Meine (Nicht-)Prognose 2011

19. Dezember 2010 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt
Sie wissen, dass ich seit Jahren erkläre, warum Börsenprognosen Unfug sind. Sie sind wie Wettervorhersagen. Für ganz kurzfristige Zeiträume von ein, zwei Tagen funktioniert das, weil man alle relevanten Einflussfaktoren vor sich sieht. Wer imstande ist, diese vernünftig zu bewerten, der kann den Vorhang ein kleines bisschen lüften. Aber es ist sinnlos, im November vorhersagen zu wollen, ob es ein harter oder milder Winter wird…

Diesmal soll es wieder (schon wieder) ein harter Winter werden. Und meist berufen sich die Auguren dann auf Vergleiche wie „im letzten Jahr war der Oktober auch zu nass, und da hatten wir einen harten Winter“. Dummes Zeug angesichts der unzähligen Elemente, die das Wetter bestimmen … und von denen fast alle, die über einen kalten oder warmen Januar bestimmen werden, weder bereits existieren, noch absehbar sind. Aber wer dennoch dergleichen Mummenschanz betreibt, setzt bewusst auf die klassische Fifty-Fifty-Chance: Entweder der Winter wird wärmer oder kälter als der letzte. Treffe ich die richtige Wahl, halten mich alle für schlau und erinnern sich an mich. Liege ich daneben, vergessen die Leute das sowieso schnell. Und genau so läuft es mit den jetzt wieder vom Himmel rieselnden Börsen-Prognosen für 2011!

Es kann nicht funktionieren … aber sie tun es dennoch

In fast allen der vergangenen fünf bis zehn Jahre gab es Ereignisse, die die Kursentwicklung der Börsen maßgeblich bestimmten, im Vorfeld aber absolut unmöglich vorhersehbar waren. Manche konnte man bei wachem Geist erahnen, z.B. den Zusammenbruch des US-Immobilienmarkts. Aber niemand hätte vorab sagen können, wann genau das passieren würde. Es hätte auch bis 2008 dauern … oder früher passieren können. Und dann hätte sich das Börsenjahr 2008 völlig anders entwickelt.

2010 war es z.B. der „Bernanke-Put“, der die entscheidenden Impulse gab. Wer bitte sehr wusste im Dezember 2009 bei Abgabe seiner Weissagung über Dax, Dow oder Euro, dass, und wenn ja wann und in welchem Umfang, die Notenbanken erneut konkrete Stützungen der Anleihemärkte vornehmen würden? Oder: Wer wusste damals, wann und wie Griechenland oder Irland den finanziellen Schirm zuklappen und die EU den ihren aufklappen würden – und wie darauf die Börsen reagieren würden? Sehen Sie, selbst wenn jemand einzelne Schlüsselereignisse 2010 nicht nur von der Sache her, sondern auch in Zeitpunkt und Detail richtig erahnt hätte, hätte er keine Chance gehabt, denn wie derartige Ereignisse auf die Investoren wirken, ist immer ziemlich unsicher. Beispiel:

Für die Krise der EU stehen die Euro-Börsen noch relativ gut da, ebenso wie der Euro selbst. Was aber nicht nur dem Rettungsschirm zu verdanken ist, sondern auch den Anleihekäufen der Notenbanken und vor allem der Tatsache, dass erstaunlich viele die aktuellen Krisenherde einfach nicht ernst nehmen. Aber genau das kann sich ändern … und meist passiert das sehr, sehr schnell. Denken Sie an 2007. Der Baum brannte bereits, doch alle bleiben heiter. Doch im Januar 2008 änderte ein eigentlich in Relation zur grotesken Größe der Problematik kleines Ereignis (die Société Générale-Affäre um Lauren Kerviel) alles – und statt Gelassenheit herrschte Panik. Das will jemand vorhersehen können? Alle mal lachen!

Nein, die üblichen Verdächtigen werden in den kommenden zwei, drei Wochen ihre „Prognosen“ abgeben, dabei wohl wieder zu 90% steigende Kurse weissagen und dies mit den üblichen Gemeinplätzen wie „hohe Liquidität“ und „solides Wachstum, vor allem in China“ begründen. Und diese Glaskugel-Akrobaten können sich felsenfest darauf verlassen, dass es mal wieder genau so ausgehen wird wie mit den langfristigen Wetterprognosen: Wer zufällig ins Schwarze trifft (was bei der hohen Zahl der Prognosen nicht ausbleibt), wird als höchst eloquenter, scharfsinniger Experte gefeiert. Wer daneben liegt, riskiert nichts, da die erdrückende Mehrheit der Anleger dergleichen Fehlschläge vergisst … und die Begründungen der schief liegenden Auguren ohnehin. Immerhin liegen da dann 12 Monate dazwischen, bis wir am 31.12.2011 wissen werden, wer das Dartpfeil-Werfen gewonnen hat.

Die Anleger haben es nicht besser verdient!

Was mich immer wieder verblüfft: Eigentlich können all diese Analysten nichts dafür. Unter ihnen sind sogar, wie ich weiß, einige, die durchaus realisieren, dass dergleichen Weissagungen Unsinn sind. Aber es wird ja immer und immer wieder gefordert. Das Volk schreit nach den Orakeln. Dolle Sache, wie sich die Menschheit weiter entwickelt, nicht wahr?

Ich gebe natürlich keine solche Prognose ab. Wäre ja noch schöner. Obwohl ich, man sollte es nicht glauben, trotz meines jahrelangen Kreuzzugs gegen diesen Käse allen Ernstes ab und an gefragt werde: „Jaja, stimmt ja alles irgendwie, was Sie da sagen … aber jetzt mal unter uns: Wo glauben Sie denn, geht es hin?“ Das sind diese Momente, in denen ich mich wirklich müde fühle.

Es geht doch immer nur darum, im richtigen Moment zu erkennen, dass sich ein Trend dreht. Ob mit Charttechnik, Markttechnik oder einem Handelssystem wie wir, ist eigentlich egal. Meinetwegen durch Messung seismischer Aktivität. Aber genau dann, und nur dann, gilt es zu handeln. Wer das tut, dem kann es doch völlig egal sein, wo der Dax nächstes Silvester steht! Er ist ohnehin dabei, denn er folgt dem Trend. Wer aber meint, es ginge bequemer, indem man bei bullishen Prognosen (sie sind fast immer bullish!) einfach Aktien oder Calls kauft, die Füße hochlegt und am Ende satte Gewinne einstreicht, hat nicht verstanden, dass die Börse ein höllisch komplexes Gebilde ist – und hat es nicht besser verdient, als am Ende mit Verlusten dazustehen. Denn wer meint, man könnte bereits an Neujahr absehen, was zwölf Monate später unter dem Strich steht, kriegt nicht mit, wenn sich der Wind dreht und handelt nicht, wenn es dringend geboten wäre. Wer so vorgeht, flucht danach auf Börse und Analysten und alles andere … außer auf seine eigene Dummheit – und hat es daher nicht besser verdient.

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