Alaaarm! Statt China und dem Euro wanken nun die Banken

10. Februar 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

„Deutsche Angst AG“ … Blanke Panik ist vermutlich der einzig passende Ausdruck, mit dem die aktuelle Gefühlslage von Aktionären der Deutschen Bank* beschrieben werden kann. Denn die Aktie des größten deutschen Kreditinstitutes findet keinen Boden, im gestrigen Handelstag notierte sie mit knapp über 13 EUR so tief wie seit den 80er Jahren nicht mehr.

Es mag für viele unbedarfte Beobachter absurd klingen: Der Markt macht sich zunehmend Sorgen um eine Schieflage der Deutschen Bank. So sehr, dass sich das Management zuletzt genötigt sah, durch einen Brief an die Mitarbeiter und eine Ad-hoc-Mitteilung zu bestätigen, den Kupon auf einen ausstehenden sogenannten CoCo-Bond (Contingent Convertible Bonds, die beim Eintreten definierter Kriterien automatisch in Eigenkapital gewandelt werden) bezahlen zu können.

Noch einmal: Die Deutsche Bank bestätigt, ihre Zinsen bezahlen zu können (!). Wer so etwas nötig hat, bei dem brennt es womöglich lichterloh. Das ist wohl auch an den Kreditmärkten so einigen Marktteilnehmern klar geworden. Denn die angesprochene Anleihe notiert bei lediglich 75% des Nominalwertes, Kreditausfallversicherungen auf die Deutsche Bank kosten, Stand heute, ca. 243 Basispunkte (+140% seit Jahresanfang). Um es plastischer auszudrücken: Der Markt errechnet eine 10 bis 25%-Chance für eine Insolvenz der Bank (berechnet mit einer Insolvenzquote zwischen 80 und 90%).

Erinnerungen an Lehman Bros.

Unabhängig davon scheint die Börse ohnehin den Glauben an die Zahlen aus den Frankfurter Zwillingstürmen verloren zu haben. Denn wie soll man es anders interpretieren, dass die Bank an der Börse weniger als 20 Mrd. EUR wert ist, angeblich jedoch – auch nach dem Rekordverlust von 2015 – auf einem Eigenkapital von mehr als 60 Mrd. EUR sitzt.

Gerüchten zufolge will man nun ausstehende Anleihen in Milliardenhöhe zurückkaufen um damit Gewinne zu realisieren, komischerweise allerdings lediglich erstrangige Papiere und nicht die abgestürzten CoCo-Bonds. Glaubt das Management also selber nicht mehr an deren Rückzahlung? Insgesamt erinnert die Situation fatal an Lehman Brothers im Sommer 2008.

Genau dies hatten wir bereits im Juni letzten Jahres beschrieben, als wir einen Versuch unternommen haben, die Bilanz der Deutschen Bank zu verstehen. Sie finden den Artikel als pdf hier. Nach wie vor gelten die damals beleuchteten Fakten:

Die Bank sitzt auf einer gigantischen Derivateposition (derzeit 571 Mrd. EUR Nettopositionen, brutto ca. 52.000 Mrd. EUR), jederzeit ist hier das Platzen einer „Bombe“ möglich. Bislang erinnern die Aufräumarbeiten des neuen Vorstandschefs John Cryan daher vor allem an das scheibchenweise Entschärfen einer „Bombe“, allen öffentlichen Beteuerungen zum Trotz.

Ähnlich „glaubhaft“ dürfte auch die Äußerung von Wolfgang Schäuble einzuordnen sein, dass er sich keine Sorgen um die Deutsche Bank mache. Selbst wenn er es anders wüsste, wäre hier wohl keine andere Aussage zu erwarten. Dass ein deutscher Finanzminister dagegen öffentlich sein Vertrauen in die Bonität des größten inländischen Kreditinstituts beteuern muss, klingt eher nach einem Lippenbekenntnis.

Jetzt geht’s ums Geld

Interessanterweise hat sich im gleichen Atemzug auch der Preis für eine Kreditausfallversicherung auf die Bundesrepublik in den letzten Tagen fast verdoppelt (derzeit 17 Basispunkte). Am Markt wird also bereits das Szenario einer möglichen Rettung der Deutschen Bank durch den deutschen Staat gespielt.

Auch der wieder erstarkte Goldpreis deutet auf eine sich anbahnende Krise im europäischen Finanzsystem hin. Hatte sich in den letzten Jahren die Baisse des gelben Metalls vollkommen unbeeindruckt von jeder politischen und geostrategischen Krise fortgesetzt, scheint es nun genau um das zu gehen, was Gold in den Augen der Anleger zur interessanten Alternative werden lässt: Die Banken und damit das gesamte Finanzsystem.

Parallel dazu scheinen immer mehr Anleger auch den Glauben an groß angelegte Bankenrettungen verloren zu haben. Spätestens mit dem „Bail-In“ in Zypern wurde hier quasi eine Blaupause für ähnliche Fälle geschaffen. Damals mussten nicht nur Anleiheinhaber schmerzhafte Verluste verbuchen, sondern auch Inhaber von Bankguthaben wurden zur Kasse gebeten.

Zeitgleich mit der Deutschen Bank hat folgerichtig auch eine Reihe anderer europäischer Banken Schlagseite bekommen, darunter mit der UniCredit die Mutter der ehemaligen HypoVereinsbank. Das Epizentrum eines neuerlichen Bankencrashs dürfte daher in Europa, tendenziell sogar in Deutschland verortet werden.

Da bislang jedoch noch gar nicht ersichtlich ist, was der Auslöser dieser neuerlichen Finanzkrise sein könnte, steht diese vermutlich erst am Anfang. Bildlich gesprochen könnte man sagen: Die Lunte brennt bereits, es ist nur noch nicht klar, wo sie hinführt. In unseren Augen denkbare Krisenherde wären nach wie vor der europäische Markt für Staatsanleihen, eine Eskalation der Flüchtlingskrise (neue anrückende Flüchtlingswellen) oder eine Kombination aus beidem. Spätestens eine immer wahrscheinlicher werdende Grenzschließung könnte nämlich an den Märkten Panik vor einer bevorstehenden Zerreißprobe der EU auslösen – und damit auch an den europäischen Rentenmärkten.

Anleger sollten konsequenterweise versuchen, Bankaktien zu meiden und Bankguthaben so weit wie möglich zu diversifizieren. Interessanterweise sind gerade regional aktive Banken und solche ohne großes Investmentbanking vom jüngsten Anstieg der Risikoprämien bislang kaum betroffen.

Zu den Märkten

 Wenig Erfreuliches gibt es derzeit per Saldo vom DAX zu berichten. Nach dem Bruch der dreifach getesteten Unterstützung im Bereich von knapp über 9.300 Punkten (rote Linie und blaue Markierungen) ging es zunächst beschleunigt nach unten.

2016_02_10-DAX

Charttechnisch wurde damit aus dieser Unterstützung ein Widerstand. Die ohnehin vage Hoffnung, dass es sich bei dem Ausbruch um ein Fehlsignal gehandelt haben könnte, schwindet mit jedem Tag, an dem die Marke nicht zurückerobert werden kann. Die Standarderwartung nach einem solchen Durchbruch besteht in einer erneuten Annäherung an das Ausbruchsniveau im Rahmen einer Aufwärtskorrektur.

Hätte der Markt nicht einmal dazu die nötige Kraft, dann wäre dies – wie schon der äußerst schwache Jahresauftakt – ein weiteres Menetekel für die künftige Kursentwicklung.

Mit dem gestrigen Tag scheint nun eine Bärenmarkt-Rally gestartet zu haben, die als Initialzündung für den beschriebenen Test des Widerstands bei 9.300 verstanden werden kann. Entscheidend wird das Kursverhalten um diese Marke herum sein – wobei es nicht um ein paar Punkte hin oder her geht. Nach der Theorie sollte dem DAX in diesem Bereich die Luft ausgehen. Der starke Handelstag darf also derzeit nicht als Trendwende missinterpretiert werden.

Vielmehr handelt es sich um eine typische Bärenmarkt-Rally, deren Heftigkeit vor allem technisch bedingt ist: Viele Short-Spekulanten wollen gleichzeitig durch dieselbe Tür, um ihre Positionen zu schließen. Ist dies geschehen, löst sich der Nachfrageschub auch schnell wieder in „Wohlgefallen“ auf. Solange der Kursverlauf aus einer Abfolge tieferer Hochs und tieferer Tiefs besteht, braucht man über einen neuen Aufwärtstrend jedenfalls noch nicht nachzudenken.

Gold versus S&P500

Eine auffällige Bewegung vollführte in der zurückliegenden Woche der Goldpreis. Während die Edelmetalle im Allgemeinen und Gold im Speziellen durch die seit Jahren anhaltenden Krisen (s.o.) nicht zu beeindrucken waren, entwickeln sie nun Stärke – absolut und relativ.

2016_02_10-Gold

Wir dürfen an dieser Stelle auf unseren Chart der Woche vom 28.1. verweisen. Die dort angedeutete „Relative Bodenbildung“ von Gold zum US-Aktienindex S&P 500 konnte inzwischen kraftvoll nach oben abgeschlossen werden (vgl. gelbe Markierung). Auch hier haben wir also das Ausbruchsthema, im Gegensatz zum DAX jedoch nach oben.

Es ist relativ müßig darüber zu spekulieren, was die Marktteilnehmer dazu veranlasst hat, Gold nun zu höheren Preisen gegen USD und EUR einzutauschen – Fakt ist: Sie tun es. Allerdings wird auch diese Bewegung keine Einbahnstraße sein. Der Test des Ausbruchsniveaus (rote Linie) gehört hier ebenfalls zur Standarderwartung.

Fazit

Die Krise ist nicht länger nur ein Thema ferner Länder, sondern trifft Europa mit voller Wucht. Im Zentrum stehen Deutschland und das größte Bankhaus des Landes. Kein Wunder, dass nun vermehrt in Edelmetallen nach einer Alternative gesucht wird.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

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