Die Konsequenzen aus der Schuldenorgie

8. Januar 2011 | Kategorie: RottMeyer

Von Manfred Gburek
In den vergangenen Tagen wurde ich von Anlegern mehrfach darauf angesprochen, dass die Entwicklung des Goldpreises sie enttäuscht. Auf ihre Frage nach den Ursachen, warum der Preis nicht wei<em>ter wie eine Rakete steigt, war meine Antwort immer dieselbe: zwischenzeitliche Gewinnmitnahmen im Zuge des seit nunmehr fast zehn Jahren anhaltenden, weiter intakten Aufwärtstrends. Solche Reaktionen auf hohe Gewinne sind an allen Märkten üblich, die sich über eine längere Zeit aufwärts bewegen. Nur wenn sie allzu kräftig ausfallen, ist eine Trendwende denkbar. Doch davon kann zurzeit weder beim Gold noch bei den anderen Edelmetallen die Rede sein.

Lassen Sie mich diese Antwort hier mit einigen wichtigen Ergänzungen begründen. Dazu erst einmal in chronologischer Reihenfolge die Zusammenfassung der wichtigsten Ursachen aus der Vergangenheit: Washington Agreement on Gold (Begrenzung der Zentralbankverkäufe), Minenrückkäufe aufgrund früherer Termingeschäfte, sinkendes Minenangebot, weil die Erschließung neuer Lagerstätten sich über mehrere Jahre hinzieht, das Aufkommen von Exchange Traded Funds (Fonds, die Gold hinterlegen), immer tiefer sinkende Zinsen, Liquiditätsschwemme, zunehmende Käufe privater chinesischer Anleger, spielende Aufnahme des wachsenden Altgoldangebots durch immer neue Käuferschichten, Bankenkrise, Gold als sicherer Hafen unter den Anlagen, Schuldenkrise und zunehmende Inflationserwartungen.

Die Schuldenkrise wirkt bis zur Gegenwart, während die Inflationserwartungen ihre volle Wirkung erst in den nächsten Jahren entfalten werden. Zurzeit ist viel von der Schuldenkrise im Euro-Raum die Rede, was entscheidend zur aktuellen Euro-Schwäche beiträgt und die zwischenzeitlichen Rückschläge des Dollar-Goldpreises für uns hierzulande erträglich macht. Dass US-Finanzminister Geithner, wie gerade geschehen, vor der US-Schuldenkrise und sogar vor der Zahlungsunfähigkeit der USA warnt, wird dabei von den Marktteilnehmern zunächst ignoriert. Und das, obwohl spätestens die Pleite des Bundesstaats Kalifornien mit dem freudlosen Abgang von Gouverneur Schwarzenegger allen vor Augen geführt haben müsste, wie ernst es um die US-Finanzen insgesamt wirklich bestellt ist. Von daher ist noch mit so mancher negativen Überraschung zu rechnen.

Einstweilen konzentrieren die Marktteilnehmer sich jedoch auf die kommenden Schulden im Euro-Raum. Dazu haben die Volkswirte der Banken und Forschungsinstitute ihre Rechenmaschinen angeworfen; dabei sind die folgenden Ergebnisse herausgekommen: 2011 muss der Markt für Euro-Anleihen ein Angebot von 2,4 Billionen Euro verkraften, gut 41 Prozent mehr als 2010. Ein großer Teil dieser Schuldenorgie, 732 Milliarden Euro, findet nach Analysen der US-Investmentbank Goldman Sachs über Schatzwechsel mit höchstens einem Jahr Laufzeit statt. Das heißt, die Emittenten schieben damit einen riesigen Schuldenberg vor sich her.

Damit diese Zahlen nicht im luftleeren Raum stehen bleiben, gestatten Sie mir zwei ungewöhnliche Vergleiche, die deutlich machen, wie weit allein das 2011 über Anleihen zu platzierende Euro-Fremdkapital von den gesunden Finanzen abgehoben hat. Zunächst vom Eigenkapital führender Konzerne: Der Börsenwert der zehn am höchsten kapitalisierten Konzerne der Welt (der Wert ihres Eigenkapitals in Form der Aktien zu ihren Kursen Ende 2010) beträgt 1,95 Milliarden Euro. Wenn die Schuldenorgie mit Euro-Anleihen allein im Jahr 2011 mit 2,4 Billionen hoch über diesen Betrag hinausschießt und wenn im Hinblick auf das wahre Ausmaß der amerikanischen Schulden trotz der Geithner-Warnung weiter im Dunkeln getappt werden darf, wird klar, warum sich in letzter Zeit immer mehr Großanleger von Anleihen ab- und den Aktien zuwenden.

Die neuen Euro-Anleihen im Wert von 2,4 Billionen Euro machen auch einen anderen Vergleich reizvoll: Das Geldvermögen deutscher Privatanleger hat nach aktuellen Berechnungen von Allianz Global Investors knapp 4,9 Billionen Euro erreicht. Man mache sich einfach nur klar, dass dieses Vermögen in gut sechs Jahrzehnten mühsam angespart wurde – und da kommen mal eben Schuldenmacher, die mit 2,4 Billionen Euro in einem einzigen Jahr fast halb so viel abkassieren wollen.

Was Aktien betrifft: In den vergangenen Tagen haben Börsenkommentatoren sich geradezu daran delektiert, dass der Kult-Konzern Apple den Börsenwert von 300 Milliarden Dollar (rund 230 Milliarden Euro) überschritten hat. Das spricht sicher für dessen noch kultigeren Oberstrategen Jobs, der Apple auf Platz 3 der am höchsten kapitalisierten Konzerne der Welt gehoben hat. Doch vor ihm rangieren, auf längere Sicht praktisch uneinholbar, die Ölkonzerne Exxon Mobil und Petrochina. Im Übrigen ist beachtlich, dass unter den Top 10 mit Petrobras und Royal Dutch zwei weitere Ölkonzerne auftauchen und dass China nicht nur mit Petrochina vertreten ist, sondern auch mit den Banken ICBC und China Construction Bank. Um das Bild abzurunden: Noch vor zehn Jahren zierten nicht weniger als neun US-Multis die Top 10, darunter Exxon Mobil als einziger Ölmulti sowie die inzwischen schwer angeschlagenen Finanzkonzerne Citigroup und AIG.

All diese Beispiele zeigen, dass in der Weltwirtschaft, bildlich formuliert, geradezu tektonische Verschiebungen stattgefunden haben: hin zu Big Oil und hin nach China. Diese Verschiebungen werden bis auf Weiteres anhalten. Was für Anleger besonders interessant ist: Solange die Anleihenmärkte wie beschrieben in immer größere Dimensionen hineinwachsen und mit ihrem Volumen den Aktienmärkten davoneilen, desto mehr werden Großanleger das favorisieren, was im Zuge dieser Entwicklung eine Art Seltenheitswert bekommt, im Vergleich von Aktien und Anleihen also Aktien, speziell die der Ölkonzerne und Aktien aus China. Diese Entwicklung wird zwar wie üblich mit entsprechenden Kursschwankungen vonstatten gehen, die schon 2011 heftig zu werden drohen, aber die sukzessive Abwendung der Großanleger von Anleihen und ihre Hinwendung zu Aktien ist vorgezeichnet.

Welche Rolle spielt nun Gold in diesem Szenario? Eine besonders große. Denn sein Wert ist, bezogen auf die weltweit vorhandenen Bestände und auf die zu angemessenen Kosten abbaubaren Reserven, unter Berücksichtigung der eingangs genannten Faktoren beim aktuellen Preis im Vergleich zum Wert aller Aktien, ganz zu schweigen zu dem der Anleihen und der sonstigen Schulden, immer noch infinitesimal klein. Das gilt erst recht für die anderen Edelmetalle und sogar für Rohstoffe im Allgemeinen. Die Konsequenz daraus: Die Preise der Edelmetalle und Rohstoffe haben trotz der beachtlichen bisherigen Aufwärtsbewegung Nachholbedarf.

Der äußert sich allerdings nicht in einem kerzengeraden Anstieg, sondern wie an der Börse üblich in einem wellenartigen Trend nach oben. Die nächste Welle wird im Verlauf des Jahres 2011 von den bereits erwähnten, erst in Ansätzen vorhandenen Inflationserwartungen ausgelöst, und zwar auf dem Umweg über die immer höheren Schulden, vor allem in den USA und in Europa. Diese werden zu einem allgemeinen Misstrauen in den Dollar, in den Euro – und in viele andere Währungen – führen.

Anleger werden sich davor durch die Flucht in Sachwerte schützen, wozu sie neben bestimmten Aktien (s.o.) besonders Edelmetalle zählen, zum Teil auch Immobilien, Kunstgegenstände u.a. Alles in allem sehen Sie also spannenden – und für Sie hoffentlich auch lukrativen – Zeiten entgegen. Von daher sollten Ihnen die – am Freitag wieder einmal heftigen – Ausschläge des Goldpreises keine Sorgen bereiten, im Gegenteil: Die Gewinnmitnahmen kurzfristig orientierter Spekulanten bilden den besten Nährboden für die weiteren Gewinne langfristig ausgerichteter Anleger.

Manfred Gburek, 7. Januar 2011

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