68-Jahres-Tief: Verlieren ist Ansichtssache

28. September 2017 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Deutschland hat gewählt. Die Regierungsbildung wird schwierig und daran hat alleine der Wähler Schuld – so der Tenor von Parteien und Medien. „Alles richtig gemacht“!  Der eigene Anteil beschränkt sich auf lässliche Sünden…

Man habe eine richtige Politik möglicherweise nicht gut genug erklärt, oder den Wähler auf dem Weg nicht abgeholt und mitgenommen. Es gibt tatsächlich Systeme, in denen das Abholen und Mitnehmen von Bürgern fester Bestandteil der politischen Überzeugungsarbeit ist – vorzugsweise zu nachtschlafender Zeit. Das aber war vermutlich nicht gemeint. Fakt ist: CDU, CSU und SPD, also die drei bisherigen Regierungsparteien, haben krachend verloren. Das Ausmaß der Niederlagen hat historische Dimensionen: Allzeittief, 68-Jahres-Tief, etc.

Zum Glück hat die Politik alles richtig gemacht. Denn trotz Sturzflug sah keiner der Parteichefs die Notwendigkeit die Verantwortung für das Desaster zu übernehmen. Unter Spitzenpolitikern scheint ein Wettbewerb entbrannt zu sein: Wer die Rote Karte oder den Abpfiff am längsten ignoriert, hat gewonnen.

Gegenüber der letzten Bundestagswahl war die CDU mit einem Minus von 7,4 Prozentpunkten der Hauptverlierer, gefolgt von der SPD mit einem Minus von 5,2 Prozentpunkten und der CSU mit einem Minus von 1,3 Prozentpunkten. Der Stimmenanteil der CDU verringerte sich entsprechend um 21,6%, der der SPD um 20,3% und der der CSU um 16,8%.

Dass die größte Verliererin ganz selbstverständlich Parteivorsitz und Kanzleramt beansprucht, ist ein neues Stilelement in der politischen Kultur des Landes. Dass aber ausgerechnet die CSU, die das Debakel noch am relativ besten überstand, nun laut über die Auswechslung der Parteispitze diskutiert, dürfte mit der bayerischen Landtagswahl im nächsten Jahr zu tun haben. Weder wird man dann erneut mit einer nur verbalen „Obergrenze“ antreten wollen, noch kann man die Jamaika-Koalitionsverhandlungen so lange ernsthaft offenhalten. Kompatibel sind die Markenkerne von Grünen und CSU ohnehin nicht – mit einer Söder-CSU schon gar nicht.

Da niemand ernsthaft Neuwahlen anstrebt, könnte sich die SPD nach einer gewissen Schamfrist erneut von Merkel zum Tanz bitten lassen – aus staatsbürgerlicher Verantwortung versteht sich, allerdings zu einem entsprechend hohen Preis. Der Joker liegt im Willy-Brandt-Haus. Und während die AfD-Emporkömmlinge die Kanzlerin noch „jagen“ wollen, demonstrierte die neue SPD-Fraktionsvorsitzende, wie formvollendete Oppositionsarbeit im Bundestag wirklich funktioniert: „Ab morgen kriegen CDU/CSU in die Fresse!“

Keine Milde

Nun hat also auch Adidas seinen eigenen Korruptionsskandal. Das FBI verhaftete gestern einen Marketing-Manager des Herzogenauracher Konzerns, der dessen Geschäft im US-College-Basketball verantwortete. Durch Bestechungsgelder sollen Talente zu bestimmten Universitätsteams gelotst worden sein, um diese an die Marke und das Unternehmen zu binden.

Klar ist, dass Korruption nicht verteidigt werden sollte. Es dürfte jedoch interessant werden, wie sich dieser Skandal weiterentwickelt. Denn es wäre nicht das erste Mal, dass ein deutsches Unternehmen im Ausland von einem solchen Thema eingeholt wird. Wir erinnern uns an den Skandal von Siemens, der in den USA lediglich durch einen Vergleich mit dem US-Justizministerium und der Börsenaufsicht SEC sowie mehreren hundert Millionen Euro Strafzahlungen beigelegt werden konnte.

Grundlage dafür war alleine die US-Börsennotiz. Die tatsächlichen Straftaten wurden in Vietnam, China, Russland oder Argentinien verübt. Wenn die Vergehen aber auch noch auf US-Boden verübt wurden, sollte man keinesfalls mit der Milde der US-Justiz rechnen. In den letzten Jahren bekam dies vor allem der VW-Konzern zu spüren. Aus Strafverfolgung wird dann schnell Industriepolitik, wie man zwischen den Zeilen lesen kann. So wurde der VW-Konzern zum Bau eines 2 Mrd. USD teuren Netzes an Ladestationen verdonnert – die dann allerdings allen Konkurrenten offenstehen müssen.

Immobilien 2017

Jahrelang hält der aktuelle Boom bei deutschen Immobilien nun schon an. Es ist eine Melange aus Inflationsangst, Flucht vor Minuszinsen und einem Mangel an Anlagealternativen, die die Anleger zum Betongold treibt. Mindestens genauso viele Beobachter warnen aber auch seit Jahren vor den Auswüchsen des Booms, die es besonders in Metropolen wie München, Frankfurt oder Berlin zu beobachten gibt. Es muss jedoch nicht immer alles nur schwarz oder weiß sein.

Neben einer Reihe intakter fundamentaler Faktoren gibt es auch Exzesse, die nur noch durch pure Spekulation zu erklären sind. In unserem nächsten Heft, das am Samstag erscheint, sind wir daher auf Spurensuche gegangen und haben uns mit der Frage beschäftigt, ob wir es mit einer handfesten Blase oder vielleicht auch nur mit einem „Bläschen“ zu tun haben.

Zu den Märkten

Sind die Märkte nun eigentlich stark oder schwach? Oder sind sie ganz einfach unentschlossen?

Tatsächlich bewegen sie sich in einigermaßen gegensätzlichen Spannungsfeldern. Das Berliner „Wahlbeben“ war im DAX beispielsweise überhaupt nicht zu spüren. Im Gegenteil: Die Volatilität schlief vor dem Urnengang ein – und erwachte auch danach nicht. Das in der Vorwoche an dieser Stelle beschriebene Bild ist weitestgehend unverändert. Auch die Kriegsrhetorik um Nordkorea konnte die Märkte bislang nicht nachhaltig verunsichern.

Im Hinterkopf haben wir allerdings weiter das 7er-Jahr, demzufolge insbesondere für Oktober eine schwierige Börsenphase zu erwarten ist.Wie wenig entscheidungsfreudig die Märkte im Moment sind, zeigt die Preisentwicklung von Gold in USD (vgl. Abb., gelbe Markierung).

Während der letzten Handelstage schien die rote Unterstützungslinie im Bereich 1.300 USD/Feinunze zunächst zu halten. Dann glitt der Preis darunter, machte kehrt und eroberte die Marke eindrucksvoll zurück. Das klassische Fehlsignal also, das auf weiter steigende Kurse schließen ließ?! Ja, aber schon am Folgetag ging es ebenso schnell wieder bergab. Inzwischen befindet sich der Kurs erneut unter der wichtigen Marke. Ein weiteres Fehlsignal?! Oder eine Schwächeneigung die zu anhaltenden Kursverlusten führen wird? Es ist schwer, aus der aktuellen Schaukelbörse eine sinnvolle Trendaussage abzuleiten, und deshalb versuchen wir es an dieser Stelle auch gar nicht erst.

Fazit

Auch nach der Bundestagswahl darf man sich kaum auf politisch ruhigere Zeiten freuen. Denn die schwierigen Koalitionsverhandlungen werden für eine Fortsetzung der Wahlkampfrhetorik sorgen.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

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