Abgrund oder Rampe ins Glück … Wo stehen wir?

29. Februar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Lange hatte man diesem Tag entgegengefiebert. Und dann stand man kurz vor 11:30 Uhr plötzlich da und guckte sparsam aus der Wäsche. Denn das, was sich die Banken da in Form des zweiten Dreijahres-Tenders zu einem Prozent Zins bei der EZB „geholt“ haben, machte niemanden wirklich gescheiter. Kommt es jetzt zu einer zweiten Kaufwelle an den Börsen? 

Ich bezweifle das, zumindest, wenn es um die Frage geht, ob es alleine aufgrund dieses frischen, billigen Geldes nach oben gehen werde.

Wären es deutlich mehr oder deutlich weniger als im Dezember geworden, hätten die Marktteilnehmer es leichter gehabt, auf diese Zuteilung zu reagieren. Aber so? So war die schwächere Tendenz des Nachmittags nur eine Mischung aus Gewinnmitnahmen und einer Reaktion auf eine Bernanke-Rede, aus der man heraushörte, dass ein „Quantitative Easing III“ in den USA womöglich flach fällt. Die schwammige Reaktion auf die EZB-Kredite ist durchaus verständlich, denn:

Nach 489 Milliarden am 22. Dezember, angefordert von 523 verschiedenen europäischen Banken, wurden an diesem Mittwoch 530 Milliarden Euro ausgegeben. Etwas, aber keineswegs bedeutend mehr als im Dezember. Alle Prognosen im Vorfeld, die von der doppelten oder dreifachen Summe sprachen oder aber von weniger ausgingen, waren ja, wie ich schon mehrfach geschrieben hatte, ohnehin Blödsinn, weil niemand im Vorfeld wirklich absehen konnte, wer wie viel Geld bei der EZB „bestellen“ wird. Aber die Summe alleine macht auch das Gesamtbild nicht aus. Denn diesmal waren es 800 Banken, die sich bei der EZB Geld geliehen haben. Und das lässt nachdenklich werden.

Wenn sich mehr Banken Geld leihen, die Summe pro Bank gerechnet im Durchschnitt aber geringer wird, könnte man daraus folgendes ableiten: Die Zahl der Banken, die Liquiditätsprobleme haben, ist gewachsen. Schlecht. Und da das durchschnittliche Kreditvolumen abgenommen hat, könnte man daraus folgern, dass hier wirklich nur Kapital angefordert wurde, das zur Deckung unmittelbarer Notwendigkeiten benötigt wird und nicht „ein Schnaps mehr“ mit einem Seitenblick auf eine Investition in den Börsen. Auch schlecht (für die Bullen). Aber ich denke, diese nahe liegende Erklärung muss keinesfalls richtig sein. Denn eines ist ja klar:

Niemand außer den Entscheidern in der jeweiligen Bank weiß, warum ein Kreditinstitut sich ausgerechnet die Summe von x oder y geliehen hat. Es ist ja genauso gut möglich, dass man dort keinerlei Liquiditätsprobleme hat, aber weiterhin ein Stück vom Kuchen abhaben will, wenn es darum geht, zu einer unbedeutenden Verzinsung aufgenommenes Kapital durch Investitionen in Anleihen schwacher EU-Staaten, in den Aktienmarkt oder in Rohstoffe in höhere Renditen zu verwandeln. Zumal man sich sicher wähnt, dass die EZB, sollte das Geld verloren sein, am Ende der Laufzeit entweder prolongiert oder die dann wertlos gewordenen Gegenwerte des Kredites übernimmt, falls man eine „systemrelevante“ Bank ist. Und klar ist zudem, das nur wenige europäische Banken hinsichtlich der Umleitung dieses billigen Geldes in Richtung Börsen eine für die vorherrschenden Trends nennenswerte Rolle spielen. Wichtig wäre also zu wissen, ob, wie viel und wozu sich die zehn „Großen“ Geld geliehen haben. Aber das wissen wir nicht.

Dass man an diesem Mittwoch noch gar nicht sehen kann, ob weiterhin EZB-Geld in die Börsen fließen wird, ist in meinen Augen kein statthaftes Argument. Diese Milliarden sind Valuta 1. März. Jede Bank wäre somit imstande, auf Basis des zu erwartenden Kapitals unmittelbar nach der Zuteilung aktiv zu werden. Zumal man Kapitalreserven hält, die man in der sicheren Erwartung des am Folgetag zufließenden Geldes umgehend investieren könnte, falls man befürchtet, dass einem die Kurse davonlaufen, wenn man nicht sofort handelt.

Deswegen waren ja die Aktienmärkte kurz vor Weihnachten bereits vor der Überweisung der ersten Kredittranche plötzlich massiv angestiegen … und liefen danach weiter. Das ist diesmal selbstverständlich auch möglich, aber das Wassertreten insbesondere der europäischen Aktienmärkte und des Euro im Vorfeld dieser Zuteilung gibt zu denken. Schon bei der Verabschiedung des zweiten Hilfspaketes für Griechenland Anfang vergangener Woche war auffällig, dass aufgrund des wochenlangen Vorkaufens auf dieses Ereignis niemand mehr da war, der noch neu einsteigen oder seine Positionen ausbauen wollte, als es endlich soweit war. Und da wir bei der Zuteilung der EZB-Kredite keine nennenswerte Überraschung auf den Tisch bekamen, war es dort nicht anders. Und damit stellt sich nun die Frage, woher die Impulse für noch weiter steigende Kurse kommen sollen, nachdem es insbesondere am Aktienmarkt seit über zwei Monaten fast ausnahmslos aufwärts geht und jedwede nennenswerte Korrektur ausgeblieben ist? (Seite 2)

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5 Kommentare auf "Abgrund oder Rampe ins Glück … Wo stehen wir?"

  1. ontherock sagt:

    D’accord!

    „Rampe(n) in den Abgrund“ hätte ich für die noch präzisere Überschrift gehalten wobei sich der Plural aus den völlig verschiedenen Maßnahmen erklärt, die aber alle eins gemeinsam haben: sie vermeiden das Wort QE oder auch EuroBond nur um als „dicke Bertha“ (man beachte das Krupp-deutsche an der Dame), LTRO-1 , -2, -n oder auch Target2 zu tarnen, gerne auch als BadBank oder nicht ganz so heimlich als Schrottaufkaufende EZB, was eh‘ in der Familie bleibt.

    So macht man legal was illegal aber nun schon scheißegal ist und spielt immer weiter so was wie Mario Kart: über Rampen hinab ins Dunkel, die Musik geht weiter.

    caw

  2. khaproperty sagt:

    Der Rand ist das Loch!
    In der Tat schweben wir nur noch (mit Glück: am seidenen Faden) für eine kurze Zeit drüber – dann folgt unvermeidlich, was folgen muß.
    Etwas reichlich ausgewalzte aber dafür allgemeinverständliche Darlegung der Lage.
    Hoffentlich hilft`s.

  3. DukeNukem sagt:

    Das Verrückte ist dass der ´´Normalbürger´´ das alles noch nicht gecheckt hat! Anstatt mal den eigenen Kopf zu benutzen wird blind dem Geseier der Poltiker geglaubt!

  4. Avantgarde sagt:

    „Aber dieses Wachstum … das kann nur durch uns, die Konsumenten, “gemacht” werden. Und wir, ob wir nun Finnen, Deutsche, Portugiesen oder Italiener sind, bekommen dahingehend keinerlei Anreiz oder gar Unterstützung…“

    Eben!
    Durch die Sparmaßnahmen in Europa verschärfen wir das strukturelle Nachfragedefizit sogar noch weiter.

    Sobald die Erwartungen auf die Realität treffen könnte das Erwachen und Erschrecken an den Märkten sehr plötzlich einsetzen.

  5. Fnord23 sagt:

    Abgrund oder Rampe: entweder/oder

    Das ist mir zu schwarz oder zu weiß.

    Ich hätte noch eine andere Idee: Halfpipe

    Sowohl als auch.

    VG aus Sachsen

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