieser plötzliche Schwächeanfall begann, bevor die Masse der Optionen mit Oktober-Laufzeit an den US-Börsen abgerechnet wurden – und das, obwohl unübersehbar war, dass die Kurse nur wegen eben diesem Verfalltermin an den Terminbörsen gleich zu Wochenbeginn nach oben gezogen wurden. Eine Abrechnung auf dem nun wieder erreichten Niveau wäre ja wahrscheinlich auch gar kein Problem für die großen Spieler am Optionsmarkt gewesen. Aber es galt zu verhindern, dass die da ja auch schon angelaufenen Unterstützungen brechen und so eine unkontrollierte Abwärtsbewegung auslösen würden. Denn das hätte aus dem Optionstermin für die Stillhalter ein höchst verlustbringendes Chaos gemacht. Dass es nun aber nicht gelang, die Kurse „oben“ zu halten, bis die Show vorbei ist, ist sehr ungewöhnlich. Beim Dax klappte es mit dem angesteuerten Bereich 7.400, in den USA indes nicht. Nur wegen der üblen Quartalsbilanzen?

Nun, keine Frage, ausgerechnet bei den beliebten Dickschiffen wie Google, IBM, Intel, General Electric oder Microsoft sahen die Ergebnisse unerfreulich aus. Aber wer den Bankanalysten nicht unbesehen glaubt, konnte sich das ja denken. Und schließlich wurden die Indizes trotzdem bis Freitag oben gehalten, indem man die Kursverluste dieser Titel durch Käufe in anderen Aktien der jeweiligen Indizes kompensierte. Und noch auffälliger ist.

Wäre die Mehrheit des aktiven Kapitals so bullish wie noch im Sommer, man hätte diese Zahlen mit einem Lächeln vom Tisch gewischt, mit dem durchaus schlüssigen Argument, dass diese Bilanzen die Vergangenheit beleuchten … aber die Zukunft bzw. Gegenwart deutlich besser aussieht, denn die US-Konjunkturdaten der vergangenen Wochen wiesen alle aufwärts. Meist nicht rational nachvollziehbar, aber sie taten es. Klar, nicht wenige glauben, vielleicht nicht zu Unrecht, dass diese Daten im Vorfeld der Wahl ein wenig „aufgehübscht“ werden und/oder dies der wie immer nur kurze psychologische Effekt des unlängst gestarteten dritten Anleihekaufprogramms der Fed sei. Aber diese Klientel war bislang immer in der Minderheit, wurde von den „Blind-Bullen“ einfach niedergewalzt. Das scheint plötzlich nicht mehr der Fall zu sein.

Nun wird seitens der Bullen, die sich verdächtigerweise ausgerechnet jetzt in den Medien die Klinke in die Hand geben, während man von Bären weder etwas sieht noch hört, z.B. bezüglich des Dax stereotyp postuliert, dass unser Index noch in diesem Jahr die 8.000 überwinden werde, da wir hier nichts anderes als eine Seitwärtskonsolidierung vor dem nächsten Aufwärtsimpuls sehen, keinesfalls aber eine Bodenbildung. Aha. Überlegen wir mal:

Davon mal abgesehen, dass das Dauer-Argument in sterbenden Haussen, nämlich das verzweifelt nach Anlage suchende Kapital, in absolut keiner Weise belegbar ist, weil niemand weiß, wie viel Kapital frei ist und was die Besitzer damit in Zukunft zu tun gedenken. Davon mal abgesehen, dass die albernen KGV-Rechenspielchen, die die Aktienmärkte momentan als „billig“ einstufen auf Gewinnprognosen und Denkmodellen basieren, die zum einen veraltet sind und zum anderen meist auf zukünftigen Gewinnen basieren, die wahrscheinlich nie erreicht werden, bläst diesen Hausseparty-Animateuren momentan eines ihrer ureigensten Argumente voll ins Gesicht … ohne, dass sie es merken würden:

Ich meine die grundsätzlich völlig richtige Faustregel: Wenn alle an den Börsen glauben, dass X eintritt, kommt es zu Y. Weil, als die Eurokrise noch in den Schlagzeilen präsenter war, statt wie aktuell mit Masse unter dem Teppich vor sich hin zu gären, sehr viele Marktteilnehmer – aus fundamentaler Sicht zu Recht – davon ausgingen, dass sich das an den Aktienmärkten sehr negativ auswirken würde, stiegen die Kurse, statt zu fallen. Einfach deswegen, weil diejenigen, die aussteigen wollten, dies bereits in der Zeit zwischen April und Mai getan hatten und dann, als sich die Aktienmärkte im Zuge einer zunächst ganz normalen Gegenreaktion erholten, nicht wieder einstiegen. Das führte dazu, dass nach dieser Gegenbewegung kein erneuter Verkaufsdruck aufkam, weil die Bären ja weiterhin draußen blieben … und alleine durch kurzfristiges Trading und unsere geliebten computergesteuerten Handelsprogramme weitere Kurssteigerungen auftauchten. Dies im Verbund mit dem bären-zermürbenden Chor all derer, die mit dem komischen Argument der Alternativlosigkeit zu den Aktienmärkten das bullishe Lager zu stärken versuchten, führte zu einer langsamen, aber mit jedem Prozent Kursanstieg intensivierten Konvertierungswelle unter den Bären. Und jetzt?

Jetzt stelle ich fest, dass nahezu niemand an eine echte Trendwende nach unten glaubt. Einige halten eine moderate Korrektur für denkbar, aber die vorherrschende Meinung ist, dass wir wirklich nur noch nach oben laufen können. Warum? Weil immens viele ihr Denken ihrem Depotbestand anpassen und so zu gerne jeden Unsinn glauben, wenn der nur weiter steigende Kurse verspricht. Gerade Ex-Bären sind da meist die Schlimmsten, einem Ex-Raucher vergleichbar. Die Mahnenden haben in den Medien keinen Platz … aber: Wer soll jetzt noch einsteigen, wenn all diejenigen, die an weiter steigende Kurse glauben, längst investiert sind? Und woher soll hinreichend neues Geld kommen, um die seit einigen Wochen nicht mehr versiegenden Verkäufe dauerhaft aufzuhalten? Ein Exodus am Anleihemarkt hin zu Aktien hätte längst kommen müssen. Dass er jetzt auf einmal doch noch auftaucht, während die Aktienmärkte deutlich sichtbar nicht mehr vorankommen, wäre unlogisch. Ich stelle fest: Fast alle glauben an weiter steigende Aktien. Dass die Bullen nun argumentieren, dass ihr vormaliges, eigenes Hausse-Argument des „wenn alle glauben …“ jetzt auf einmal nicht mehr zieht, weil es nun eines für die Bären wäre, ist bezeichnend!

Dass es noch während des Optionsverfalls, trotz positiver Konjunkturdaten, zu einem derart auffälligen Verkaufsdruck in den USA kam, der den kompletten Wochenanstieg eliminierte und die Indizes wieder an die gerade wenige Tage vorher noch einmal verteidigten Unterstützungen drückte, ist ein Alarmsignal. Und es wird schwer, aus diesem Szenario jetzt noch einen neuen Aufwärtsimpuls zu starten, denn der psychologische Effekt insbesondere bei den großen Adressen wie Fonds, Hedge Funds, Pensionskassen oder Versicherungen wiegt schwer. Warum? Nun …

Wer dachte, jetzt geht nach oben die Post ab, ist nun zweifellos höchst irritiert. Und das verursacht bei den großen Adressen, nahe dem Jahresende, eine Zwickmühle. Natürlich würden sie gerne ihre Performance, die bei „Long Only“-Investments ja deutlich höher ist als man allgemein zu Jahresbeginn erwartete, ins Ziel in Form des Jahresultimo retten. Aber dazu müsste man wohl jetzt aktiv versuchen, dieses Niveau zu stützen. Das Problem dabei ist, dass diese Akteure ja nicht einfach den Hörer in die Hand nehmen können um bei der Konkurrenz nachzufragen, was die denn zu tun gedenken. Es kann ausgerechnet jetzt jederzeit passieren, dass ein paar der „Großen“ aus dem bullishen Kordon ausscheren (oder es bereits getan haben, denn irgendwer muss ja den Verkaufsdruck der letzten Wochen verursacht haben) und ihre Barbestände deutlich erhöhen. Denn geht es ab jetzt nach unten, ließe sich die Performance nur dadurch einigermaßen verteidigen, indem man rechtzeitig, bevor die Kurse stärker fallen, so viel Gewinne wie möglich realisiert. Wenn andere das tun, während man selbst fast voll investiert ist und mit dem Rest-Barbestand die Kurse stützt, ist man am Ende der Depp. Das sind die Gedanken, die sich die Entscheider der großen Adressen genau jetzt machen. Und sollten auch nur ein paar zu dem Schluss kommen, in der kommenden Woche lieber zu früh als zu spät in Deckung zu gehen, brechen die Deiche.

Wir werden sehen, welche Folgen diese Verkäufe in den USA am Montag in Europa haben werden. Es wäre durchaus möglich, dass man hierzulande einfach so tut, als wäre nichts passiert, im stetigen Glauben, dass auch die US-Börsen von den nun erreichten Chartlinien wieder nach oben drehen. Aber selbst wenn man beispielsweise im Dax, der von seiner entscheidenden Auffanglinie bei knapp 7.200 noch relativ weit entfernt ist, darauf baut: Gerade in dieser Hinsicht, bezüglich der im Sommer noch unerschütterlichen „Bulishness“, haben die US-Märkte die Europa-Bullen in den letzten Wochen schon mehrfach unangenehm überrascht.

Ich bin in meinen Börsendiensten deswegen gerade jetzt dabei, die bestehenden Short-Positionen zügig auszubauen. Denn wenn die Deiche brechen, geht es blitzschnell, weil unter diesen Linien natürlich massenweise Stop-Loss-Orders bestehende Long-Positionen absichern sollen. Daher gehe ich das Wagnis ein, bereits oberhalb dieser Auffanglinien nach und nach auf den Bruch dieser Unterstützungen zu setzen, zumal man angesichts der relativ nahe liegenden, bisherigen Verlaufshochs der Aufwärtsbewegung mit recht eng platzierbaren Stoppkursen arbeiten kann. Denn eines ist wohl unstrittig: Die gerade einmal 2,5 %, die der Dax noch Abstand zur 7.200 hat, wären im Fall brechender Unterstützungen bei Dow und S&P 500 sehr, sehr schnell zurückgelegt.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)

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