„Absolute Volltrottel“

10. Januar 2014 | Kategorie: Gäste

von Andreas Hoose

In jüngster Zeit bekommen wir vermehrt Zuschriften von Lesern, die sich darüber amüsieren, dass die Redaktion des Antizyklischen Börsenbriefs auffallend hartnäckig eine negative Meinung vertritt, während die Aktienkurse scheinbar unaufhörlich immer weiter ansteigen. Wir seien doch absolute Volltrottel, so ist es zwischen den Zeilen lesen…

Eine Email von dieser Woche war besonders erheiternd: Weil der Leser offenbar anonym bleiben wollte, hatte er sich aus unerfindlichen Gründen den Namen „Prozyklische Unterhose“ gegeben, was immer er damit auch transportieren wollte.

Vermutlich gänzlich unbeabsichtigt sagen uns diese Zuschriften, dass die Verfasser dieser Zeilen wichtige Wesenszüge der antizyklischen Vorgehensweise nicht verstanden haben. Wir wollen daher einmal einige wichtige Punkte klar stellen:

Zunächst geht es bei der antizyklischen Anlagestrategie ausdrücklich NICHT darum, sich gegen einen bestehenden Trend zu positionieren. Es ist außerordentlich wichtig, diesen Punkt zu verstehen. Dass es wenig Sinn macht, sich etwa einer wild gewordenen Bullenherde in den Weg zu stellen, liegt auf der Hand. Eine Kontra-Position einzunehmen ist deshalb auch nur dann sinnvoll, wenn die Stimmungslage erkennbar in obere oder untere Extrembereiche ausschlägt.

Dazu eine wichtige Beobachtung: Wie die Kollegen von Investors Intelligence herausgefunden haben, ist der Optimismus der Börsenratgeber zuletzt auf ein Sechsjahreshoch geklettert. Einen Anteil von mehr als 60 Prozent Bullen gab es zuletzt im Spätsommer 2007. Wirklich pessimistisch ist nur noch eine Handvoll an Kommentatoren. Die folgende Grafik zeigt den Verlauf des S&P 500 seit Anfang 2009 (oben) sowie die Stimmungslage der Börsenratgeber (unten).

Nun ist es leider so, dass ausufernder Optimismus, wie wir ihn derzeit erleben, an der Börse durchaus längere Zeit anhalten kann. Das kann nicht nur einige Wochen so gehen, sondern schon mal einige Monate. Das führt dann dazu, dass die hartnäckigsten unter den Pessimisten am Ende eines Trends wie absolute Volltrottel aussehen, weil fast niemand mehr ihrer Meinung ist – siehe oben.

Auch das andere Extrem gibt es: Wenn die Kurse erst einmal fallen, dann sind nicht nur Börsenanfänger überrascht, wie weit eine ausgewachsene Panik die Kurse in den Keller treiben kann. Und wie lange so etwas dauert…

Reine Stimmungsindikatoren, wie die gerade gezeigte Grafik mit dem Anteil optimistischer und pessimistischer Börsenratgeber eignen sich für Vorhersagen daher nur sehr bedingt.

Deshalb kommt an dieser Stelle ein weiterer wichtiger Punkt ins Spiel: Wenn man Übertreibungen in die eine oder andere Richtung ausgemacht hat, dann lohnt es sich fast immer, so lange geduldig abzuwarten, bis sich der schon lange absehbare Stimmungswechsel durchsetzt. Für ungeduldige Trader, die im Minutentakt handeln wollen, ist diese Methode natürlich denkbar ungeeignet, aber es soll ja auch Menschen geben, die es nicht eilig haben.

Eines zeigt sich immer wieder: Geduld, man könnte auch sagen Hartnäckigkeit, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um an der Börse langfristig die wirklich wichtigen Trends zu erwischen. Dazu ein aktuelles Beispiel aus der Praxis… (Seite 2)

 

Seiten: 1 2

2 Kommentare auf "„Absolute Volltrottel“"

  1. samy sagt:

    Mich würde jetzt einmal interessieren, wie sich das Verhältnis Bullen zu Bären während der Argentinien-Krise oder Tequilla-Krise verhielt, also in Extremfällen. Der „Merval“ (Argentinien) versechsfachte sich innerhalb weniger als drei Jahren.

    Da hätte der z.B. der S&P 500 noch Luft nach oben. Der Tiefstand lag ja März 2009 bei 666. Eine Versechsfachung wurde Werte um die 4000 erlauben.

    Will sagen, wenn der pessimistischste Pessimist auch mal optimistisch wird, dann wird der optimistischste Optimist auch mal pessimistisch. Gleicht sich das aus, geben Bulle und Bär sich die Klinke in die Hand, dehnen somit den zeitlichen Verlauf? Oder waren da kurzfristig weit mehr als 60% optimistisch?

    Ansonsten würde ich mir über rein hämische Kommentatoren keine Gedanken machen. Solange ein Marktanalyst seine Meinung lehrreich untermauert ist seine Meinung für mich wichtig. Auch wenn er im Unrecht ist. Entscheiden muss er jeder für sich selbst.

    Aber immer daran denken: „Der Markt kann länger im Unrecht sein, als du Geld hast“.

  2. Michael sagt:

    Wer’s glaubt.

    Ist der Jochen Stanzl im Urlaub oder Krankenstand steigt Gold, ist der Dirk Müller auf Urlaub fallt Frankfurt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Das ist die einzige Wahrheit die existiert. Muss man dann noch über den Wahrheitsbegriff diskutieren. Seit Heisenberg ist klar, Wahrheiten gibt es keine. Also bleibt der Glaube. Beim Dirk Müller kann man das schon glauben, der ist bestimmt mit der DAX Anzeigetafel verschränkt. D.h. selbst wenn der Dirk Müller im Jahre 9000 nach Christus als Sternenstaub durch die Galaxien wandert werden sich die Leut noch immer wundern, ‚Was hat die Expansion im Umfeld der G108036 mit dem Anstieg im DAX zu tun – Ah, der Müller ist grad vorbeigeflogen‘. Die Reinkarnation vom Ben B. wird sagen, ‚Ich wars nicht, war grad auf Tauchurlaub und im Billigangebot war der Gliese 581c … habe mich kaum erheben können aus dem Liegestuhl.‘ Das ist auch schon 10 Jahre her, denn schneller als Licht fliege ich auf meine alten Tag nicht mehr.

    Ich habe zwar selbst nicht die Erfahrung gemacht in Summe mit Aktien, aber ich habe zu viele erlebt die nach guten Gewinnen nochmal einstiegen und die hat das Schicksal ereilt. Das ist nicht gier. Das ist das sog. Markt Sentiment. Die Cocktail aus dem die Träume sind.

    Es fangt ja schon an, dass Aktien hingestellt werden als würde ihr Kurs/Preis ursächlich mit dem Unternehmenserfolg nach dem IPO in Verbindung stehen.

    In ‚Wahrheit‘ muss
    a) überflüssiges Zahlungsmittel da sein – ‚Stimulus‘
    b) dann lassen sich aus dem Unternehmensumfeld Argumente ableiten die jeden Kurs rechtfertigen
    c) Es muss eine Stimmung da sein in der Menschen glauben, dass sich der ‚Trend‘ (der ist zwar etwas ganz anderes – auf den wird nach der Korrektur wieder aufgesetzt und der liegt weit unter dem umgangssprachlich gebrauchten) fortsetzt. Die grafische Aufbereitung ist bekannt.
    d) Durch die Klassifikation als Wertpapier wir Aktienpreis = Wert suggeriert.

    Solange wir in der Welt der Trader sind die allein auf Preisdifferenzen spekulieren, auf prof. Anleger ist es egal. Die lassen sich hoffentlich nicht beeindrucken von Medien Blah blah.

    Wenn jetzt der Normalbürger der zumindest sein sauer verdientes Geld halbwegs sicher will parken von positiven Sentiments hört, dann kommt noch einer und erzählt von Bären und Bullen, dann läuft er schon dafür dass er zum Ochsen wird und zur leichten Beute für den Bären.

    e) Erst wenn b) in der Breite nicht mehr plausible erscheint, wird noch laut gerufen und mit dem Finger in Richtung Himmel gedeutet mit dem Ziel von den bereits heruntergelassenen Hosen abzulenken. Wer zu dem Zeitpunkt noch einsteigt, steht da mit gewaschenem Hals.

    Mir persönlich ist egal, wenn jemand der sich mit Aktien beschäftigt 90% verliert bei einem Crash – passiert heute kaum mehr.

    Klar können sich Aktienpreise verdoppeln. Zum dem Zeitpunkt ist aber die Kaufkraft des Sparguthabens locker auf 50% geschrumpft. Es können sich am Ende ein paar Wenige mehr kaufen. Super.

    Für Anlagen gilt, kaufen wenn die Leut auf der Straßen sind … für die Rechnung die anderer zuvor gezahlt hat ist man nicht verantwortlich, ganz anders schaut die Sache aus, wenn ich wissentlich Aktie die ich für zu hoch bewertet halte weitergebe. Es mag beim Einzelnen noch nicht unehrlich sein, aber bei einem Profi der einfach seine Anteile will irgendjemand in die Hand drückt bevor die Talfahrt beginnt, schaut die Sache anders aus. Zwischen Vorteil und Übervorteilung ist ein schmaler Grad.

    Antizyklisch ist schon ok. Vergessen sie nicht Festplatten. 10MB ist noch gar nicht so lange her. Es kommt eine neue Generation die damalige Verhältnisse nicht kennt.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.