100 Jahre FED: Kein Grund zum Feiern

4. Januar 2014 | Kategorie: Gäste

von Prof. Thorsten Polleit

Vor 100 Jahren, am 23. Dezember 1913, verabschiedete der US-Kongress das Zentralbankgesetz (“Federal Reserve Act”). Das war der Geburtstag der Federal Reserve (Fed). Vermutlich werden viele Kommentatoren zum Wiegenfeste der Fed lobende Worte finden…

Daher können sich die nachfolgenden Ausführungen auf eine kritische Rückschau beschränken. Es fällt schwer, im hundertjährigen Geburtstag der Fed einen Grund zum Feiern zu erblicken.

Die Amerikaner hatten sich lange Zeit gegen die Schaf-fung einer Zentralbank, wie sie in Europa vielfach anzutreffen war, geradezu vehement gewehrt. Sie fürchteten politische Machtkonzentration und Machtmissbrauch als Folge einer solchen Institution.

Doch es war das beharrliche Agieren der amerikanischen Großindustrie- und Bankeninteressen – angeführt vor allem von den Häusern J. P. Morgan und J. D. Rockefeller –, die in der amerikanischen Öffentlichkeit den Feldzug zur Errichtung einer amerikanischen Zentralbank anführten. Weil der Widerstand in der Öffentlichkeit jedoch groß war, sprachen sie nicht davon, eine „Zentralbank“, sondern eine „Federal Reserve“ errichten zu wollen. Das Vorhaben wurde schließlich erfolgreich abgeschlossen. Der amerikanische Ökonomen Murray N. Rothbard (1926 – 1995) hat in seinem umfassenden Werk „A History of Money and Banking in the United States“ die fragwürdige Entstehungsgeschichte der Fed ausführlich dargelegt.

Die Fed hat nicht etwa – wie ihre Befürworter es der Öffentlichkeit versprachen – die monetäre und wirtschaftliche Stabilität befördert. Das Gegenteil ist der Fall. Unter ihr wurde die Inflation chronisch. Von Ende 1913 bis heute ist die Kaufkraft des US-Dollar um etwa 96 Prozent gefallen. Spekulationsblasen, „Boom-and-Bust“-Zyklen und eine immer weiter anschwellende Verschuldung sind zur Regel geworden. Und es war letztlich auch die Fed, die mit ihrer Fähigkeit, den Staat „problemlos“ mit neu geschaffenem Geld zu finanzieren, einer aggressiven Außen- und Kriegspolitik Tür und Tor geöffnet hat.

Von Beginn an erwies sich die Fed, wie von ihren Befürwortern gewollt, als inflationäre Apparatur. Eine ihrer ersten Handlungen war für eine Expansion der US-Geldmenge zu sorgen, indem sie die Mindestreservesätze für Banken drastisch absenkte (und zwar von 21,1 Prozent in 1913 auf nur noch 9,8 Prozent im Juni 1917). Ab Mitte der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab die Fed dann unter ihrem Vorsitzenden Benjamin Strong (1872 – 1928) dem britischen Drängen nach, eine inflationäre Geldpolitik zu verfolgen. Dadurch sollte der Goldabfluss aus Großbritannien aufgehalten werden. Großbritannien hatte nämlich in Europa einen „Gold-Devisen-Standard“ etabliert. Er erwies sich jedoch als eine inflationäre und instabile monetäre Konstruktion, und schon bald zogen Anleger ihr Gold von britischen Banken ab, um es in Amerika in Sicherheit zu bringen. Die Fed senkte daraufhin die Zinsen und weitete die Kredit- und Geldmenge aus. Die Folge dieser monetären Expansion war ein fulminanter „Boom“, der Ende 1929 platzte und die „Große Depression“ einläutete.

In der Literatur ist viel darüber diskutiert worden, dass die Fed damals zu zögerlich gewesen sei, die Geldmenge auszuweiten, um die Depression zu überwinden. Es gibt jedoch auch Stimmen, die sagen, es sei die Fed selbst gewesen, die die Depression überhaupt erst ausgelöst hat. Wie dem auch sei: Die geldpolitische Reaktion auf die Depression lautete: Wiederbelebung der monetären Expansion. Doch wie sollte das gelingen? Der US-Dollar war ja immer noch an das nicht beliebig vermehrbare Gold gebunden.

Angesichts der bereits erfolgten Zentralisierung des US-Bankensystems durch die Fed war es ein leichtes für US-Präsident Franklin D. Roosevelt (1882 – 1945), die Goldbestände, die die Amerikaner bei ihren Geschäftsbanken hielten, zu enteignen. Er befahl den Banken, das bei ihnen gelagerte gelbe Metall an die Fed zu übertragen.

Anfang 1933 verbot Roosevelt den Privaten dann die Goldhaltung – ein Verbot, das erst 1974 aufgehoben wurde. 1934 ließ Roosevelt zudem den US-Dollar gegenüber dem Gold abwerten: Der Goldpreis wurde von 20,67 US-Dollar auf 35 US-Dollar erhöht.

Wie schon im Ersten Weltkrieg finanzierte die Fed auch die Kriegsausgaben des Zweiten Weltkriegs durch Schulden und Geldmengenausweitung. In der Zeit von 1942 bis 1951 verfolgte sie eine Zinskontrollpolitik, durch die sie die Langfristzinsen unter die Inflationsrate drückte. Die Halter von US-Dollar und in US-Dollar ausgewiesenen Schuldverschreibungen erlitten so eine negative Realverzinsung. Sie bezahlten gewissermaßen die Kriegskosten durch Entwertung ihrer Ersparnisse… (Seite 2)

 

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3 Kommentare auf "100 Jahre FED: Kein Grund zum Feiern"

  1. bluestar sagt:

    Sehr guter Artikel, zeigt auf dass schon vor 100 Jahren die Eliten des Großkapitals und der Finanzwirtschaft ihre Interessen gegen die Mehrheit der Bevölkerung ungehemmt
    und ungestraft durchsetzen konnten.
    100 Jahre später befindet sich die gesamte Zivilisation in Sklaverei und Geiselhaft dieser wenigen Parasiten. Aber: Ich glaube vor 100 Jahren war wohl der Wiederstand des Bürgertums größer wie heute und einige Politiker hatten wohl noch moralische Bedenken oder ein schlechtes Gewissen Werkzeug dieser Verbrecher zu sein.

  2. samy sagt:

    N’Abend,

    die aktuellen Risiken der FED-Politik einmal auf den Puinkt gebracht.
    „http://www.wiwo.de/politik/konjunktur/us-notenbank-mit-janet-yellen-in-die-naechste-krise/9286294.html“

    Hieraus: „…Eigentlich ist Quantitative Easing (QE) kein neues geldpolitisches Konzept. Bereits in den späten 1920er Jahren war die Fed, ganz besonders die New Yorker Fed unter ihrem damaligen Präsidenten Benjamin Strong damit beschäftigt durch Ankäufe von Staatsanleihen die Zinsen niedrig und das Geldangebot expansiv zu gestalten. Ähnlich wie Bernanke setzte Strong damals auf höhere Aktienkurse und den Vermögenseffekt. Der US-Aktienmarkt haussierte von 1926 an ohne nennenswerte Korrektur. Wall Street war euphorisch wie heute. Im September 1929 aber war der Gipfel erreicht. Es folgte der Börsenkrach, die Große Depression und die Weltwirtschaftskrise. …“

    Es gibt so einen Spruch, der Einstein zugeschrieben wird. Sinngemäß sagt er, wer immer das gleiche tut und andere Ergebnisse erwartet, der hat ein BonBon am Pullover kleben.

    🙂

    VG

    • samy sagt:

      Nachtrag, falls jemanden Wirtschaftsgeschichte interessiert. Zwei Schwergewichte der Wirtschaftswissenschaften, zwei Meinungen zu Strong.

      Aus der engl. wiki über Strong:

      “ … Economic historian Charles P. Kindleberger states that Strong was one of the few American policymakers interested in the troubled financial affairs of Europe in the 1920s, and that had he not died in 1928, just a year before the Great Depression, he might have been able to maintain stability in the international financial system;[3] though economist Murray Rothbard claimed that it was Strong’s manipulations that caused the Depression in the first place. [4]…“

      Genau wie heute, viele kluge Köpfe mit verschiedenen Meinungen. Crash, Crack-up-Boom oder schlicht kommende Stabilität?

      Was man über Bernanke sagen wird?

      VG

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