Klappe zu. Affe tot.

29. Dezember 2010 | Kategorie: RottMeyer

Meyers böser Jahresrückblick

Was für ein Jahr! Wir waren schon Papst. Und wir waren fast schon Fußball-Weltmeister. In diesem Jahr waren wir Lena – und im nächsten Jahr Zahlmeister. 2010 war das Jahr des Aufschwungs – nicht überall, aber offiziell. Alles passte – bis aufs Wetter…Das Wetter war das einzige, was noch machen darf was es will. Wem der Beweis für eine Klimakatastrophe bislang noch fehlte, der wurde in diesem Jahr ausgiebig bedient. Selbst ein richtiger Winter dient nun als Beweis für die Erwärmung der Welt. Meine sinnlosen Autofahrten um die Häuserblöcke, in der Hoffnung, das CO2 in einen Sommer zu verwandeln, schlugen beharrlich fehl. Wahrscheinlich frieren gerade auch die Eisbären am Nordpol. Davon wurde recht wenig berichtet.

Apropos Autos… 2010 war das Jahr des Elektroautos. Zwar habe ich davon kaum eins gesehen, die Ladestation im Parkhaus an der Börse ist meist unbenutzt, aber es soll sich um ein ganz neues und großartiges Geschäftsfeld handeln. Vielleicht wird das so lukrativ wie die Sache mit dem Klimawandel. Dieser wird uns vermutlich in den nächsten Jahren noch beschäftigen und etliches kosten. Im Namen der Eisbären. Amen.

„We apollodscheis…“

Als Bahnfahrer leiden Sie vielleicht auch wie der Autor dieser Zeilen, unter dem Sie auch zu leiden haben, unter diesem klangvollen Satz auf den Bahnhöfen dieses Landes. Die vier Feinde der Bahn (Frühling, Sommer, Herbst, Winter) bekamen prominente Unterstützung: „Stuttgart 21“. Als Bahnfahrer und „Wutbürger“ ahnt man oft schmerzvoll, wohin die Bahn unterwegs ist – in die Grube. Ist der Bahnchef wegen seines Namens Bahnchef geworden? Fragen über Fragen, auch danach, ob die Bahn kommt. Ja, sie kommt, wenn auch nicht mehr pünktlich. Heute Morgen war es die „hoher Streckenauslastung“. Es ist ein Wunder, dass überhaupt was fährt, sagt ein Insider in einem Zeitungsinterview. 2010 ist nicht nur das Jahr des „Bahnsinns“ sondern auch des Wunderwinters („Wir sind Winter!“) Wie machen das eigentlich die Russen?

Über „Stuttgart 21“ wurde viel berichtet. Die ganze Angelegenheit erinnert an den generellen Zustand hierzulande, warum wohl auch „Wutbürger“ Worte des Jahres geworden ist. Schaut man hinter die Kulissen, fällt einem der Begriff Bananenrepublik ein. Erst gibt es keine Bananen mehr, dann keine Republik. So ähnlich war auch der Eindruck, als die FDP den Hoteliers Steuergeschenke zuschusterte, die Regierung sich von Energiekonzernen eine Brennelementsteuer diktieren ließ und in der Aktion „Geld für die Welt“ leere Schatullen geöffnet wurden, um den Euro zu retten. Zumindest war das die offizielle Erklärung, denn eine weitere Bankenrettung lässt sich politisch schlecht verkaufen. Also rettet man eben den Euro und damit das Geld des kleinen Mannes, der inzwischen aber etwas ahnt. Glaubt man der Politik und den vielen produzierten Schlagzeilen, ist der Euro sicher – und die Erde früher oder später wieder eine Scheibe.

Grüße aus Europa

Vielleicht haben Sie schon mal etwas von Jean-Claude Juncker gehört. Nein? Die meisten wissen wirklich nicht, welche Rolle er in Europa inne hat und was er dort tut. Ältere Leute werden bei „Juncker“ an einen Gutsherrn denken. Und manchmal benimmt er sich auch so, wenn er die Hand schlägt, die ihn füttert. Er ist ein kluger Kopf, vielleicht sogar der „Mann Europas 2010“. Er erzählt den Leuten, wie sie sich verhalten sollen, was sie tun und lassen sollen. Er weiß, was gut für Europa ist. Seiner Art scheint eine Strategie inne zu wohnen, die er 1999 im „Spiegel“ erklärte:

<em>„Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.”</em>

Ja, was ist nun gut für den Bürger? Das fragen sich viele, wenn sie vor dem Lokal ihrer Zigaretten abbrennen, über den Krümmungswinkel von Gurken sinnieren und alte Glühbirnen durch quecksilberhaltige Energiesparlampen austauschen. Wie hübsch das neue EU-Licht leuchten kann, sah man in diesem Jahr unter anderem auf dem Frankfurter Römer, wo der Weihnachtsbaum im LED-Glanz weniger an Weihnachten als an einen Havariefall des Raumschiffes Enterprise erinnerte. Oder denken Sie an IBAN, die Schreckliche, die neue 22- oder 62-stellige Kontonummer, die Europa heimsuchen und beglücken soll. Ach ja. Brüssel stand früher für Pralinen. Und heute? Für Demokratur?

Schlimmverbesserer im Öko-Wahn
Das Ende der Glühbirne wird von unseren Enkeln als weiterer Meilenstein für die Gängelung der Bürger vermerkt werden. Energiesparen gegen Klimakollaps. Meinungsumfragen zufolge glauben an diese These weniger Leute als gewünscht, vielleicht wegen der ganzen Reihe von Daten-Mauscheleien und aufgeflogenen Interessenkonflikten. Doch da kommt sicher noch mehr Klimawahn. Zudem dürfte 2012 ein spannendes Jahr werden. Dann will die EU-Kommission darüber befinden, ob alle Produkte mit Energiestandards genormt werden – vom Pantoffel bis hin zum Knäckebrot. Zu stoppen ist die ganze Angelegenheit wohl kaum. Wir schützen die Umwelt. Fein. Und wer schützt uns vor diesen Leuten?

Das Wunder mit den Wundern

Ansonsten war alles super. Okay, Super-Benzin kostet jetzt drei Mark, werden Sie einwenden. Aber das verwundert doch auch nicht bei einem „Aufschwung XL““ Da wurde sogar aus dem DAX ein „Börsenwunder“. Man sollte sich überhaupt auf mehr Wunder im neuen Jahr einstellen. Jobwunder. Arbeitsmarktwunder. Konsumwunder. Klimawunder. Wunderwunder. Wunderbar…

Es war ein glückliches Jahr für Aktienbesitzer. („Wir sind DAX!“) Er stieg um 19 Prozent, während auch die (Export)Wirtschaft in Schwung kam. Der Treibsatz des Jubels war wieder billiges Geld und die Hoffnung auf seine segensreiche Wirkung. In beispielloser Art und Weise mischen sich Regierungen in die Wirtschaft ein, verzögern und verhindern damit notwendige Anpassungen. Vielleicht feiert man in den Amtsstuben, den „Mister Market“ überrumpelt zu haben. Das mit dem Wetter hat man noch nicht im Griff – kann aber ja noch kommen. Mal unter uns: Man sollte das Wetter im nächsten Jahr verbieten oder ihm verordnen, sich korrekt zu verhalten. Um die Wirtschaft wird man sich schon kümmern.

Der als Wohlstandsindex missverstandene DAX sollte jetzt bei 6.478 Punkten stehen. Das war die Prognose der Experten vor einem Jahr. Jetzt klebt er an seiner Tafel putzmunter bei 7.000 Punkten mit der Aussicht auf einen neuen Rekord, sagen alle Leute vom Fach.

„Entschuldung durch Wachstum“- ein neuer Slogan aus der keynesianischen Politikküche erblickte die Welt, wo man aus Schulden Träume produziert. Man gibt mehr Geld aus, um später noch mehr zu bekommen, als ob man mehr trinken sollte, um am folgenden Tag nüchtern zu sein. Das ist so verrückt wie „Mehr Brutto vom Netto“. Doch damit kann man im Wahlkampf schon mal 15 Prozent holen und danach grandios scheitern. Ach, das mit den Wahlversprechen entpuppte sich wie erwartet als der Flop des Jahres 2010:

„Keinem wird es schlechter gehen. Dafür vielen besser.“ Moment! Der Satz unserer Kanzlerin hat sich jetzt in den Text gemogelt und meint sicherlich nicht den boomenden Sektor der Leiharbeit. Manche Lügen haben kurze Beine, aber meist sind sie lang genug, um nicht darüber zu stolpern.

Und auch das noch… Die deutsche Verschuldung nähert sich fast schon der Marke von zwei Billionen Euro. 2010 gab es rund 100 Milliarden neue Schulden. Dabei hat man den Eindruck, dass dieses Land gerade Schulden abbaut. Ganz kluge Köpfe erwarten in wenigen Jahren schon wieder Überschüsse. Hmmm… Erwarten Sie nichts vom Staat. Das bedeutete, einem nackten Mann in die Tasche greifen zu wollen. Erwarten Sie aber im Gegenzug den Griff des Staates in Ihre Tasche – bis Sie nackt sind.

Viel Hoffnung für die Staatsfinanzen lag in diesem Jahr auf den Steuer-CD`s und dem Schwarzgeld. 30.000 Leute zeigten sich an und zahlten rund zwei Milliarden an die Staatskasse. Laut dem Bund der Steuerzahler steigt die Staatsschuld sekündlich um 2.589 Euro. Zwei Milliarden Euro verschaffen uns also eine Atempause von wenigen Tagen. Wie heiter! Dafür bezeichnen uns die Schweizer jetzt als Schurkenstaat.

Die Aufgabe eines Staats ist, seine Solvenz zu gewährleisten – wie auch immer. Wenn finanzielle Gefahr droht, kommt oft auch die Solidarität ins Spiel („Wir sind Soli“!). Einige der vor einem Jahr noch vermuteten Soli-Orgien werden gerade in die Tat umgesetzt: Ich vermutete damals das Auftauchen des a) Bildungs-Soli, b) Gesundheits-Soli, c) Klima-Soli, d) Terror- bzw. e) Sicherheits-Soli. Wie wäre es mit einem f) Soli-Soli? Unzutreffendes bitte streichen!

Teuer? Wo denn?

Das Leben ist 2010 wieder teurer geworden. Doch keine Sorge! Die Verbraucherpreise stiegen um durchschnittlich 1,1 Prozent im Vergleich zum letzten Jahr, so das Statistische Bundesamt. Was habe ich lachen müssen. Oder habe ich geweint? Man kommt schnell dabei durcheinander. Seltsam, wie schnell die Rohstoffpreise gestiegen sind. Aus statistischen Gründen ist es jetzt dringend ratsam, sich monatlich drei Flachbildschirme und vier andere Elektrogeräte zu kaufen, denn das spart mindestens ein paar hundert Euro. Wenn man diese Ersparnis mit den auf breiter Front steigenden Abgaben und Preisen verrechnet, wird alles gut.

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US-Notenbankchef Ben Bernanke bekam ein weiteres Mandat, um weitere Jahre Unheil anrichten zu dürfen. Dabei finanziert er lediglich die US-Staatsausgaben. War Bernanke nicht großartig? Wie sein Vorgänger Greenspan ist er unfähig, Blasen zu erkennen, selbst wenn sie ihm aus der Nase kämen. Dabei sind die Ausgaben der US-Regierung eine Blase gigantischen Ausmaßes. 2002 sagte Bernanke, er wolle notfalls neue Dollar drucken und sie aus Helikoptern verteilen, was ihm den Namen „Helikopter-Ben“ einbrachte. Seine Hubschrauber fliegen inzwischen. Bloß werfen die das Geld über den falschen Plätzen ab, meistens auf den Dächern von großen Bankhäusern. 2010 werden rund 150 Milliarden USD an Boni ausgezahlt. Dass aber Bernanke den US-Dollar zerstört, dürfte nicht wirklich überraschen, und auch nicht, dass man sich auf seine Fehler verlassen kann.

Dem früheren US-Notenbankchef Alan Greenspan wurde übrigens von Ökonomen der „Dynamit Wirtschaftspreis“ verliehen. In der Begründung stand, er habe mit am meisten dazu beigetragen, die Weltwirtschaft in die Luft zu jagen. Während Greenspan die Zündkabel verlegte wurde er von diesen Fachleuten noch beobachtet und wegen seines Gespürs für Blasen bejubelt. Auch den Ökonomen gebührt ein solcher Preis.

„Wir sind Europa“
Kali Nichta! Das war griechisch. Nun, das kennt inzwischen jeder und heißt Gute Nacht! Ergänzungen zum griechischen Schuldenproblem brachte das Jahr 2010 in Irland, und wenn man ehrlich wäre, auch in den meisten anderen Ländern dieser Erde. Die europäischen Nationalstaaten können sich aus ihren finanziellen Problemen nicht mehr so einfach „herausdrucken“, weshalb man auch trefflich gegen die Solvenz einzelner Staaten spekulieren kann. Wozu hat man diese ganzen derivativen Spielzeuge erfunden, wenn man sie nicht auch nutzen kann? Stand 2010 nicht im Zeichen einer stärkeren Regulierung und der „Zähmung der Finanzmärkte“? Ha! Geht Helena pleite, scheppert es auch in den Banktürmen in Frankfurt, hieß es im Mai. Fällt Spanien, kippen die Türme um. Solange aber der bürgende Bürger alles noch bezahlen kann, ist die Sache mit den Nachschuldnern vorerst geregelt. Die Hilfsforderungen für die Griechen aus dem Hause der Deutschen Bank sind jetzt etwas verständlicher geworden. Die Hilfsforderungen an den Rest Europas inzwischen auch.

Hört man sich in Frankfurt um, geht jeder davon aus, dass alle Wunden mit neuen Schulden geflickt werden können. 2010 steht wieder im Zeichen von „Failure is no option“. Das zieht die ganze Angelegenheit mit der Überschuldung in die Länge und Sparer haben noch Gelegenheit, ihre Gelder zu verwalten, Hausaufgaben zu erledigen, die Kredite und die damit verbundenen Abhängigkeiten zu reduzieren und Geld in Sicherheit zu bringen. Man scheint im Gold Sicherheit zu sehen – wie immer schon.

Ein Auge auf…
2010 steht auch für ein Jahr der Überwachung, das Jahr der Überwachungskameras, des Datenmissbrauchs, wo Angestellte über Handys geortet werden, am Arbeitsplatz und auf Toiletten gefilmt werden und Daten dort auftauchen, wo sie besser nicht hätten hingelangen dürfen. Und es ist das Jahr des technologischen Fortschritts, wo die ersten stümperhaften Versuche der Überwachung zur Perfektion auflaufen. Jeder mit Handy ist heute ortbar, überprüfbar und ausspähbar geworden – rund um den Globus. Im Namen des Terrorismus entstehen ganz neue Geschäftsfelder. Der elektronische Ausweis ist Realität. Und auch die Nacktscanner werden im nächsten Jahr viel zu tun haben. Nackt zu fliegen wäre da doch viel effektiver.

Seit einiger Zeit kümmert man sich fürsorglich mit Stoppschildern, Kalorienampeln und anderen Verrücktheiten um Bürger vor sich selbst zu schützen. Was sollte man essen? Wo sein Geld anlegen? Was ist korrekt? Mit ein paar weiteren Regulierungen und Vorgaben, Vorschriften und Gesetzen lässt sich da sicher etwas tun. Ach, ich bin so dankbar, dass man auf mich aufpasst. Neulich hätte ich doch beim Auspacken eines neuen Kochtopfes doch fast die Verpackungsfolie eingeatmet.

neue bescheidenheit

wie demütig doch die finanzewelt auf einmal war. für einen moment kam sogar bescheidenheit in mode. als journalist schrieb sich spontan alles klein, denn überall werden kleinere brötchen gebacken, hieß es im sommer. aus dem weltall betrachtet, stimmte das wohl. für bankvorstände waren die guten zeiten auf einmal vorbei. der arme ubs-chef… er bekommt nur noch 0,009 milliarden euro und jamie dimon unmaßgebliche 0,017 milliarden us-dollar. herr ackermann muss mit 0,01 milliarden euro auskommen. peanuts! bescheidenheit bedeutet oft tiefe einschnitte. dabei ist bescheidenheit wirklich einfach: man lässt beim kaviar-essen einfach den cracker weg.

2011

Was soll man zu 2011 sagen? Ob die Bahn kommt oder ob sie es bleiben lässt? Wird das Wort des Jahres „Oberleitungsschaden“ oder „Zornbürger“ heißen? Ob sich das Wetter endlich mal zusammen reißt? Experten sagen, dass der DAX steigen wird. Und ich sage, dass ich in dieser Oper aufmerksam bleiben werde. Sie kennen das ja: Je mehr Beteiligte in einer Oper auf der Bühne auftauchen, desto näher rückt das Finale. Und manchmal sollte man aus dem Saal sein, bevor die alte Dame fertig gesungen hat.

© Frank Meyer

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