Abseits von Scheinwelten

30. April 2009 | Kategorie: Kommentare

Immer noch auf Mallorca, weit ab der Finanzmärkte, schaut man nur selten nach, ob sich auf Wachstum gebogene flache Welt inmitten von Geschrei, Schwierigkeiten und rosa Prognosenebel noch dreht. In dieser Woche lebe ich in einer anderen. Dort dreht sich der Erdball alle 24 Stunden einmal um sich selbst. Und ansonsten habe ich nicht mal mitbekommen, dass das Funknetz der Telekom ausgefallen war. Die Nachrichten haben viel zu berichten. Was kümmert mich das gerade? Ist etwas passiert? Weit ab der Massen, die bislang noch immer nicht ihren Weg nach Mallorca gefunden haben, blinzelt man in den blauen Balearenhimmel, schaut den Vögeln zu, wundert sich über soviel Grün auf den Wiesen, rettet seine Schuhe vor Niki, einem großen, braunen und wilden Hund, bevor sich die Gedanken dann wieder im Nichts verlieren…

Zum Frühstück hat mich heute eine Ausgabe des „Spiegel“ vom 9.Juni 2008 in einem Zeitungsständer angeleuchtet. „Angriff auf den Wohlstand. Wie die Spekulanten das Leben immer teurer machen.“ Oh ja, das war Frühjahr 2008. Schnell mal reingeschaut, bevor der Hund auch hier wieder zuschlägt…

Öl schlittert heute bei 49 USD/Barrel herum. Im Juni standen 130 USD angeschlagen. Goldman sah schon die 200 USD-Marke. Öl galt als Schmierstoff der Wirtschaft und als Beweis dafür, wie gut sie läuft. Bis sie dann ausrutschte… Die Wirtschaft braucht jetzt viel weniger von diesem schwarzen Gold. Apropos: Gold stand im Juni 2008 bei 888 USD/Unze. Heute war es bei 909 USD gesehen. „Gold braucht kaum wirklich jemand“, hieß es im Spiegel. Experten wie Reza Montasser von der Alpenbank meinte am Mittwoch in der Telebörse, Gold müsste eigentlich bei 300-400 USD stehen. Doch man braucht es offenbar wirklich, als Versicherung gegen unfähige Regierungen und Notenbanken. Der eigentliche Schmierstoff dieser Welt ist aber die „Liquidität“, die Bits und Bytes der Finanzwirtschaft. Es klemmt. Binnen eines Jahres ist die Finanzwirtschaft völlig überraschend vom Laster gefallen. Die Reifen drücken gerade die Wirtschaft breit. Zu schnell gefahren auf holprigen Pisten…

Mais hatte sich 2008 innerhalb von drei Jahren verdreifacht, genauso wie Soja und Weizen, schreibt das Blatt. Proteste rund um den Erdball waren die Folge. Als die Zeitungen darüber berichteten, war der Gipfel der Preise auch der Gipfel der Spekulation. Mit Nahrungsmittelpreisen lässt sich Politik machen. Wenn man ein paar Milliarden Dollar auf den Reispreis loslässt, gibt es in Asien schnell Hunger, Probleme und Aufstände. Das wird den Politikern nicht entgangen sein. Vielleicht war es ein Test? Das Thema Geld für diese Spekulationen spielt dabei keine Rolle. Es wächst auf den Bäumen wie Datteln oder Bananen. Nur muss man diese Bäume auch wässern.

Und dann hat man Hedgefonds, Spekulanten und Großinvestoren als Schuldige ausgemacht, wie man jetzt Banker und Manager als die Verursacher der „Krise“ in die Schlagzeilen klebt. Noch vor kurzem hat man sie wegen ihres Jobs beneidet und wegen ihrer Renditen als Helden gefeiert. Ihr Leben ist jetzt lebensgefährlich geworden. Doch woher ihr Geld, ihr Handwerkszeug kam, diesem Thema widmet sich keiner.

Im März 2008 floss jeden Tag eine Milliarde Dollar in den Rohstoffmarkt. Ich selbst vermutete, dass es die Flucht in Sachwerte sein könnte, als Reaktion auf den Job der Zentralbanker. Ich lag falsch, bzw. war vielleicht zu früh. Ich weiß nicht, was die ganzen Leute heute tun, aber sie haben es momentan nicht einfach mit ihren Renditen und Träumen in Traumwelten. Traumhaft – das war vor einem Jahr. Manche hat inzwischen der Teufel geholt. Und die Welt dreht sich trotzdem weiter.

Vor einem Jahr stritten Brüssel und Berlin noch über die Krümmungwinkel einer perfekten Gurke. In einer Studie der Universität von Florida wird belegt, das brutale Ballerspiele den Alten helfen, geistig fit zu bleiben. Die Milchbauern würden sich über die damals verhandelten Preise zu früh freuen. Zudem erheiterte mich die neun Monate alte Nachricht, dass Nationalflaggen zur Fußball-WM das Klima belasten würden. Kurt Beck, so berichtete der „Spiegel“, wollte seine Genossen auf einer Spargelfahrt an Deck eines Ausflugdampfers mit Witzen aufheitern. Kurt Beck ist jetzt wieder „nah bei de Leut“.

Nach fast einem Jahr ließe sich leicht feststellen, dass nichts passiert ist. Wäre man im Urlaub geblieben, hätte man von allem nichts mitbekommen. Wir beschäftigen uns offenbar zu 95% mit Müll. Oder waren es 99%? „Das ist gar nicht so abwegig“, sagte mir ein Freund neulich beim Abendessen. Eigentlich würde es ausreichen, sich um die täglichen Dinge zu kümmern, seiner Arbeit nachgehen, freundlich, nett, anständig und aufmerksam zu sein. Doch wir sind auf der Jagd wie Urmenschen, nur sind es heute Informationen, Standortvorteile, Renditen und Schnäppchen, die wir jagen. Und manche wollen dazu auch noch schlauer werden. „Es würde ausreichen, die Buchklassiker zu lesen und den Rest einfach zu ignorieren“, sagte er. Seit der Zeit der Klassiker hat die Welt nicht viel gelernt. Man hat sie nur unterschiedlich interpretiert. Vielleicht sind wir technisch vorangekommen, aber menschlich benehmen wir uns wie die Leute in den Höhlen. Man kann dem Nachbarn heute nicht mehr so einfach eins über die Rübe ziehen wie damals, doch haben wir heute andere Methoden wie den Betrug gefunden, um Vorteile zu erjagen. Dass dabei Krawatten getragen werden, macht die Sache vielleicht hübscher, aber nicht wirklich besser.

Der „Focus“ vom 21.Juli 2008 empfiehlt unter „gepflegte Gewinne“. Beiersdorf um die 40 Euro. (heute 29,33 EUR) Der Ölpreis dürfte hoch bleiben und rät zu einem Commerzbank-Oil-Service Zertifikat bei 87 Euro (heute 47 EUR). Unicredit empfahl, die VW-Aktie bei 188 Euro zu verkaufen. Sie wäre 60% teurer als der Durchschnitt der Autobauer. Zwischendurch stieg sie auf 1000 Euro und war für kurze Zeit das teuerste Unternehmen der Welt.

Manche holen sich ihre täglichen Schläge selbst ab. Sie nennen es Ratschläge in Mangel an eigener Initiative, den Dingen auf den Grund zu gehen. Die Menschen sind ganz wild auf dieses Spektakel. Sie wollen besser sein, sich besser fühlen, überlegener oder auch reicher. Während die einen hart dafür arbeiten, zieht es die anderen an die Finanzmärkte, um sich dort von ihrem Geld trennen zu lassen. Die Börse war eine Zeit lang ein allgemein anerkanntes öffentliches Spektakel. Doch jetzt, da die Brandblasen schmerzen, schrumpft auch die Börse wieder zurück auf ihre eigentliche Idee: Früher war es so, dass einer Idee hatte, aber kein Geld. Andere hatten Geld, aber keine Ideen. An der Börse kamen beide zusammen. Das nächste öffentliche Spektakel findet woanders statt. Wo? Ich vermute ganz dicht um uns herum.

Ja, es ist lustig. Man hätte auf der Insel bleiben können. Und es wäre nichts passiert. Das Meer wäre wärmer und wieder kälter geworden. Die Wochen wären verflogen. Selbst die Finanzkrise hätte am Pool nicht stattgefunden. Wenn ein Besucher davon berichtet hätte, wäre es wie ein Beck`scher Witz. Verdrängung gelingt selbst Leuten, die von einer Sache unmittelbar betroffen sind. Ich werde den Flieger zurück nach Deutschland bald wieder besteigen, denn irgendwie ist dieses Spektakel zu interessant, als dass es unbeobachtet bleiben soll. Die Menschen brauchen eben Unterhaltung.

Und dann fällt das Telekom-Netz aus…


 

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