100% sind nicht das Ende!

1. Mai 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Der Jahrmarkt der Rekorde an den Märkten bietet immer neue Glanzlichter. Wer heute eine Unternehmensanleihe kauft, erhält zwar nur niedrige Renditen. Immerhin aber hätte er sich einen Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde verdient…

Denn mittlerweile machen die Risikoprämien oft mehr als 100 Prozent der Gesamtrendite aus. Wundervoll!

Die Rekorde an den Finanzmärkten nehmen kein Ende. Man weiß kaum noch, wohin man zuerst schauen soll. Lassen wir den Blick zunächst auf die über den Umweg negativer Renditen eingeführte Staatsanleihensteuer anfangen. Der Anleger kauft eine Bundesanleihe und zahlt dafür Zinsen, einfach toll. Werden diese gezahlten Zinsen eigentlich steuerlich mit anderen Verlusten gleichgesetzt? Das würde den Schmerz lindern. Oder darf es doch die Unternehmensanleihe sein, für die der Schuldner Zinsen erhält? Wer leiht nicht gerne einer Firma Geld um später ein bisschen weniger zurück zu bekommen. Ein Traum, der jeden Anleger zum ehrenamtlichen Geldverleiher macht.

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Noch ein paar Quartale dann überweist uns die Allianz vermutlich jeden Monat einen Euro für unsere Versicherung. Wenn in Skandinavien bereits negative Hypothekenzinsen real existierend sind, dann ist alles möglich. So lässt sich in Zeiten knapper Kassen elegant und wirtschaftspolitisch korrekt die dünne Rente aufbessern. Einfach ein paar Million bei der Bank aufnehmen und von den Zinsen leben. La Dolce Vita!

Unser aller Dank an die Herren Draghi und Juncker sowie deren treue Kreuzritter der Einheitswährung. Das kalte Schaudern, das der Beobachter im Nacken spürt, ist nichts anderes als der frische Wind des kommenden Aufschwungs. Wenn man fürs Schuldenmachen bezahlt wird, dann braucht man auch für Kleinigkeiten wie Investionen nicht mehr auf läppische Dinge wie Nachfrage achten. Nachfrage ist 80er. Man darf gespannt sein, wann die Gewerkschaften ihren Teil zum konjunkturellen Aufschwung leisten und negative Stundenlöhne einführen. Wer weniger als nichts für seine Arbeit bekommt, muss sich höher verschulden und bekommt noch mehr Zinsen. Das Perpetuum Mobile der Realwirtschaft findet sich somit überraschenderweise unter der Nulllinie. Die Alten haben es schon immer gewusst: Weniger ist mehr.

So eine auf den Kopf gestellte Welt bringt aber auch Ungemach mit sich. Selbst der Freizeitzocker muss sich im Rahmen eines engagierten Change Managements an die veränderte Situation anpassen. Eben noch erfreute man sich des hohen Lottogewinns und nun stehen die Strafzinsen ins Haus. Wie wäre es mit der Minus-Ein-Milliarde-Euro-Lotterie? Zum einen fallen auf Verluste keine Steuern an, zum anderen bekommt man dann Geld für den gewonnenen neunstelligen Kredit. Bei dem Sümmchen kommen schon bei 0,25% auf dem Tagesschuldenkonto satte zweieinhalb Millionen Euro pro Jahr raus. Da kann man sich fortan täglich gemeinsam mit den lieben Nachbarn in die Besinnungslosigkeit grillen.

Rein gedankliche Beschränkungen wie die 100% Marke sind mit dem Zerfall der 0%-Mauer in den Köpfen in die Geschichte eingegangen. Bei vielen Unternehmensanleihen liegt der Anteil der Risikoprämien an den Gesamtrenditen bezogen auf den Gesamtmarkt mittlerweile bei mehr als 100%. Die Risikoprämie ist eigentlich ein Aufschlag auf den “risikolosen Zins” der Staatspapiere. Da dieser negativ ist, macht die Prämie nun mehr als 100% aus. Ob im Unkehrschluss davon auszugehen ist, dass Staatspapiere nicht nur kein sondern sogar weniger als kein Risiko haben, wird sicher bald von führenden Universitäten untersucht.

Besonders putzig ist es, dass immer noch einige Risiko-Ermittler die Volatilität als Risikomaß wählen, während bei den Staatsanleihen die Verluste für Buy-and-Hold Investoren bereits beim Abschluss feststehen. Zugegeben, das sind nur die minimalen Verluste, allerdings dürfte der Werkzeugkasten der Risikoabteilungen nach einer Aktualisierung schreien.

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So, jetzt aber zurück an die Arbeit. Es ist Zeit sich um die Kreditgeber zu kümmern. Na, hoffentlich sind die auch kreditwürdig, sonst können die ja die Zinsen nicht zahlen.

 

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3 Kommentare auf "100% sind nicht das Ende!"

  1. Erich Paus sagt:

    „… machen die Risikoprämien oft mehr als 100 Prozent der Gesamtrendite aus. …“

    Risikoprämien sind Versicherungsbeiträge zur Übernahme der Haftung bei Kreditausfall.
    Sie sind für ausgefallene Kredite zu verwenden!
    Bei Auszahlung diesser Prämien als Gewinn sind die Bezieher dieser Erträge für die Kreditausfallhaftung heranzuziehen!

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Erich Paus,

      eben das macht es so interessant. Wenn jemand 1% Risikoprämie benötigt um einen Kauf zu rechtfertigen, aber auf Grund negativer Referenzzinssätze (Staatspapiere) nur 80 Basispunkte erhält, kann die Risikoprämie ihrer Aufgabe nicht gerecht werden.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

  2. Michael sagt:

    Gedankenexperiment. Schauen wir auf Konsum durch die Linse der Investition. Es handelt sich dabei um eine ‚Investition‘, die Weitergabe von ‚Kapital‘ zur Finanzierung von Produktion im Stile der Arbeitsteilung. Aus Sicht des Wirtschaftsraum partizipativ aus Sicht des Betriebs der das Gut herstellt anztizpativ. Konsum ist eben die schwächste Form der Investition. Ein Investition an sich bedingt ja das Mitwirken am Gelingen der Tauschaktivitäten. (Unternehmer)

    Das Kapital dreht aus der Sicht des vermeintlichen Investors mit 0. Sein Vermögen (Finanzvermögen) bezogen auf den Beobachtugnszeitraum immer mit 1. (ähnlich der Lichtgeschwindigkeit – die ist egal wie man draufschaut immer konstant). Wenn sie aber Geld Dritten zum Veranlagen geben machen sie so etwas wie Konsum mit Zins. In Wahrheit passiert jetzt nichts anderes mehr als, dass sich der Finanzertrag aus dieser Form der ‚Investition‘ einstellt mit dem Zins aus weggeben Kapital – nämlich 0.

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