Hexen achteraus. Oder: Die Wahrheit ist da draußen!

10. Dezember 2010 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt
Wenn man sich auf das Grundprinzip beschränkt, ist Börse eigentlich einigermaßen leicht zu verstehen: Ob Kurse steigen oder fallen, ist immer eine Frage des Gleichgewichts. Und zwar völlig unabhängig von externen Impulsen, die auftauchen können oder auch nicht… positiv sein können oder auch nicht … und zur Kenntnis und als Basis einer Kauf- oder Verkaufsentscheidung genommen werden können oder auch nicht…

Es geht immer nur darum, ob gerade mehr Käufer oder Verkäufer aktiv sind – wobei nicht die Zahl ihrer Köpfe, sondern die Masse des jeweils auf der Kauf- oder Verkaufsseite stehenden Kapitals entscheidend ist. Oder, kurz und knapp: Es steigt, wenn mehr Käufer als Verkäufer da sind. Es fällt, wenn’s umgekehrt ist. Warum die eine Gruppe die andere von der Kapitalkraft her in einem solchen Moment dominiert, ist hinsichtlich der Kursbewegung als solche völlig wurst. Allerdings:

Die Gründe, warum sich die jeweiligen Lager binnen Tagen oder auch nur Stunden oder Minuten verschieben, können vielfältig sein. Es können oben genannte externe Impulse wie Konjunkturdaten, Zinsentscheidungen, politische Entscheidungen etc. sein … oder, wie in diesen Tagen, reines taktisches Kalkül mit kurzfristiger Ausrichtung.

Prognosen? Mummenschanz!

Das war’s eigentlich. Das sind die Gründe, warum es an den Börsen mal rauf- und mal runtergeht. Und wer sich das genauer überlegt, der versteht, warum es nicht möglich ist, heute vorherzusagen, wo die Kurse in einem Monat oder auch nur in einer Woche stehen werden. Es gibt viele, die es dennoch tun und zahllose Anleger damit blenden. Aber wirklich erfolgreich ist keiner … denn die wenigen, die Recht bekommen und närrischerweise sofort in den Stand eines Guru erhoben werden, haben aus Zufall ins Schwarze getroffen.

Beispiel Dax. Nur einer von denjenigen Analysten, die ich öfter verfolge, hatte ca. 7.200 Punkte erwartet. Das könnte klappen. Und ja, richtigerweise hat er die niedrigen Zinsen als entscheidenden Grund genannt. Aber auch den Aufschwung in den USA, Europa und China. Und den gibt es weder in den USA noch in Europa außerhalb Deutschlands. Dafür gab es die massiven Stützungen der Notenbanken am Anleihemarkt, von denen man per 1.1.2010 noch nichts wissen konnte, und die eine entscheidende Größe dafür wurde, warum die Kurse am Ende dann doch noch so relativ deutlich steigen konnten.

Darüber hinaus kann und muss man Prognosen deswegen in die Tonne treten, weil insbesondere die „großen Adressen“ (das sind die, die mit Milliarden herum jonglieren wie wir bestenfalls mit Äpfeln) immer seltener auf die Rahmenbedingungen schauen, wenn sie neu disponieren. Es sind interne monetäre Notwendigkeiten, verschachtelte Absicherungskonstruktionen, bei denen selbst ein Fachmann die Ohren anlegt … und die schlichte Angst, schlechter zu sein als die Konkurrenz. Oder nicht gut genug, um am Ende wieder einen dicken Bonus einzustreichen, der in Afrika ganze Dörfer über Jahre ernähren könnte.

Deswegen steigen die Kurse oft trotz schlechter Nachrichten … oder fallen trotz „good news“. Und der Laie wundert und ärgert sich. Es sei denn, er arbeitet im Medienbereich und soll dem Rest der Welt erklären, warum gerade was passiert. Und womöglich noch, wie es weitergehen wird. Diese Laien, als Fachleute getarnt, sind diejenigen, die (zumindest in meinen Augen, und ich habe schon vor 20 Jahren die ersten Telebörsen gesehen) den meisten Schaden anrichten können. Denn echte Fachleute gibt es dort vereinzelt zwar auch, aber sie kommen selten zu Wort und wenn doch, reichen 180 Sekunden Sendezeit halt nicht, um die in Wahrheit komplexen Zusammenhänge auch nur im Ansatz zu erklären. Also lässt man es bleiben – und erzählt Unsinn.

Hexen auf dem Parkett? Ebenfalls Mummenschanz!

Dergleichen häuft sich insbesondere dann, wenn wir uns der Mitte des dritten Monats eines Quartals nähern. Nicht, weil diese Phase dereinst von einem enttäuschten Spekulanten verflucht wurde, sondern weil dann nach und nach die Hexen das Ruder übernehmen. Bitte verzeihen Sie, dass ich Hexen mit nautischen Begriffen in Verbindung bringe. Das ist natürlich sachlich unrichtig, aber es macht gerade so eine Freude. Wobei es ja auch nicht um echte Hexen geht … sondern nur darum, dass in dieser Phase, die bis zum jeweiligen Quartalsende reicht, selten jemand wirklich versteht, was da eigentlich vor sich geht. Die Kurse wirken einfach „wie verhext“. Aber das hat recht profane Gründe.

Es sind die oben schon angesprochenen, höchst komplexen strategischen Positionen, die auch momentan wieder den Handel bestimmen. Und zwar mit Blick auf den an jedem dritten Freitag eines dritten Monats eines Quartals stattfindenden Verfalltermin für Optionen und Futures der Aktienmärkte an den Terminbörsen, bereits leicht durchsetzt mit dem erstem Window Dressing Richtung Jahresende. Beide Termine sind besonders dicke Brummer. Und entsprechend schwere Geschütze werden aufgefahren, um als „große Adresse“ an beiden Terminen optimal abzuschneiden. Und entsprechend früh wird mit dem Taktieren begonnen. In unserem Fall war das bereits am Dienstag der Fall. Recht früh, aber es geht ja auch um ein paar Milliärdchen haben oder eben nicht haben. Das ist mach einem sein ganzes Geld!

Wo der normale Investor mal einen Strangle oder Straddle am Optionsmarkt riskiert, sind die Strategien bei den institutionellen Investoren so komplex, dass selbst Computern der Schweiß ausbricht. Optionen werden gegeneinander abgesichert, teilweise aber auch über Optionsscheine, Zertifikate, Futures und umgekehrt. Oder untereinander. Und das bezogen auf Indizes ebenso wie auf Einzelaktien. Und es gilt … für jede der großen Adressen zunächst individuell, bis man sich auf ein „optimales Niveau“ in jedem Basiswert eingependelt hat, um den möglichen Gewinn zu optimieren. Es wird dafür gesorgt, dass dieses oder jenes Zertifikat wertlos wird, bevor es ernst wird, die gewünschten Optionsscheine zum Stichtag (der oft mit dem Verfall zusammenfällt) ebenso wertlos werden wie diese oder jene Stillhalterposition. Und so weiter und so weiter…

Grundsätzlich gibt es da nur eine, überaus grobe Faustregel. Wenn das laufende Quartal sowie die Phase seit dem letzten Verfall (19.11) tendenziell nach oben weist, neigen die Kurse am Verfalltermin dazu, am oberen Ende dieser Kursspanne zu stehen. Wenn das Jahr insgesamt ebenfalls ein nennenswertes Plus aufweist, meist dazu führt, dass die Kurse per 31.12. dann noch einen Tick höher stehen. Aber…

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