Alarmsignale- Oder: Gar nicht dumm: Große Adressen verlassen sinkendes Schiff

19. Mai 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Wissen Sie, warum ich nicht längst irgendwo einen riesigen Fonds manage, nach all den Jahren als Börsianer? Sicher, unter anderem auch, weil ich in der Finanzindustrie nicht besonders gut gelitten bin, nach all dem, was ich seit vielen Jahren auch über diese Klientel schrieb…

Ebenso wohl deswegen, weil es mir nicht liegt, vom Weg des Anstands abzuweichen. Da wird es dann schwer, ausgerechnet an in dieser Branche weit nach oben zu steigen. Aber ich glaube, ein ebenso entscheidender Grund ist, dass ich manchmal mit der Leiter quer durch die Tür will und nicht auf die entscheidende Idee komme. Bisschen langsam in der Birne, sozusagen.

Die meisten werden sich erinnern, dass ich über Jahre hinweg auf die Sackgasse hinwies, in die sich die großen Adressen in Bezug auf den Aktienmarkt hinein manövriert haben. In Telegrammstil:

Man hatte sich locken lassen, mit dem nahezu zinslos vergebenen, nicht zweckgebundenen Geld, das die Notenbanken vordergründig zur Ankurbelung der Kreditvergabe als Unterstützung des Wachstums an die Finanzindustrie verteilten, massiv am Aktienmarkt zu zocken. Immer mehr, immer spekulativer … das Geld war ja quasi umsonst. Den Notenbanken war es nur Recht, denn denen war ein stabiler Aktienmarkt mindestens genauso wichtig wie Wachstum. Und während man Letzteres so auch nicht erreichte – was man sich denken konnte – sah es angesichts fünf Jahre lang steigender Kurse für wie wachsende Zahl unbedarfter und desinteressierter Biedermeier wenigstens so aus, als wäre alles im Griff.

Das Problem war: Was, wenn entweder der Nachschub an Gratisgeld versiegt oder die Aktienmärkte einfach aufgrund aus den Nähten platzender Depots bei zugleich schwindendem Wachstum einen natürlichen Hochpunkt in der Flugbahn erreichen? Normalerweise sieht man dann zu – wie 2000 oder 2007 – dass man die hohen Bestände im Zuge einer Distributionsphase an die durch die Hausse blind euphorisierten Privatanleger verkloppt. Aber dort wird das Interesse immer geringer. Die Zahl der Privatanleger nimmt immer mehr ab, deren Risikobereitschaft dito, die fatalen Lehren der Jahre 2000-2003 und 2008/2009 sind noch nicht lange genug her … und sich intensiv mit einer Thematik zu befassen, wie es für die Börse vonnöten ist, ist sowieso zusehends out.

Kurz: Man hatte unglaubliche Massen an Aktien und Derivaten aufgehäuft, damit auch grandios verdient, konnte aber aus den Buchgewinnen keine echten Gewinne machen, weil einem niemand all das Zeug abnehmen wollte. Eine Sackgasse, bei der der Zeitpunkt, an dem man mit voller Wucht gegen die Wand fährt, angesichts der an dieser Stelle zuletzt öfter beschriebenen, kritischen Entwicklung der Weltwirtschaft immer näher kommt. Ich sah keine Lösung. Die Entscheider der großen Adressen indes fanden eine: Anleihen!

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Darauf muss man halt erst einmal kommen. Immerhin liegen die Renditen für zehnjährige Laufzeiten bei US-Regierungsanleihen gerade mal knapp über 2,5 Prozent, bei Bundesanleihen hatten sie am Donnerstag die Marke von 1,3 Prozent gestreift. Wer will den sowas? Da hat’s doch vor ein paar Jahren noch für Festgeld mehr gegeben! Aber: In der Lage, in der sich diese großen Adressen befinden, ist es ein Ausweg. Überlegen wir doch mal..

Sicherlich klingt – und ist – diese Rendite klein. Aber sie ist wenigstens sicher. Weder die Bundesrepublik noch die USA werden pleitegehen. Zwar besteht grundsätzlich auch bei Anleihen ein Kursrisiko. Falls die Zinsen wieder steigen, können die Notierungen von Anleihen, die auf diesem luftigen Niveau erworben wurden, durchaus vergleichbare Verluste einfahren wie ein einbrechender Aktienmarkt. Aber das gilt ja nur, wenn man sie vor Ende der Laufzeit verkaufen will oder muss. Dafür sind diese Käufe, vermute ich, aber nicht gedacht. Es geht darum, die Gewinne – nicht die von den Notenbanken geliehenen Summen, die sind sicherlich soweit abgesichert – die sich nach fünf Jahren Hausse aufgetürmt haben, zugleich aber in den Aktienbeständen „gefangen“ sind, zu zementieren, mehr nicht. Dazu verkauft man Teile der Aktien und „parkt“ den Erlös in Anleihen, als wäre es Festgeld. Immer noch besser als das Geld bei den Notenbanken zu lagern, die – angeblich mit dem Ziel, die Kreditvergabe weiter zu fördern – dafür nichts mehr an Zins bezahlen.

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Zuerst hatte man offenbar noch den Schwerpunkt auf eine Umschichtung innerhalb des Aktienmarkts heraus aus volatilen, aggressiven Bereichen und hinein in defensive Branchen gelegt. Der vorstehende Chart zeigt den Verlauf des von volatilen Nebenwerten dominierten Russell 2000 im Vergleich zum Flaggschiff Dow Jones seit Jahresbeginn. Seit März fällt auf, dass die zuvor deutlich stärkere Performance der Nebenwerte auf einmal umgeschlagen ist. Während der Russell in kräftigen Schüben nachgibt, erreichte der Dow in der Vorwoche kurzzeitig neue Allzeithochs. Aber das scheint eben nicht zu reichen… (Seite 2)

 

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Ein Kommentar auf "Alarmsignale- Oder: Gar nicht dumm: Große Adressen verlassen sinkendes Schiff"

  1. Michael sagt:

    Metall läuft vor. Scheint sich auch diesmal zu bestätigen.

    Schauen sie sich den 10jährigen KDAX an. Nicht ob der Höhe, sondern ob der Formation. Der rutscht schon … ein Weilchen. Im DAX ist das gar nicht so reflektiert – den hält noch die glorreiche Vergangenheit in auf luftiger Höhe und sonst gar nix, außer Rettungsversuche möglw… Wenn das Pulver verschossen ist, dann wird die Stellung wieder überlaufen und Hurra. Egal auf welcher Höhe in der Zukunft, das Vergnügen kann wohl von kurzer Dauer sein – wenn überhaupt noch soviel Power im Markt ist.

    Während die großen Indizes in der Höhe gehalten werden, wird im Hintergrund schon abverkauft, wie jedes mal.

    NASDAQ, DOW … Es wirklich die Nebenwerte die höflich gesagt, nachdem sie an Fahrt verloren jetzt in Gegenrichtung rutschten und das schon ein Weilchen.

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