3,38% mehr Rente für 33,8% mehr Wählerstimmen

16. März 2009 | Kategorie: Kommentare

Hören Sie die Schreie und den Jubel da draußen? Das sind unsere Rentner. Ich schaue auf die Straßen, wo Rentner tanzen und singen. Sie werfen die Gehhilfen in Luft, fallen sich um den Hals und tragen Plakate von Olaf Scholz, ihrem Arbeitsminister aus der SPD. Ein glücklicher Tag für unser Land. Ein glücklicher Tag für unsere Regierung…

Sofort rief ich meine Großmutter an. Das mit der neuen Rente musste ich ihr sofort erzählen. Doch das Telefon klingelte ins Leere. Naja, dachte ich, ist sie eben mit ihren Freundinnen unterwegs, um diese Nachricht mit einem Schnäpschen auf Olaf zu begießen. Die Bundesregierung lässt sich die Wahl ganz schön was kosten, dachte ich, bevor mich dann meine Oma leicht angeheitert am späten Nachmittag zurückrief. Sie klang irgendwie glücklich. Ich sagte ihr, dass sie im Sommer 3,38% mehr Rente bekommen würde. „Ist schon wieder Wahl?“ fragte sie mich…

Es hat gar nicht lange gedauert, bis sie die alten Rentenbescheide gefunden hatte. Im Gegensatz zu den meisten, sind unsere Großmütter ordentlich. Im Jahr 2001 bekam sie nach 46 vollen Arbeitsjahren inklusive der freiwilligen Zusatzrentenversicherung 952 Euro Rente und liegt damit im Durchschnitt. Nach acht Jahren sind es immerhin 3,2 Prozent mehr geworden. Da in der gleichen Zeit aber die Preise offiziell „etwas“ stärker gestiegen sind und inoffiziell „etwas viel stärker“, sind 3,38% Rentenaufschlag für die Ostdeutschen, aber auch 2,41% für die Westdeutschen vor der drohenden Bundestagswahl im Herbst ein Grund für ausgelassene Rentnerpartys.

Doch am Aschermittwoch ist alles vorbei, nur dass dieser diesmal auf den Herbst zu fallen droht. Um den drohenden Bankrott der öffentlichen Finanzen, ausgelöst durch Bailouts und Konjunkturpakete abzuwenden, sehnt sich der Staat nach Inflation. Inflationierung ist seit Jahrzehnten der einzige Weg, um den Schuldenberg zu beseitigen. Und ich vermute mit Hilfe meines Taschenrechners, es wird die Renten auf ein kleines Nichts zusammenschmelzen lassen.

Jede dritte Rentnerin in Thüringen muss einer Studie zufolge mit weniger als 700 Euro netto im Monat auskommen, jede zehnte sogar mit weniger als 500 Euro. Dieser Studie würde meine Oma bestimmt auch zustimmen. Von 2004 bis 2007 ist die durchschnittliche Rente von Frauen um nur 1,2 Prozent auf 663 Euro gestiegen. Die Lebenshaltung habe sich im gleichen Zeitraum jedoch um 5,5 Prozent verteuert. (offiziell) Die Götter klopfen sich vor Lachen auf die Schenkel und ich habe auch schon blaue Flecken.

Und es wurde noch lauter auf den Straßen. Der Jubel kannte keine Grenzen. Was? Sie haben ihn nicht mitbekommen? Sie Ignorant! Von der Erhöhung profitieren laut Olaf Scholz auch die rund 7,6 Millionen Bürger, die Arbeitslosengeld II und Grundsicherung im Alter beziehungsweise Sozialhilfe erhalten. Der Eckregelsatz steigt von 351 Euro monatlich auf 359 Euro. Jippie! Und das bei nur 3,6 Mio. Arbeitslosen.

In den kommenden Jahren dagegen können die Rentner nur noch mit minimalen Erhöhungen ihrer Bezüge rechnen, sagte die Präsidentin des Sozialverbandes VdK Ulrike Mascher. Wegen der zahlreichen Kürzungsfaktoren drohten den Rentnern ab 2010 „viele Jahre der Mini-Erhöhungen oder Nullrunden“. Ach ja, diese ewigen „Faktoren“. Voraussichtlich wird 2010 auch nicht gewählt.

„Wie hast Du diese Preissteigerungen eigentlich wegstecken können?“ fragte ich meine Oma. Ach, wir sind schlechte Zeiten gewohnt, meinte sie. … und was glaubst Du, wen ich mit 83 Jahren schon alles habe kommen und wieder gehen sehen…

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