Steigende Gewinne – brennende Barrikaden

24. Oktober 2010 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt Es herrscht allgemeines Staunen und ein gewisser Respekt angesichts der Quartalsbilanzen, die uns von den großen US-Unternehmen für das dritte Quartal erreichen. Goldman Sachs, Apple, Google … alle übertrafen die Gewinnerwartungen bei weitem. Erstaunlich, denn immerhin wissen wir ja, dass eben dieses dritte Quartal in den USA von schwächeren Konjunkturdaten und einem nur durch fleißige Rechenarbeit erzielten Mini-Wachstum geprägt war…

Der erste Gedanke eines von den Geschehnissen der letzten drei Jahre unbefleckten Anleger-Gehirns lautet dementsprechend: Respekt! Es ist also doch was dran an den Parolen der US-Politiker, die die amerikanischen Tugenden wie Flexibilität, Innovationskraft und Durchsetzungsvermögen preisen.

Währenddessen ist die Zahl derjenigen US-Bürger, die auf Lebensmittelkarten angewiesen sind, auf ein neues Hoch gestiegen. 42 der 310 Millionen US-Amerikaner können nur noch auf diese Weise überleben. Jeder siebte US-Bürger gilt als arm. Doch nicht alles stagniert in den Vereinigten Staaten. Neben den Gewinnen der großen Unternehmen, die ihre Zuwächse nur auf dem Rücken ihrer Arbeitnehmer und kleinerer Unternehmen erzielen können, wachsen auch noch die Boni in der Finanzbranche wie in alten Zeiten. Die Schere zwischen Arm und Reich geht in einer Geschwindigkeit auseinander, wie man es zuletzt zur Zeit der großen Depression erlebt hat. Und selbst zögerliche Versuche der Regierung, diesen Prozess wenigstens aufzuhalten, werden durch die zahllosen Lobbyisten erfolgreich vereitelt.

Zeitgleich brennen in Frankreich wieder Autos und werden Barrikaden errichtet. Der Beschluss der französischen Regierung, das Renten-Eintrittsalter in Frankreich auf ein Niveau anzuheben (62 Jahre), über das man hierzulande beglückt jauchzen würde, treibt sogar die Jugendlichen auf die Straße, für die diese Problematik noch über vier Jahrzehnte entfernt ist. Und auch in Portugal, in Spanien und Griechenland rumort es weiter, auch, wenn diese Bilder mittlerweile aus unseren Nachrichten (und damit unserer Wahrnehmung) verschwunden sind. Erinnern Sie sich auch an die Aussage unserer führenden Politiker im Sommer, dass man erfreut sei über die hohe Akzeptanz in der Bevölkerung hinsichtlich all dieser notwendigen, einschneidenden Maßnahmen?

Überall in Europa und den USA müssen die Schwächsten ausbaden, was die an Geld, aber nicht am Geist geadelten Reichen angerichtet haben. Und überall gärt verständlicher Unmut, der, sofern dieser Weg von den Regierungen weiter beschritten werden sollte, schnell auch großflächig in eine vergleichbare, blanke Wut umschlagen kann wie dieser Tage in Frankreich.

Währenddessen steigen die Aktienmärkte weltweit fröhlich weiter an. Denn dort dominieren weiterhin diejenigen, die es sich leisten können, große Summen in die Börsen zu investieren. Wer Lebensmittelkarten bezieht, hat an der Börse keine Stimme. Obwohl manch ein Großinvestor über seine eigene, vergoldete Nase hinaus imstande ist, die kritische Gesamtlage zu erkennen, ist die Angst vor fallenden Kursen minimal, denn man weiß: Die Notenbanken und Regierungen können es sich nicht leisten, die Anleihe- und Aktienmärkte allzu weit fallen zu lassen. Das ist soweit auch richtig. Es bleibt aber die Frage, ob sie diese Stützungen wirklich aufrecht erhalten sollten und auf Dauer werden, denn:

Das Stützen der Anleihemärkte und die daraus durch Kapitalwanderungen mit verursachten Steigerungen der Kurse bei Aktien und Rohstoffen ist nicht in der Lage, die eigentlichen Probleme auch nur im Ansatz zu lösen. Weder verkleinert sich dadurch der Berg an Bond-Giftmüll, noch wird dadurch in den USA auch nur ein einziger Arbeitsplatz geschaffen, wie wir an den Statistiken ebenso wie am Bild auf der Straße unzweideutig erkennen können. Diese Aktivitäten des „Quantitative Easing“ dienen nur dazu, den äußeren Schein zu wahren. Und sie überzeugen nur diejenigen, die nicht allzu viel Kontakt mit der Realität außerhalb ihrer Büros pflegen. Momentan funktioniert dieses Spielchen noch relativ reibungslos. Aber auf Sicht einiger Monate oder Jahre ist sehr zu bezweifeln, dass es denen, die durch die Krise in vielen Fällen sogar noch reicher wurden, gelingen wird, sich weiterhin in ihren goldenen Türmen zu verkriechen.

Im Grunde war die große Depression der Dreißigerjahre zwar ungewollt, weil sie durch eine Kette von Fehlentscheidungen entstanden ist. Aber sie war damals der einzige Weg gewesen, eine echte Bereinigung der Situation zu erreichen und so einen Neuanfang zu ermöglichen, der wieder stabiles und gesundes Wachstum mit sich brachte. Ich hatte schon 2008 den Gedanken geäußert, dass es womöglich vernünftiger wäre, die auch heute immer noch eiternden, wenngleich sorgsam versteckten Wunden auszubrennen, indem man die in sich zusammenbrechen den Spekulationen sich selbst überlassen würde.

Wenn ich mir ansehe, welchen Erfolg die zahllosen Milliarden neu gedruckten Geldes bislang hatten, wäre es wohl wirklich besser gewesen. Ich habe den Eindruck, dass wir erneut eine Kette von Fehlentscheidungen miterleben, die statt zu einem Ende mit Schrecken nun zu einem Schrecken ohne Ende führen und über die wir in einigen Jahrzehnten in den Geschichtsbüchern lesen werden.

Dieser Tanz auf dünnem Seil an den weltweiten Börsen kann noch Monate, im Extremfall sogar Jahre gut gehen. Aber da wir heute beurteilen können, dass in den vergangenen Jahren kein einziges Problem wirklich gelöst wurde, können wir davon ausgehen, dass wir alle dafür voraussichtlich jahrelang büßen müssen. Mir ist schon klar, dass die Mehrheit der Menschen und wohl fast alle Investoren ein „Nach mir die Sintflut“-Denken pflegen. Aber ich bin überzeugt, dass die allermeisten derer, die so denken, von dieser Sintflut noch voll erwischt werden. Dies ist keine Prognose für die kommenden Wochen oder Monate, sondern zielt auf die nächsten Jahre ab. Denn wir haben ja nun mehrfach lernen dürfen, dass nichts so lange hält wie der schöne Schein. Aber sollte es nicht gelingen, endlich eine Wurzelbehandlung all der versteckten Probleme anzuleiern, werden wir nächstes oder übernächstes Jahr ernste Probleme bekommen. Und das sollte man, allen intakten Aufwärtstrends zum Trotz, bereits heute zwar nicht als Put im Depot, aber doch im Hinterkopf haben!

Mit den besten Grüßen
Ihr
Ronald Gehrt

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