Aktien, Kultur und Blasologie

6. August 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

An den Börsen ist das Wort Blase derzeit beliebter als beim Urologen. Besonders die Freunde der Aktie haben bei den Anleihen eine solche gefunden und beklagen gleichzeitig die fehlende „Aktienkultur“…

Da jedes Wertpapier zu jeder Zeit von jemandem gehalten wird, muss niemand ein Waisenhaus für Aktien eröffnen. Für manches Papier jedoch könnte ein Bestattungsinstitut interessant werden...

Die teilweise seltsamen Einschätzungen zur Funktionsweise von Finanzmärkten zeigen sich in der weiten Verbreitung falscher Konzepte wie etwa der „Rotation“ aus Anleihen in Aktien oder dem Cash, das an „der Seitenlinie“ nur darauf lauert, „in den Markt zu strömen“.

Die schlichte Betrachtung eines Aktienkaufs respektive Verkaufs, die nur einen Tausch von Geld gegen Wertpapiere darstellt, womit das Geld von der einen Seitenlinie zur anderen wandert, überfordert anscheinend auch so genannte Wirtschaftsredaktionen.

Schaut man auf die Untermenge der globalen Asset Allokation, die durch Fonds repräsentiert werden, zeigt sich folgendes Bild.

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Der eine oder andere Investor mag in den letzten Quartalen weniger Aktien gekauft haben, in Auflösung befindet sich das Interesse an der Anlageklasse bisher jedoch keinesfalls. Vom „equities are dead“-Punkt, sprich der finanziellen Nahtoderfahrung und Kapitulation, die für eine umfängliche Bereinigung wohl nötig gewesen wäre, war man bemerkenswerterweise auch 2008/2009 offenbar noch ein Stück entfernt.

Angesichts der durch die Politik künstlichen geschaffenen Abhängigkeiten von den Kapitalmärkten (z.B. Riester und sonstige so genannte Vorsorgeprodukte) möchten sich vermutlich alle Politiker diese Erfahrungen während ihrer Amtszeit gerne ersparen. Wie das Beispiel der Kapitallebensversicherungen zeigt, hat aber alles seine Zeit. Das gilt für Assetklassen wie für Anlageprodukte, die wie auch immer auf einer Mischung verschiedener Anlagen basieren.

Zur Unterstützung der These, eine bestimmte Assetklasse (meist Aktien) sei generell besser und obwohl sie nicht mehr billig ist, sei sie doch nicht zu teuer, werden eine Menge vermeintlich historischer Fakten präsentiert. Diese sind oft gar nicht oder schlecht recherchiert. Besonders beliebt sind Datenreihen, die in den 1990er Jahren beginnen, aus denen aber sogleich Schlüsse für das kommende Jahrhundert gezogen werden. Da würde der Statistiker gerne lachen, wenn er nur könnte.

Ein Beispiel ist die gewagte These, Aktien seien deshalb billig, weil die Dividendenrendite höher sei als die Rendite der Staatspapiere.

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Der Artikel in der Welt zeigte ein Bild von der RWE Hauptversammlung, das mit folgenden Satz Untertitel war:

RWE-Hauptversammlung. Aktionäre haben bei RWE gut lachen. Sie konnten dieses Jahr mehr als sieben Prozent Dividende mitnehmen.

Hoffentlich haben die Damen und Herren damals noch auf Vorrat gelacht, die Aktie hat sich seither halbiert. Auch die statische Betrachtung der Dividende beim Vergleich mit Anleihen lässt einem die Haare zu Berge stehen. So wird ein Portfolioverwalter (hundert Punkte für diesen Jobtitel!) zitiert.

(Die Welt) „Wenn es jetzt zu einem Anziehen der Marktzinsen kommt, müssen Anleger aus den Anleihen raus“, sagt Hellmuth. Die Dividendenrendite könne nicht dauerhaft höher sein als die Anleihenrendite des Unternehmens.

Warum Anleger bei „steigenden Marktzinsen“ aus Anleihen rausmüssen wird wie gewohnt nicht überliefert. Eine übrigens weit verbreitete These, die sie nicht korrekter macht. Immerhin hat die Dividende des Versorgers dem Portfolioverwalter einen Gefallen getan, sie ist gesunken. Über die Jahre schrumpfte sie von 4,50 Euro pro Aktie auf nunmehr einen Euro. Ob er dies damals allerdings so meinte, als er vom Unterschied der Anleiherenditen und Dividendenrenditen meinte ist zweifelhaft.


Das Gegenüberstellen der Renditen ist ein bemerkenswerter Vergleich zweier ziemlich ungleicher Anlageklassen, aber seisdrum, vergleichen darf man alles. Eines sollte man jedoch tun. Man sollte in der Historie so weit zurückgehen, wie man kann. Das wird gerne vergessen. Die folgende Grafik zeigt den Verlauf der Renditen 10-jähriger US-Treasuries und die Dividendenrendite des S&P 500.

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Man sieht zwei grundsätzlich unterschiedliche Perioden. Auf Basis dieser lässt sich nicht mal eben so aus der Hüfte heraus eine besondere Attraktivität der Aktien.

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Bis zum Beginn der 80er Jahre lag die Dividendenrendite im Mittel pro Dekade um einen Prozentpunkt über der Rendite der Staatspapiere. Seither kehrte sich das Bild auf drastische Weise um… (Seite 2)

 

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5 Kommentare auf "Aktien, Kultur und Blasologie"

  1. Michael sagt:

    Das sind Ämter.

  2. Michael sagt:

    Finanzindustrie stellt sich heut aus meiner Sicht dar, wie ein Rosenkäfer der ein Mistkugel vor sich herrollt begleitet von Pfauen eingehüllt in den Gesang der Sirenen. Gemessen an dem worum es wirklich geht … eine Phantasiewelt. Ein durchaus unterhaltsame für den Zuseher. Der Überbau über dem Kerngeschäft ist an sich das Maß der Dekadenz. Wie bei SAP Projekten. 3 Projektleiter (kundenseitig, lieferantenseitig, SAPseitig) und 2 Leut die arbeiten;)

    Das mit die Besprechung ist eher einfach. Ca. die Hälfte der Menschen denkt nicht viel bevor sie sprechen reden aber viel. Ich gehöre auch dazu. Ist da bestimmt noch nicht aufgefallen 🙂

    Sollte sich mal wirklich mal Wirtschaft auch wieder zurückbesinnen auf so absurde Themen wie Arbeit, na dann. Für die Finanzleute – Wenn der Investor ein heiße rothaarige von der Arbeit auf der Farm ausgezehrte Texanerbraut, die hat gegerbt von der gleißenden Sonne, den Schlangenlederkoffer auf den Tisch knallt, ‚Gutes Geld gibt es wenn ein gutes Bratl am Tisch kommt‘. Dann wird so mancher der heut sich so herumtreibt im Management und den abstrusen Phantasiejobs dastehen wie …

    https://www.youtube.com/watch?v=4JGpU4udTeY

    Die Welt der Finanzinvestments war schon mal spannender … und hatte vom Braten am Tisch als den wohligen Duft aus der Küche, der den Mund wässrig macht und den Magen knurren lässt… Man darf halt nicht das Knurren im Magen mit dem Brummen des Bären verwechseln.

  3. bluestar sagt:

    Hallo Michael,

    heute sage ich einfach mal vielen Dank für Ihre allzeit interessanten, oft mit einer dezenten Satire gewürzten Beiträge !!!
    Und was mir besonders gefällt: Ihre Links zu Musiktiteln !!! Immer schön rockig und absolut passend zum Thema – einfach Klasse.

    Viele Grüße aus Sachsen

    • Michael sagt:

      Gerne geschehen. Danke. Ich will allein niemanden verschrecken. Eines sei unbenommen, Bankhaus Rott liefert Information die in Gold nicht aufzuwiegen wären. Dem Herr Polleit seine Beiträge wohl, denn der achtet auch darauf.

      Solche Blogs müssen leben.

      Wenn man heut schaut was dem Kunden wie verkauft wird in der Breite (die Leichtigkeit des Seins zugunsten der Spesen den Banken und ‚Vermögensberater‘) und dem gegenüber stellt das Wirken der Teilnehmer im Hintergrund im Wertpapiermarkt so klafft doch ein entwürdigendes Gap. Wenn der Anleger einen Account hätte beim CSD, da wäre die Sicht schon ein wenig eine andere von einer physischen Auslieferung ganz zu schweigen. Allein Rechtedefinition und die Aggregation vor der Begebung. Die Buchung der Wertpapiere im Hintergrund. Was sieht der Kunde – den Handel. Das ist erstaunlich was dort läuft und dass es läuft. Die Essenz liegt nicht nur dort. Die Welt wäre spannender, wenn noch die Idee des Ingeneurs im börsenotierten Unternehmen direkt wirkte auf das zu erzielende Ergebnis beim Halten der Aktie. Aktien als Konsumgut … Naja, Wertpapiere wachsen nicht auf den Bäumen und die Renditen auch nicht.

  4. Skyjumper sagt:

    Aktien? Kenn ich, hatte ich auch lange Zeit
    Kultur? Ein höchst wandelbares Gut und schon immer fernab von jeder logischen Diskussion
    Blasologie? Hmmm? Ist dass vielleicht die Kunde davon, wie in der EU ab 01.09. das horizontale Gewerbe im BIP einbezogen wird?

    Aber gut, Spass beiseite. Technisch ist es sicherlich alles richtig was das Bankhaus Rott schreibt. Allerdings sind Anleihemärkte, Aktienmärkte und letztlich auch die Cashhalter in einem Umfeld unterwegs in dem eben nicht ausschließlich nach technischen, fundamentalen und logischen Gesichtspunkten agiert wird. Tatsächlich spielen Emotionen und Psychologie ebenso eine Rolle.
    Und derzeit beherrschen nach meinem Eindruck die beiden letztgenannten das Marktgeschehen. Und da nichts so wankelmütig ist wie Emotionen und Psychologie ist es schwer vorhersehbar was als nächstes passiert. Ein hohes Risiko bei wenig Gewinnaussichten. Die richtige Zeit um an der Seitenlinie zu bleiben und dem Treiben als amüsierter Zuschauer beizuwohnen ………….. wenn man es sich leisten kann. Die Profis, die sich von Berufs wegen auf diesen Märkten tummeln können es sich meistens nicht leisten.

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