Abendrot im Abendland

16. April 2009 | Kategorie: Kommentare

Dunkle Wolken über hiesigen Gefilden. Die Unternehmen fahren gerade ihre Ausgaben herunter. Umsätze brechen ein und aus Gewinnen werden Verluste. Chefs übergeben ihre Angestellte der Straße und damit den Sozialsystemen. Nicht dass es ungewöhnlich wäre in Zeiten einer Rezession. Doch wenn es nur bei einer Rezession bliebe. Erinnern Sie sich an die Zeit im letzten Jahr, als man vom „R-Wort“ sprach, weil man sich das Wort Rezession nicht auszusprechen traute? Die Aussichten sind trübe, ein neuer Job ist Glückssache und die Wirtschaft fällt gerade vom Laster…

In der Zeitung „Die Zeit“ wird ausgerechnet, dass das BIP in Deutschland um 11,5% gefallen sein könnte, stellt eigene Berechnungen an und wünscht „Frohe Ostern“.

Die Entlassungswelle beginnt an die Strände zu schlagen wie ein Tsunami, den natürlich niemand hat kommen sehen. Der Hotel – und Gaststättenverband DEHOGA rechnet mit 60.000 Entlassungen in diesem Jahr, obwohl man immer wieder von ungetrübter Urlaubsfreude vor allem in deutschen Regionen lesen kann. Vielleicht ist ja auch Urlaub auf Balkonien gemeint. So genau unterscheidet man da nicht. Binnen eines Jahres sinkt der Umsatz in der Industrie um 23%.

Im letzten Bericht der Bundesagentur für Arbeit werden 3,6 Mio. Arbeitslose ausgewiesen. Ein paar Seiten weiter hinten stehen 7,8 Mio. „Leistungsempfänger“. Man kann schnell noch das Kurzarbeitergeld auf 24 oder auch 96 Monate verlängern, um die Bilanz sauber zu halten. Doch die realen Zahlen werden explodieren. Und dann schnallen die Leute ihre Gürtel noch enger und versuchen die Wagen in den Einbahnstraßen zu wenden. Ihre Arbeitsplätze werden abgewrackt und nach Asien exportiert. Das Rezept ist nicht neu, nur die Inhalte sind etwas schärfer geworden. Unternehmensberatungen stehen wieder in ihren Startlöchern und kümmern sich um die, die das Jahr 2009 überleben.

Das Beraten von Unternehmen ist eine der wenigen boomenden Branchen. Nachdem kostenloses Wasser gestrichen und Zeitungen abbestellt wurden, beginnen sie die Unternehmen nach Einsparpotentialen zu durchleuchten. In der Regel wendet man sich dann dem Personal zu, erklärt ihm die Probleme und die Globalisierung, presst ihm Zugeständnisse ab oder zahlt ein paar Euro Abfindung. Abfindung bedeutet nichts anderes, als dass man sich als nächstes mit einem 400-Euro-Job abfinden muss. Den Rest bezahlt das Arbeitsamt oder der Staat. Oh es gibt viel zu tun für ihn. Weniger Einnahmen – mehr Aufgaben und Experten am Lenkrad… Sie ahnen wohl, wie das ausgehen könnte.

Unsere Aufgabe scheint das Konsumieren zu sein, am besten auf Kredit. Großbritannien und die USA haben kaum etwas anderes als den Konsum. Und die Finanzindustrie. Und beides steckt fest wie eine verbeulte Nobelkarosse im Morast. Ich würde mich nicht wundern, wenn die nächste Auslagerungsrunde für unsere Industrie diese dorthin verschlagen wird, wo die Kosten niedriger sind. Nur die Leute bleiben hier. Wer die Produktionsmittel besitzt, besitzt auch die Macht. So ähnlich hat es Marx mal formuliert. Asiatische Aktien scheinen eine bessere Investition zu sein, als Papiere aus den Konsumhochburgen. Wer weiß?

Irgendwann ist die Welt dann globalisiert und so flach geworden wie die Lüneburger Heide oder die Durchhalteparolen. Selbst die Experten des DIW trauen sich keine Prognose mehr zu. Denn schließlich verschlimmern Prognosen die Situation, sagt DIW Präsident Zimmermann. Und er muss es ja wissen. Wenn die Welt bis dahin durchkommt, und da bin ich mir nicht so sicher, dass das ohne Probleme geschehen wird, treffen wir uns irgendwann und irgendwo, aber wahrscheinlich in der Mitte. Asien wird produzieren und wir werden abhängig davon sein. Nicht dass das gerecht wäre, doch es ist die Folge des Wirkens der Weltverbesserer mit ihren fortlaufenden Optimierungen ihrer Finanzstrukturen bis zum Punkt, an dem die Welt dann endlich flach und ausgelaugt scheint und es dann womöglich auch ist. Doch darum kümmern sich die Götter. Bis dahin steigt Asien auf und Europa steigt ab. In diesem Zusammenhang bekommt das Wort Abendland eine ganz neue Bedeutung. Es wird dunkel.

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