Aktiver Widerstand

23. November 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Passives Investieren ist das Recht, weniger dafür zu bezahlen, beim Geldverlieren zuzuschauen. Diese Definition stört womöglich viele Daueranleger und Riesterfreunde wird seine Richtigkeit aber in den kommenden Jahren unter Beweis stellen…

Bisher war das Geldanlegen für Menschen in einigen Ländern eine einfache Sache. Man legt jeden Monat etwas zurück und erhält nach dreißig Jahren den eingezahlten Betrag samt einer netten Rendite obendrauf zurück. Woher dieser Ertrag stammt,  sei es aus Aktienerträgen oder Zinskupons, ist schlussendlich unerheblich.

In den letzten dreißig Jahren hat dieser Ansatz zumindest in einigen Ländern funktioniert. Es handelt sich jedoch weder um ein generelles, mathematisch zwingendes Prinzip. Vielmehr handelt es sich eine im Vergleich mit vielen anderen Regionen eher ungewöhnlich lang anhaltende Entwicklung, für die es keine garantierte Fortsetzung gibt. Die Werbung für die finanziellen Massenprodukte der Fondsgesellschaften wird trotzdem an der üblichen Rhetorik festhalten. Sie haben nichts anderes im Angebot. Der Käseladen wird keine Wurstwerbung schalten.

Bemerkenswert ist gerade hinsichtlich der ständig zu hörenden Jammerei, hierzulande gäbe einen „Mangel an Aktienkultur“, ist der enorme Beitrag, den die Anleihen zum Gesamtertrag eines gemischten Portfolios beisteuerten. Unter Aktienkultur muss man vermutlich die übliche Portion „buy and hold“-Idee verstehen. Nicht nachdenken. Einfach über bestimmte Dinge nicht nachdenken, dann wird es schon klappen.

Wie war das noch mit den Rückschlägen in den vergangenen Jahren? Defätistisches Gewäsch!

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Nun waren die Erholungen nach diesen beiden Rückgängen bekanntermaßen auskömmlich. Das war jedoch nicht überall so. Die Menge der Aktienmärkte, die sich noch an das Muster halten, einen starken Rückschlag schnell und vollständig wieder aufzuholen, ist in den letzten Jahren leerer geworden.

Der EuroStoxx liegt inklusive aller Dividenden rund 5% höher als auf dem Hochpunkt vor 16 Jahren. Der griechische ASE hat rund 85% abgegeben, der italienische Mibtel hat mehr als 40%, der spanische Ibex mehr als 30% verloren. Aber was sind schon 30 Jahre und was sind das für kleine unbedeutende Staaten. 

Unabhängig von der Entwicklung der letzten Jahre haben auch die kommenden Jahre ihre eigenen Chancen und Probleme. Da derzeit fast alle Assetklassen nicht eben günstig bewertet sind, darf man eine Korrektur dieser Levels erwarten. Am offensichtlichsten ist das am Anleihemarkt. Das liegt zum großen Teil daran, dass für Anleihen auf Grund der bekannten Kupons und Laufzeiten die Rendite bis zur Fälligkeit kalkulierbar ist. Nur weil bei einer Aktie mit de facto unendlicher Laufzeit (bis zur Insolvenz, Übernahme, Delisting, etc.) die Rendite nicht explizit ausgewiesen kann, hat man es nicht zwingend mit einer positiven Rendite zu tun.

Bei Immobilien ist es ähnlich. So langsam ist auch der letzte auf den seit Jahren fahrenden Zug steigender Immobilienpreise aufgesprungen. Die Zinsen seien niedrig und wenn die Preise mal fallen sollten, dann sei das nicht schlimm, denn man wohne ja schließlich im Haus und habe etwas davon. Wie entspannt dies jemand noch sieht, wenn die Bewertung seines im Rhein-Main Gebiet erworbenes Reihenmittelhaus von 700.000 Euro auf 400.000 Euro fällt, bleibt abzuwarten. Natürlich kann das nicht passieren, werden viele einwenden, denn Immobilienmärkte können nicht fallen, weil zu hohe Nachfrage auf ein zu niedriges Angebot treffe. Erinnert Sie dieses Argument nicht auch an Spanien, Irland oder die USA?

Sollte der mehr als dreißig Jahre anhaltende Abwärtstrend der Zinsen sein Ende gefunden haben, und danach sieht es aus, bricht sowohl für passive als auch für aktive long-only Anleger eine harte Zeit an. Die einzige Begründung, die vielen noch einfällt, waum die Zinsen nicht steigen dürfen, ist bekanntlich „dann können viele ja ihre Schulden nicht zurückzahlen“. Ja, das stimmt. Das spricht aber nicht gegen steigende Zinsen sondern ist lediglich eine Beschreibung der Auswirkungen. Selbst wenn es jemanden nicht gefällt kann er in der Berliner S-Bahn verprügelt werden.

Wenn unabhängig vom eigenen Verhalten nur schöne Sachen geschehen würden, dann hätte nie jemand ein Loch im Zahn. Leider ist diese Denkweise dennoch sehr verbreitet. Aus diesem Blickwinkel betrachtet sind EZB-Anleihenkäufe und die aggressive ebenso hirn- wie bedingungslose Ausschüttung von Geldern für alles was sich nett anhört lediglich zwei verschiedene Erscheinungsformen des gleichen Wahnsinns. Auch das Ergebnis ist das gleiche. Man hat auf Dauer eine größere Misere geschaffen als man sie vorgefunden hat, hat dabei aber ein unglaublich gutes Gefühl.

Besonders putzig ist die immer wieder hervorgebrachte Hoffnung, fallende Anleihekurse wären gut für Aktien. Nun sind steigende Zinsen sicherlich weder ökonomisch noch aus Bewertungssicht per se gleich gut oder gleich schlecht für alle Firmen. Mancher Großaugure muss sich jedoch entscheiden, welches Pferd er denn gerne reiten möchte. Eben noch konnten Aktien nur steigen, weil die Zinsen so niedrig waren, morgen können sie nur zulegen, weil die Zinsen steigen. Eine bemerkenswerte Inkonsistenz, die vielen offenbar nicht einmal mehr auffällt. Aber wer will schon wirklich wissen, ob ein Monster unterm Bett ist. Einfach passiv liegenbleiben. Solange es unten bleibt, man es nicht sieht und hört ist es fast so wie mit dem Licht im Kühlschrank. Ist es wirklich aus, wenn die Tür zu ist?

 

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Ein Kommentar auf "Aktiver Widerstand"

  1. RealTerm sagt:

    Platzt nun die Bond-Bubble?

    Es wird nun wirklich in der Tat sehr, sehr spannend.

    Jenseits des Atlantiks jagen die Aktien nach der Trump-Wahl von einem Allzeithoch zum nächsten, die Zinsen hingegen legen eine veritable Kehrtwende nach oben hin, die von der FED im Dezember „unterstützt“ werden soll. Der Dollar steigt und Gold fällt. Da passt auf Dauer einiges nicht zusammen. Es „riecht“ nach einem once-in-a-lifetime-Crash bei Aktien, Bonds und Immobilien gleichzeitig. Dieser deflationäre Crash sollte dann der Beginn eines QE-for-ever sein. Geld wird vom Himmel fallen, wie Regen an einem Herbsttag.

    Und in Europa räumen die Italiener ihre Konten und kaufen Gold in der Schweiz, aus Angst, Renzi könnte die Abstimmung über die Verfassungsreform am 04. Dezember verlieren und damit das Ende der EU und des Euro eingeläutet werden und auch hier scheinen die totgeglaubten Zinsen und mit ihnen die Euro-Krise eine Wiederauferstehung zu erfahren.

    Aber solange sich mit Spekulation Papiergeld vermehrt werden kann, gibt es genügend Hasardeure, die auf dem Vulkan tanzen. Die Hasardeure werden rechtbehalten. Zwar werden Sie am Ende falsch liegen, aber für den angerichteten Scherbenhaufen bezahlen werden sie nicht, das muss die breite Masse übernehmen… Wir haben es zu oft bereits erlebt, als dass es anders ausgehen könnte.
    Schade!

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