5.000.000.000 EUR pro Stunde: Alte Rechnungen und neue Milliarden

16. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

17 Stunden benötigte die Eurogruppe in der Nacht von Sonntag auf Montag, um sich zu einem dritten Hilfspaket durchzuringen. 17 Stunden, um Alexis Tsipras einen Vorschlag zu unterbreiten, den er in deutlich abgemilderter Form bereits zwei Wochen zuvor hätte haben können.

Als die Nacht zum Morgen wurde stand diversen Medien zufolge der „Grexit“ mehr als einmal unmittelbar bevor, doch die Eurokraten haben dies nun in der „letzten Minute“ verhindert – für den stattlichen Preis von 85.000.000.000 EUR, rund 5 Mrd. EUR je Sitzungsstunde. Exakt diese Summe wird nun gen Athen transferiert und die drängendsten Finanzlöcher damit gestopft werden – falls das griechische Parlament und diverse Parlamente der Geberländer nun tatsächlich kurzfristig die beschlossenen Punkte mittragen sollten.

Zwar ist dies zur Stunde noch alles andere als sicher, gleichzeitig läuft schon auf allen Medien und aus allen politischen Richtungen eine Bewertung des beschlossenen „Agreekments“, wie EU-Ratspräsident Tusk am Montag früh die gefundene Einigung bezeichnete. Auch wir wollen daher nicht mit unserer Analyse zurückhalten: Natürlich ist der nun gefundene „Deal“ ein fauler Kompromiss. Vielleicht sollte man angesichts der fortgeschrittenen Stunde der Einigung auch sagen: Ein müder Kompromiss!

Zeit der Abrechnung

Die Eurozone wollte den „Grexit“ mit aller Macht verhindern, die 85 Mrd. EUR sind dafür in den Augen der Kanzlerin ein angemessener Preis. Denn im Fall des griechischen Austritts hätte nicht nur ihr ein schwerer Gang vor ihre Wähler gedroht: Statt wie bisher behauptet hätte die Griechen-Rettung dann nämlich nicht Nichts, sondern vermutlich einen Großteil der gegebenen deutschen Bürgschaften gekostet. Eine Vermeidung dieses Offenbarungseides war daher wohl für die 18 Partnerländer Griechenlands oberste politische Prämisse.

Gleichzeitig wollten Merkel, Schäuble, Hollande, Tusk, Schulz und Dijsellblohm jedoch wohl auch ein Exempel statuieren. Der aufmüpfige Tsipras sollte zumindest ein bisschen gedemütigt werden – mit einem Kompromiss, der ihn zuhause durchaus leiden lässt. Nur so hoffen die Euro-Retter für die Zukunft das Übergreifen eines solchen „Tsipriesken“-Verhaltens auf Länder wie Spanien verhindern zu können. Dort rangiert mit PODEMOS eine Syriza-Schwesterpartei derzeit in den Umfragen für die Parlamentswahl im Dezember gleichauf mit den etablierten Parteien bei über 20%.

Doch unabhängig von aller langfristigen Taktik, in der Nachtschicht am Sonntag war eher kurzfristiges Pokern kriegsentscheidend. Allem Anschein nach hat Tsipras hier zu früh seinen Bluff offenbart. Denn statt bis zur letzten Minute mit dem Austritt zu drohen, holte er sich diversen Berichten zufolge eine Watsche nach der anderen ab. Die Eurogruppe dürfte sich insgeheim ins Fäustchen gelacht haben, konnten sie sich so zumindest selbst zum Sieger erklären.

Dem schlechten Geld gutes Geld hinterherwerfen

Um es final zu sagen: Das Theater der letzten zwei Wochen hätte man sich sparen können. Es kam nichts Anderes heraus, als ohnehin zu erwarten war. Griechenland bleibt (zunächst) im Euro, der Preis für einen späteren Austritt wird einmal mehr nach oben getrieben. Zu den 2.800 EUR – mit denen indirekt bereits heute jeder sozialversicherungspflichtige Deutsche bürgt (laut dem Bund der Steuerzahler) – kommen nun noch einmal rund 550 EUR obendrauf.

Statt einer Schaffung wettbewerbsfähiger Arbeitsplätze und einer realen Abwertung von Löhnen und Preisen wird einmal mehr eine gelähmte Wirtschaft die Folge sein. Dass unser Geld unterdessen schon lange verloren ist, hat nun ja sogar der IWF höchst offiziell festgestellt (unter dem Begriff der „nicht vorhandenen Schuldendienstfähigkeit“). Im neuen Smart Investor, der am letzten Juli-Wochenende erscheint, werden wir uns intensiver mit den mittel und langfristigen Folgen des nun beschlossenen Hilfspaketes befassen.

Zu den Märkten

Beherrschendes Thema für den DAX war in der abgelaufenen Woche einmal mehr Griechenland. Zwar ist das Land in Relation klein, aber das psychologische Element für die Märkte darf an dieser Stelle nicht unterschätzt werden. Als Euro-Partnerländer sind Deutschland und Griechenland fast zwangsläufig so etwas wie „ziemlich beste Freunde“ – und da gilt die Maxime „mitgegangen, mitgehangen“. Insofern quittierte der DAX die sich abzeichnende Einigung auf ein weiteres und diesmal – ganz ehrlich – allerletztes Hilfspaket mit Erleichterung und Kurssprüngen.

2015-07-15_DAX

Zwei massive Aufwärtstage und zwei Gaps (gelbe Markierungen) genügten schließlich sogar, den DAX aus der blauen Flagge herauszukatapultieren. Damit hat sich diese Formation als Konsolidierung bestätigt. Die neue Standarderwartung ist nach einem solchen erfolgreichen Abschluss einer Konsolidierung die Wiederaufnahme des Aufwärtstrends. Dabei sind nun auch die Allzeithochs aus dem April wieder in greifbarer Nähe.

Weiteren Rückenwind könnten Märkte und Konjunktur durch den iranischen Atomkompromiss erhalten. Sollte der Iran in vollem Umfang an den Weltmarkt zurückkehren, dann sind erneut fallende Ölpreise praktisch programmiert. Möglicherweise ist es genau eine solche Entwicklung, die auch die USA im Auge hatten, als sie sich jetzt zu einem Iran-Deal entschlossen. Und da kommen wir zum Wermutstropfen der aktuellen Situation: Der fallende Ölpreis wird erneut Druck auf Russland ausüben. Gleichzeitig wurde mit dem Griechenland-Hilfspaket die sichtbar brodelnde EU-Ostflanke ruhig gestellt. Es würde also nicht verwundern, wenn jetzt der Ukraine-Konflikt wieder auf die Tagesordnung zurückkehrt.

Fazit

Der vermeintliche Sieg der Eurozone in der Nacht auf Sonntag ist lediglich ein Pyrrhussieg. Weder werden nun die beschlossenen Privatisierungserlöse erzielt werden, noch ein nennenswerter wirtschaftlicher Aufschwung in Griechenland einsetzten. Die nächsten Marathonsitzungen in Brüssel dürfen bereits eingeplant werden!

© Ralf Flierl, Christoph Karl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor



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