Air-löst.

24. September 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Es ist seltsam, wenn ein guter Freund geht. Doch so gute Freunde waren wir gar nicht – ich und Air Berlin. Zumindest haben wir gebührend Abschied gefeiert mit einem letzten Flug und einem letzten Gruß…

Als ich den Flug im Mai buchte, war irgendwie schon klar, dass die Airline finanziell in Turbulenzen war. Doch so kurz vor der Wahl lassen die doch nicht die zweitgrößte Fluggesellschaft dieses Landes abstürzen und die deutschen Wähler auf ihren Urlaubsinseln stranden. Einige Wochen später hieß es auf der Hauptversammlung in London, Etihad werde bis Oktober 2018 Geld geben – oder verbraten. Dass dann ein paar Tage später der Insolvenzantrag kam und manches Laufband im Fernsehen auf air-berlin-rot umschaltete, stellte den Sozialismus in unserem Land auf eine harte Probe. Doch auf unsere Mutti war Verlass. Schließlich stand eine Bundestagswahl an, weshalb wohl 150 Millionen Euro an Krediten locker gemacht wurden. Mein Flug war gesichert. Planwirtschaft ist schon was Schönes! Sonst wäre das Ticket wertlos verfallen und die CDU bei der Bundestagswahl wohl unter 30 Prozent angestürzt.

 

Die gute Air Berlin. Die war irgendwie anders. Nicht gelb, sondern rot. Das Bordpersonal hatte laut einem Werbefilm immer Flugzeuge im Bauch und Kerosin im Blut, das Management dagegen mehr Flausen im Kopf und immer weniger Geld. Selbst der ehemalige Bahnchef Hartmut Mehrdorn brachte den Flieger nicht zurück auf die Schiene. Wenn man mehr ausgibt als man einnimmt, kommt irgendwann der letzte Tag. Wäre Air Berlin eine Bank gewesen, wäre es gar nicht so weit gekommen.

Mein letzter Flug war mehr als verdächtig – verdächtig pünktlich und skurril. Gebucht war der Flug über Niki, der Flieger war jedoch mit Air Berlin beschriftet und es kam noch besser. Es nahm mich das Personal von TuiFly in Empfang. Man fand das alles einigermaßen amüsant.

Verdächtig war ebenso, dass der Flieger am äußersten Rand des großen Frankfurter Flughafens geparkt war. Man hatte den Eindruck, man wollte den Flieger vor den Gläubigern verstecken. Wir fuhren so lange mit dem Flugzeug auf dem Flughafen herum, dass man mich auch von zu Hause hätte abholen können.

Sonst war alles wie immer – bis auf eine merkwürdige Sache: Das monatliche Heft der großen Erfolge von Air Berlin (Bord-Magazin) fehlte. Zumindest hatte man an die Tüte zur Entsorgung von überschüssigem Mageninhalt gedacht. Und oh Wunder! Diese war sogar unbenutzt!

Die Leute von TuiFly sagten, dass man in Frankfurt gar nichts „aufgeladen“ hätte. Die Pappbrötchen, für die ich Air Berlin so verachtete, blieben unverdaut am Boden. Früher wurden diese Plastikdummies (Hääääm oder Tschieeees???) kundennah aus dem Brotkorb geworfen, Pardon, gereicht. Alles andere auch. Und auch sonst war das früher reichhaltige Angebot an überteuerten Speisen und Getränken sehr ausgedünnt. Offenbar werden gerade die noch die übrig gebliebenen Champagnerfläschchen verkauft und auch Henkel Trocken – so trocken wie der Humor, den die Mitarbeiter von Air Berlin gerade brauchen.

Auch die berühmt – berüchtigte Sansibar hatte geschlossen. Süßigkeiten gab es auch keine mehr. Saure Zeiten für Air Berlin. Sonst fiel auf, dass es keine aufblasbaren Flugzeuge und anderes Spielzeug für Kinder mehr gab – und auch keine anderen hässlichen Souvenirs der Airline im Angebot waren. Die findet man jetzt notfalls bei Ebay. Die letzten Tage einer Airline sind bitter – wie auch, das sonst übliche Schokoladenherzchen am Ausgang nicht mehr gereicht wurde. Es wäre ja auch zu zynisch.

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