2016: Leben im Anleger- und Bauernstaat

18. März 2016 | Kategorie: RottMeyer

Von Bankhaus Rott

Heutzutage spricht man vom abnehmenden Grenznutzen. Früher hieß es Bodenertragsgesetz. So nimmt etwa beim Dünger ab einer bestimmten zusätzlich ausgebrachten Menge pro Flächeneinheit der zusätzliche Nutzen dieser Dosiserhöhung ab. Beachtet man das nicht und schüttet immer mehr Dünger auf den Acker sterben die Pflanzen auf dem Acker irgendwann sogar ab. Ungeachtet geht Bauer Draghi munter weiter mit dem Düngerstreuer durch die Landschaft. Das gilt natürlich nicht nur für den Dünger, aber der passt so schön zur EZB. Also aufgepasst im Anleger- und Bauernstaat Europa.

(wikipedia) „Es liegt „in der Natur des Landbaues – und dies ist ein sehr beachtungswerter Umstand – daß das Mehrerzeugnis nicht in geradem Verhältnis mit der Zahl der mehr angestellten Arbeiter steigt, sondern jeder später angestelle Arbeiter liefert ein geringeres Erzeugnis als der vorhergehende …“

Thünen, 1850, S. 416; Sekundärzitat nach Reiß

Die Trostlosigkeit der vermeintlichen Abhängigkeit der ganzen Welt von ein paar Beamten die an vergleichsweise nutzlosen Stellschrauben drehen ist erschreckend. Viele Finanzangestellte lesen in den Tagen und Wochen vor einer Zentralbanksitzung mit dem Sell-Side Research und den wuchernden Bloomberg- und Reuters-Artikeln zum Thema. Man erzählt sich, warum dies oder das geschehen oder nicht geschehen wird und fühlt sich fachlich versiert. Im Grunde aber beschäftigt man sich mit der Farbe der Kleidung im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Er hat nichts an, aber man meint ein leichtes blau erkennen zu können.

Nach der Sitzung fegen dann einige die Scherben ihrer Prognosen zusammen und beschäftigen sich fortan mit der kommenden Sitzung. Während man aus Japan außer einem exponentiell ansteigenden Irrsinn ohnehin nichts erwartet, oszillieren die Finanzunterhalter wie eine Flipperkugel durch den Automaten. Nach der Sitzung ist vor der Sitzung, es ist wie beim Fußball. Hat die Fed nun durch die Entscheidung der EZB mehr oder weniger Anlass dies oder das zu tun oder ist durch die unerwartete Reaktion der Märkte, die zwar genau den Erwartungen ensprach jedoch eben deshalb überraschte, nun eine Änderung der unbekannten Pläne erforderlich?

Fragen über Fragen, die man sich stellen kann aber nicht stellen muss.

Ökonomisch sind die schamanenhaften Maßnahmen der Zentralbanken nicht nachvollziehbar und bringen nichts. Kein Unternehmen wird fünf neue Produktionsstätten bauen, weil die EZB indirekt die Finanzierungskosten um ein paar Basispunkte senkt. Die Finanzierungskosten sind derzeit für funktionierende Unternehmen nicht das Problem. Gleichzeitig zerlegt man sach- und fachgerecht den Banken- und Versicherungssektor.

Nun haben beide Branchen nicht den besten Ruf, allerdings gibt es durchaus sinnvollere Maßnahmen zur Stabilisierung des Sektors. Eine massive Rekapitalisierung über neue Aktien wäre sinnvoll gewesen und ist es noch. Gleichzeitig setzt man in diesem Schritt die Mindestanforderungen für die Eigenkapitalausstattung ohne verschleiernde Effekte der „Risikogewichtung“ massiv herauf. Das ist schmerzhaft für die Altaktionäre, ihr Kapital würde größtenteils verwässert werden, aber das gehört zum Geschäft.

Niemand wurde gezwungen Bankpapiere zu kaufen. Geht eine Firma bankrott ist man mit den Aktien der Firma eben auf der Verliererseite. Das ist der Deal. Massiv rekapitalisierte Banken wären weniger riskant aber natürlich auch weniger profitabel. Aber man sollte rückblickend nicht behaupten, dass Banken im Mittel überhaupt rentabel waren. Ohne Stützungsmaßnahmen wären die meisten pleite. Viele Banken haben in wenigen Jahren mehr Geld verbrannt als sie in den Dekaden ihrer vorherigen Existenz verdient haben. Kein sonderlich stabiles und vertrauenerweckendes Geschäftsmodell.

Stattdessen wurstelt man sich seit Jahren mit mehr oder weniger indirekten Subventionen herum. Man kreiert Fazilitäten, Wertpapierkaufprogramme, staatliche oder staatlich garantierte Einrichtungen, die den Banken faule Kredite zu schwer nachvollziehbaren Preisen abnimmt. Komplexität ist eine wunderbare Sache, hinter der man jeglichen Blödsinn verstecken kann. Nach einer massiven Rekapitalisierung wäre das nicht nötig gewesen.

Es geht bekanntlich noch weiter. Man schafft eine Liquidität, die so überflüssig ist, dass angesichts negativer Zinsen die Einlagen der Kunden von vielen Banken wie eine heiße Kartoffel gehandhabt werden. Eine negative Marge zwischen 0%, die der Kunde bekommt und minus 0,4% die die Zentralbank haben will, bringt schon jetzt manche Bank in arge Schwierigkeiten. Beim Kunden dürfte diese Problematik in den kommenden Wochen und Monaten durchsickern, wenn die Institute nicht nur hier und da ein paar Gebühren erhöhen sondern die negativen Zinsen auf Einlagen weiterreichen.

An der Eigenkapitalproblematik der Banken ändert zusätzliche Liquidität nichts. Banken in Italien, Frankreich oder Spanien haben eine Menge fauler Kredite auf den Büchern. Das Loch durch die Abschreibung im Falle eines Kreditausfalls findet sich im Eigenkapital wieder, nicht in der Liquidität. Der zumindest von Bernanke seinerzeit freimütig eingestanden Wunsch, die Assetpreise hoch zu halten oder zu steigern ist schön für diejenigen, die im Besitz dieser Assets sind. Den anderen bringt es nichts. Bei Anleihen ist es mit dem Besitz zudem so eine Sache. An einem bestimmten Datum wird das Papier fällig und auf dem Konto findet sich wieder die heiße Kartoffel Cash.

Dummerweise ist die Alternative zu leicht negativen Renditen auf Cash derzeit entweder eine Nullrendite mit Anleihenrisiko oder die Hoffnung auf höhere Renditen mit Aktienrisiken. Um ein paar Basispunkte negativer Zinsen zu vermeiden in Wertpapiere zu investieren, die eine Schwankungsbreite von mehr als 30% pro Jahr aufweisen und die manchen Anleger Jahre warten lassen, bis der Einstiegspreis wieder erreicht ist, kann als überaus unterhaltsamer Ansatz gewertet werden. Aber die Null ist offenbar eine psychologisch derart wichtige Grenze, deren Unterschreitung beim einen oder anderen Anleger die Vernunft zur Gänze auszuschalten vermag.

Wenn aber die Verzinsung von 0% auf -0,1% sinkt sollte das allein nicht das auschlaggebende Momemt für den Kauf riskanterer Assets sein. Wer das dennoch als Strategie ansieht, sollte sich schon heute über eine Ausstiegstrategie Gedanken machen. Handelstage wie der Klamauk am Tag der letzten EZB Sitzung stärken nicht eben das Vertrauen und das Funktionieren des Systems. Wenn man innerhalb eines Tages an den Aktien- und Anleihemärkten zwischen Ahnungslosigkeit, Hoffung, Euphorie und Weltuntergang pendelt während die (x-te) Bazooka abgefeuert wird, dann darf man schon von großer Unterhaltung sprechen.

Der rationale Investor arbeitet offenbar an solchen Tagen eine Menge rationaler Szenarien ab. Wie bei einer Schraube dreht der Geld- und Zinsmechaniker mit dem Schraubenschlüssel immer weiter. Eine Umdrehung folgt auf die nächste und immer wird ein bisschen mehr Kraft aufgewendet. Der ökonomische Grenznutzen ist wie der Zins wohl mittlerweile negativ, die Glaubwürdigkeit nimmt immer weiter ab, nur die Hoffnung darauf, mit bloßen monetären Spielereien wirtschaftliche Probleme lösen zu können bleibt offenbar bestehen. So sind die Handelsstunden von der Entscheidung der EZB bis zum Schlusskurs des Folgetages in etwa wie folgt zusammenzufassen:

1. Oh, mehr als erwartet: Kaufen

2. Hm, aber eigentlich bringt es ja nichts! Verkaufen.

3. Ach, Dow Jones im Plus: Egal, kaufen!

Ob das nun absurder ist als die Annahmen der „modernen“ Portfoliotheorie darf jeder nach dem Blick auf einige Annahmen dieses Ansatzes beurteilen.

  • An investor has a chance to take any position of any size and in any security. The market liquidity is infinite and no one can move the market. So that nothing can stop the investor from taking positions of any size in any security.
  • While making investment decisions the investor does not consider taxes and is indifferent towards receiving dividends or capital gains.
  • Investors are generally rational and risk adverse. They are completely aware of all the risk contained in investment and actually take positions based on the risk determination demanding a higher return for accepting greater volatility.
  • The risk-return relationships are viewed over the same time horizon. Both long term speculator and short term speculator share the same motivations, profit target and time horizon.
  • Investors share identical views on risk measurement. All the investors are provided by information and their sale or purchase depends on an identical assessment of the investment and all have the same expectations from the investment. A seller will be motivated to make a sale only because another security has a level of volatility that corresponds to his desired return. A buyer will buy because this security has a level of risk that corresponds to the return he wants.
  • Investors seek to control risk only by the diversification of their holdings.
  • In the market all assets can be bought and sold including human capital.
  • Politics and investor psychology have no influence on market.
  • The risk of portfolio depends directly on the instability of returns from the given portfolio.
  • An investor gives preference to the increase of utilization.
  • An investor either maximizes his return for the minimum risk or maximizes his portfolio return for a given level of risk.
  • Analysis is based on a single period model of investment.

Na, dann kann man auch einfach auf die Fed warten. Obwohl, wenn die Psychologie gar keinen Einfluss hat, was bringts? Wenn man alles zu jeder Zeit in jedem beliebigen Volumen handeln kann, dann ist ja keine Eile geboten. Was wohl Bond-Händler von dieser Annahme halten? Sicher handelt es sich nur um eine temporäre Anomalie, die kann halt mal ein paar Jahre anhalten.

Hat das Spektakel nicht große Ähnlichkeit mit Sportwetten? Unterhaltung ist zumindest garantiert. Wie bei der Schraube wird es aber auch beim Drehen an der Zinsschraube beim alten Prinzip bleiben: Nach fest kommt ab.

 

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3 Kommentare auf "2016: Leben im Anleger- und Bauernstaat"

  1. mohrfan sagt:

    Bauer Draghi düngt die Wirtschaft. Herrlich.
    Fast noch passender fände ich Junkie oder Drogendealer Draghi. 😉

  2. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo mohrfan,

    Drogen? Um Himmels willen – das wäre ja illegal und damit (möglicherweise) nicht vom Mandat der EZB abgedeckt!

    🙂

    Beste Grüße und Ihnen schon einmal einen guten Wochenstart
    Bankhaus Rott

  3. heyjay sagt:

    Zu den Banken: ich gehe fest davon aus, dass bei werthaltigen Instituten wie der Coba die nächste KE schon vor der Tür steht. Vielleicht wartet man noch ein wenig, bis sich die Kurse ein bisschen erholen, aber wie sollte sonst der Staat ausbezahlt werden, wenn nicht durch noch mehr Aktien. Dann wieder ein Reverse-Split und schon sieht es so aus, als sei gar nichts passiert. Gäbe es die Aktien noch auf Papier, könnte man die ganze Welt mit einer Schicht aus Coba Papieren überziehen und wir würden alle daran ersticken!

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