80 Prozent fangen am Morgen bei Null an

19. Januar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Diese Überschrift klingt, als wollte ich über seltsame Phänomene aus dem täglichen Leben schreiben. Will ich auch, nur betrifft es trotzdem die Börse. Und was wir gerade erleben, bezieht sich ganz konkret auf dieses Phänomen…

… das Trading und seine momentan extremen Auswirkungen. Da der DAX kürzere Handelszeiten hat und zudem am Donnerstag gar nicht mehr hinterherkam, die Fakten zum DAX Future:

Binnen sechs Minuten soff der Future am Donnerstag um 320 Punkte ab. Danach schaukelte er wie eine Schnapsleiche bei Windstärke 12, bevor man sich für „all in“ entschied und ihn über 10.000 zerrte, was am Freitagabend dann in einem Hoch von 10.316 Punkten gipfelte – flotte 734 Punkte oder, von unten gerechnet, 7,6 Prozent binnen anderthalb Handelstagen. Fetzig. Und ich dachte, die Blitz-Rallye Mitte Dezember wäre kaum zu toppen gewesen.

Gut, argumentativ kommt man nun damit um die Ecke, dass der Franken-Schock schließlich in die Gewissheit (die keine ist, aber es ist hochwahrscheinlich, zugegeben) mündete, dass sich die EZB am Donnerstag auf das dünne Eis der Staatsfinanzierung … nein, pardon, der Ausweitung der Anleihekäufe auf Staatsanleihen begeben wird. Was toll ist bzw. toll sein soll.

Ich für meinen Teil sehe nicht, was das außer der sowieso bei jedem verzweifelten Schritt nachlassenden psychologischen Wirkung bringen wird. Die Anleihe-Renditen haben ohnehin schon ein Level erreicht, das zwar noch im langen Laufzeiten-Bereich negativ werden könnte – aber es wird die Konjunktur nicht so beleben, wenn überhaupt, dass es die mittel- und langfristig daraus entstehenden Risiken rechtfertigen würde. Und zudem:

Ging man am Markt denn nicht seit Wochen, seitdem Mario Draghi immer und immer wieder laut genau darüber nachdachte, davon aus, dass das im Januar passiert? Man ging. Hat er ja nicht einfach so getan. Und da die Bond-Renditen jedes Mal ein Stück mehr gedrückt wurden und der DAX jedes Mal ein Stück weiter stieg, wenn diese „Überlegungen“ verkündet wurden, ist diese Maßnahme eigentlich doch längst in den Kursen drin, sprich „eingepreist“. Warum also diese irrwitzige Rallye, als wäre nun jedwedes Problem auf dieser Welt mit einem Schlag gelöst?

Zum einen wegen des vorherigen Schocks, zum anderen wegen des ausgerechnet einen Tag später anstehenden Verfalltermins. Dies in Kombination mit dem Umstand, dass die großen Spieler an den Terminmärkten immer ungehemmter, maßloser und mit größerem Kapitaleinsatz zocken (ist ja meist nicht ihr eigenes Geld) und der sich ausweitenden „Torero-Taktik“ (siehe Marktkommentar vom 13.1.) und der Grundstruktur des Daytradings bzw. der computergesteuerten Handelsprogramme. Ja, Sie haben recht: eins nach dem anderen.

Dass diese „Erkenntnis“ über die unmittelbar bevorstehende EZB-Maßnahme eine derartig extreme Reaktion auslöste, lag daran, dass die Abrechnung der Index- und Aktienoptionen (auch, wenn das in Europa heute weniger Bedeutung hat als früher) unmittelbar bevorstand. Zuerst mussten sich die Stillhalter, d.h. die meist großen Akteure, die Optionen an andere Marktteilnehmer verkauft haben, blitzschnell gegen einen Kursrutsch absichern, indem sie vor allem über den DAX Future (das geht am einfachsten und schnellsten) Short gingen. Als die Indizes dann plötzlich drehten, mussten sie diese Hedging-Positionen natürlich sofort auflösen und sich gegen zu weit über das anvisierte Abrechnungsniveau (das im Bereich 9.800/10.000 gelegen haben dürfte) laufende Kurse absichern, indem sie von Short auf netto Long gingen, d.h. erstmal durch Long-Positionen die Short-Exposition neutralisieren und dann auch noch faktisch auf die Long-Seite drehen. Sprich man ging z.B. aus einer 5.000-Kontrakte-Short-Position auf 5.000 Kontrakte Long, wozu man 10.000 Long-Kontrakte kaufen musste – und das auch noch ruckzuck. Das hat natürlich Pfeffer… (Seite 2)



 

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2 Kommentare auf "80 Prozent fangen am Morgen bei Null an"

  1. stonefights sagt:

    Ich bin für die Einführung eines Frankfurter Mantelsonntags an der Börse.
    In zwei wöchigem Abstand wird er als Verkaufsoffener und eben in der nächsten Woche als kaufoffener Sonntag geführt.
    Die wenigen menschlichen Händler müssen sich verpflichten einmal einen schwarzen und eben einmal einen weißen Mantel anzulegen während der Handelszeit.
    Während der Narrenzeit – jeden Montag bis Sonntag außer dem Sabbat – sind von diesen Masken zu tragen, welche ihre Augen verhüllen mit der Aufschrift „Denn wir wissen nicht, was wir tun“.
    Den Vorteil für mich sehe ich vor allem in der „Börse vor Acht“, die ich meistens als Nicht – Börsianer beACHTe, sonst wäre sie ja zu einer anderen Uhrzeit.
    Da kann ich bei den meisten Interpretationen auch zukünftig Sonntags lachen,
    was meiner Gesundheit nachweislich nützt.
    Um dem ganzen Nachdruck zu verleihen, stelle ich voraussichtlich ab Einführung eine TV-GEMA-freie Großleinwand vor der FfM-Börse auf mit dem Wasserzeichen „Wassermann“, um den ganzen Effekt nicht gleich wieder zu verwässern.
    Als Name für die „Bewegung“ schlage ich vor: „IQnieDa“.
    lg, stonefights
    lg, stonefights

  2. Michael sagt:

    Wenn erfüllte oder nicht erfüllte Erwartungen zum selben Ergebnis führen ist in weiter Folge Vorsicht geboten.

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