Abschwung-XXL in Italien

31. August 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

(von Bankhaus Rott) Die Probleme Spaniens hatten für einige Wochen die italienische Rezession aus dem Fokus gedrängt. Im Schatten der Diskussion um Banken, Spender und Bazookas konnte der Abschwung in der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone weiter Fahrt aufnehmen…

So trostlos und zäh die Erholung der italienischen Wirtschaft nach dem Einbruch in den Jahren 2008 und 2009 verlief, so dynamisch vollzieht sich nun der erneute Spurwechsel.

Alle Sektoren melden äußerst schwache Zahlen und auch in den Luxus-Geschäften ausgewählter Einkaufsstraßen deutscher Großstädte breiten sich Nervosität und teils bereits der Stellenabbau aus. So heiß der Herbst auf den südeuropäischen Straßen werden mag, so kühl erwarten die Händler die Umsatzentwicklung. Man wird sehen, ob es im Verlauf der Krise auch die gehobenen Nutzlosigkeiten erwischt, die breite Masse der Einzelhändler in Italien geht jedenfalls trostlosen Zeiten entgegen.

Die Wirtschaftsleistung des Landes geht in das vierte Quartal, in dem ein Rückgang verzeichnet wird. Die Realeinkommen sinken, ebenso die Einzelhandelsumsätze. Auch die Nachfrage nach Investitionsgütern liegt darnieder. Warum auch sollten Unternehmen im beginnenden Abschwung die bereits bestehenden Überkapazitäten nochmals erweitern.

Deutlich zeigen die unteren beiden Charts das stagnierende BIP pro Kopf bei gleichzeitig sinkender Arbeitslosigkeit.

Seit 2007 hingegen ist mit der steigenden Arbeitslosigkeit das pro-Kopf-BIP deutlich zurückgegangen. Die Arbeitslosigkeit wird so bald nicht abnehmen. Geringeres Ordervolumen und steigende Einkaufspreise erhöhen laufend den Druck auf die italienischen Unternehmen.

(Markit Economics) July PMI data pointed to recession in Italy’s service sector deepening at the start of the third quarter. New business intakes fell at a sharp monthly rate that has been exceeded only four times over the series history, all of which occurred around the height of the global financial crisis. Furthermore, data on expectations showed sentiment at a record low, and gave no impression of an impending recovery.

Not only did July see a further deterioration on the demand front, but input cost inflation also picked up from June’s recent low. This placed greater pressure on service providers to reduce their overheads, with a solid and accelerated decrease in employment levels one outcome. At the same time, backlogs of work were still reduced at a marked pace, suggesting yet more scope for job cuts.”

Zur Not geht es eben auch ohne Dessous. Bei Umsatzrückgängen von 20 – 40% ist eine rapide Zunahme der Insolvenzen nicht verwunderlich. Vor allem kleinere Geschäfte ohne große Reserven und ebensolche Lobby können einem derartigen Druck nicht lange standhalten. Bis sich die Mieten durch die wachsenden Leerstände nach unten angepasst haben dürfte es für viele Ladenbesitzer zu spät sein. Warum sich die betroffenen Geschäftsleute für eine Stützung des Systems Eurozone einsetzten sollten bleibt ein Rätsel, es sei denn die Damen und Herren bewerten ihre derzeitige Situation als wünschenswerten Erfolg.

Was genau eine monetäre „Bazooka und damit gegebenenfalls verbundene sinkende Renditen und steigende Aktienkurse verbessern soll, verbleibt unsichtbar im Nebel der diffusen Hoffnungen auf schmerzfreie Problemlösungen…

Man darf nicht vergessen, dass die Italiener auch ein paar Milliarden für spanische Banken bereitstellen durften. Die Summe war erklecklich, belief sie sich doch auf mehr als das Dreifache der Einnahmen der verhassten neu eingeführten Grundsteuer. Ist doch toll, sie zahlen Steuern auf ihre Immobilie. Dieses Geld wird dann aus ihren sonstigen Steuereinnahmen noch einmal auf das Dreifache aufgeblasen.

Den Geldsack gibt man dann desolaten spanischen Banken, die pleite sind, weil sie zu korrupt oder zu dumm für eine vernünftige Kreditvergabe waren und daher ihr Eigenkapital verbrannt haben. Das werden die Italiener sicher ganz wundervoll finden und direkt einen iberischen Solidaritätsabend auf der nächsten Piazza organisiert haben. Dumm nur, dass die Italiener das Geld selbst gut gebrauchen könnten, aber wenn man durchs reichliche Geben wieder selber arm geworden ist, kann man sicher wieder Nothilfe aus dem EU-Strukturfonds beantragen.

Der Ruf nach der von der Politik fälschlicherweise „Solidarität“ genannten Zwangsabgaben für unfähige Finanzinstitute, Geschenkeverteiler und Transferweltmeister verschiedener Parlamente, führt auch in Italien zu wachsendem Unmut. Ein Umverteilungssystem wird bekanntlich schnell mit anderen Augen gesehen, wenn man von einer Seite auf die andere rutscht.

Die Zahlungen an Spanien haben die Diskussionen um Sinn und vor allem Unsinn der Währungsunion weiter angeheizt. Nicht nur Berlusconi sagte sinngemäß, so lange man per Saldo Geld erhalte, bleibe man dabei, wenn man per Saldo zahlen müsse, trete man halt aus. Eine durchaus rationale Sicht der Dinge, die viele Menschen bei den kommenden Wahlen für sich entdecken dürften.

Auch die von weiten Teilen des Mainstreams leider ausgeblendete aber bemerkenswert erfolgreiche Movimento 5 Stelle („5¬-Sterne-Bewegung“) gedeiht weiterhin prächtig. Die von Beppe Grillo ins Leben gerufene Gruppierung setzt nicht nur bei aktuellen Finanzthemen an, sondern thematisiert weite Bereiche des politisch verfilzten Alltags.

Mittlerweile ist die Bewegung so verbreitet, dass sich auch die New York Times vor einigen Monaten zu einem Artikel hinreißen ließ.

(NY Times) Although it was founded only in October 2009, the Five Star Movement has quickly become a force to be contended with in Italy’s fractious political arena. In the first round of local elections on May 6 and 7, candidates from his movement ran in 101 of the 941 cities, and they captured nearly 200,000 votes — a national average of 9 percent — becoming the second- or third-ranked political force in various municipalities across Italy.

The party won one mayoral race outright, in a small, but strategic, stronghold of the Northern League, the populist party whose leader, Umberto Bossi, was formally notified this week that he is under investigation for fraud.

Den angesprochenen Bürgermeisterposten errang Movimento 5 Stelle übrigens in der Stadt Parma. Was auch immer aus der Bewegung werden sollte, die generelle Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation wird durch einer Verschärfung der in Italien bereits seit einem Jahr anhaltenden Rezession nicht sinken. Die steigende Belastung aus Zahlungen von Geldern, die im europäischen Stützungs-Nirvana verschwinden, wird den Druck und das Unverständnis weiter erhöhen.

Auch das generelle Interesse am Erhalt des Multi-Währungs-Peg genannt “Euro” verblasst in Italien. Nur noch 30% sprechen der Einheitswährung ein gutes Zeugnis aus, in vielen Prüfungen wäre das ein klarer Fehlschlag.

Von einer Stärkung der Wirtschaft durch den europäischen Integrationsprozess mögen viele Italiener ebenfalls nicht reden. Fasst man die desolate Wirtschaftslage und den wachsenden Widerstand gegen den Euro und eine stärkere Integration zusammen, so bleibt den Italienern nur der eigenständige Austritt aus der Währungsunion.

Für einige mag dies unmöglich klingen, man sollte diese Möglichkeit dennoch nicht ausschließen. Mit Solidaritätsgedudel á la Bundesrepublik wird man auf der Apenninenhalbinsel bei der nächsten Wahl jedenfalls keinen Blumentopf gewinnen. Denn auch im Süden Europas können viele Menschen die Aussagen des finnischen Auenministers sehr gut nachvollziehen.

“But let me add that the break-up of the euro does not mean the end of the European Union. It could make the EU function better.”

 Im Grunde nicht neu, aber Immer schön, wenn es mal jemand sagt. Mille grazie, Herr Tuomioja!


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2 Kommentare auf "Abschwung-XXL in Italien"

  1. MH sagt:

    Den Zahn kann ich Ihnen ziehen: Es wird niemand austreten, jedenfalls nicht so bald. Dass die Italiener wütend sind und revoltieren, ist zunächst mal nur ein Dampfablassen. Danach bleiben viele Wankelmütige zurück, die in die Zermürbungsmühlen der Euroretter geraten. „Ohne den Euro geht es uns allen schlechter“ ist ja auch noch ein ebenso beliebter wie wirkungsvoller Spruch, der viele im Zaum hält, siehe Griechenland. Davon lassen sich viele einschüchtern, denn auch der ärmste Schlucker kann sich vorstellen, noch eine Stufe tiefer zu sinken. Solange die Aussicht auf Milliardenkredite bzw. – geschenke besteht, wird keiner austreten.

    Und ein Austritt bei den Geberländern? Glaube ich auch nicht dran. Jedenfalls nicht so bald. Bisher wurde jeder Vorstoß wieder wortreich zurückgenommen oder abgeschwächt. Wer will denn schon schließlich derjenige sein, der den ersten Stein wirft? Der Europa zerstört? Der die Wirtschaft ruiniert und die Staaten in den Abgrund reißt? (Noch) keiner!!

    Die Rhetorik greift und alle werden bis zum bitteren Ende weitermachen.

  2. Freigeist_A sagt:

    „Wer will denn schon schließlich derjenige sein, der den ersten Stein wirft? Der Europa zerstört? Der die Wirtschaft ruiniert und die Staaten in den Abgrund reißt? (Noch) keiner!!“

    Das ist nur eine mögliche Sichtweise. Der finnische Außenminister Erkki Tuomioja hatte sich bereits ähnlich geäußert.
    http://www.telegraph.co.uk/finance/financialcrisis/9480990/Finland-prepares-for-break-up-of-eurozone.html

    „But nobody in Europe wants to be first to get out of the euro and take all the blame,” he said.“

    Ich drehe daher das oben Zitierte gerne um – das ist erfrischender – und frage:

    „Wer möchte der erste sein, der sein Land, die Wirtschaft seines Landes und womöglich gleich Europa mitrettet, indem er aus dem Euro austritt?“

    Auf diese Art gefragt erscheint es mir wesentlich realistischer, konstruktiver und zielführender.

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